Vize-Ratespiel: Mr. Farblos sucht einen «Running Mate»
Aktualisiert

Vize-RatespielMr. Farblos sucht einen «Running Mate»

In Kürze will Mitt Romney seinen Vize-Kandidaten bekannt geben. Seine beiden Favoriten sind so langweilig wie er. Oder wagt Obamas Herausforderer doch noch einen Coup?

von
Peter Blunschi
New York

In den letzten Wochen befand sich Mitt Romney vorwiegend in der Defensive. Höchste Zeit, dass der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner die Initiative ergreift – etwa mit der Bekanntgabe seines Bewerbers für die Vizepräsidentschaft. Romneys Wahlkampfteam kündigte an, die Entscheidung über eine Smartphone-App zu verkünden. «Die historische Ankündigung rückt näher», sagte Romney-Beraterin Beth Myers. Die kostenlose App mit der Bezeichnung «Mitt's VP» ist für iPhone und Android erhältlich.

US-Medien spekulieren, dass der Ex-Gouverneur von Massachusetts bereits in den kommenden Tagen seinen «Running Mate» für die Wahl im November vorstellen könnte. Am Wochenende wird Romney zu einer mehrtägigen Bus-Tour durch umkämpfte Bundesstaaten aufbrechen. Er könnte aber noch einige Tage zuwarten, bis zum Ende der Olympischen Spiele in London, die derzeit die Schlagzeilen dominieren.

Portman in der Poleposition

Als Favoriten gelten zwei Männer aus dem Norden: Senator Rob Portman aus Ohio und Tim Pawlenty, der Ex-Gouverneur von Minnesota. Portman wird hierzulande oft als «Schweizer» bezeichnet, was etwas weit hergeholt ist. Sein Vorfahre wanderte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem solothurnischen Herbetswil in die USA aus. Portmans Vorteil: Noch nie ist ein Republikaner Präsident geworden, ohne in Ohio zu gewinnen. Derzeit liegt Barack Obama in den Umfragen jedoch vor Mitt Romney. Der Amtsinhaber geniesst im kriselnden Industriestaat wegen der Staatshilfe für die Autokonzerne einigen Goodwill.

Rob Portman ist deshalb für viele politische Kaffeesatzleser der Topfavorit. Er und Pawlenty gelten zudem als sichere Werte. Ausserdem sind sie ähnlich uncharismatisch wie Mitt Romney und drohen damit nicht, den steifen Präsidentschaftskandidaten in den Schatten zu stellen. Genau das sorgt jedoch für Kritik: Soll ein weisser Langeweiler tatsächlich mit einem weissen Langeweiler in den Wahlkampf ziehen? Die Wahl von Portman oder Pawlenty würde das Image der Republikaner als Partei alter weisser Männer zementieren.

Romney soll ein Zeichen setzen

Der «Weekly Standard», das Zentralorgan der Neokonservativen, hat Romney deshalb in einem Leitartikel aufgefordert, nicht auf Nummer sicher zu gehen, sondern eine mutige Wahl zu treffen: Nicht Portman oder Pawlenty, sondern den Kongressabgeordneten Paul Ryan, intellektueller Vordenker der Partei, oder Senator Marco Rubio aus Florida. Das Land brauche dringend «echte Führungsqualitäten», und mit der Wahl von Ryan oder Rubio würde Romney verdeutlichen, «dass er bereit ist, sie zu liefern», so der «Weekly Standard».

Allerdings liefern beide auch Angriffsflächen für die Demokraten: Paul Ryan mit seinen Budgetplänen und Marco Rubio mit seiner «frisierten» Biographie: Seine Eltern waren nicht wie von ihm behauptet vor der Castro-Revolution aus Kuba geflüchtet, sondern einige Jahre zuvor in die USA ausgewandert. Mitt Romney gilt zudem als notorisch risikoscheu. Falls er einen Vertreter einer Minderheit wählt, dann wohl eher Bobby Jindal, den indischstämmigen Gouverneur von Louisiana. Er verfügt im Gegensatz zu Rubio über wenig Charisma.

Eine Frau und/oder eine Überraschung?

Ideal wäre für viele ein Frau, die gleichzeitig einer Minderheit angehört. Diesem Profil entsprechen Ex-Aussenministerin Condoleezza Rice sowie die Gouverneurinnen Susana Martinez (New Mexico) und Nikki Haley (South Carolina). Allerdings finden sich ihre Namen auf einer am Montag veröffentlichten Rednerliste für den Parteitag von Ende August in Tampa (Florida) – für Politbeobachter ein Indiz, dass sie nicht mehr im Vize-Rennen sind. Wenn eine Frau, dann wohl am ehesten Senatorin Kelly Ayotte aus New Hampshire.

Möglich bleibt auch, dass Mitt Romney einen Überraschungscoup landen und einen Namen präsentieren wird, der in den Ratings derzeit nicht auf den vordersten Rängen auftaucht – zum Beispiel General David Petraeus, Ex-Oberbefehlshaber im Irak und in Afghanistan und heute Direktor des Geheimdienstes CIA. Allerdings wird er tunlichst ein Debakel vermeiden, wie es John McCain vor vier Jahren mit der Wahl von Sarah Palin produzierte. Die Wahl der unbedarften Gouverneurin von Alaska erwies sich als ziemlicher Schuss in den Ofen.

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