Aktualisiert 17.07.2016 17:25

Dermatologe«Mückenschwärme sind völlig harmlos»

Kaum war es in der Schweiz richtig warm, stürzten sich Mücken auf uns. Ihre Stiche wirkten aggressiver als früher. Ein Dermatologe nimmt Stellung.

von
F.Riebeling
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Sieht es in Ihrer Nähe so aus, wie auf diesem Bild, können Sie nahezu unbesorgt sein: Mücken, die in Schwärmen auftreten, tun Ihnen nichts. Denn in der Regel handelt es sich dabei um männliche Tiere, die sich nicht von Blut, sondern von Nektar ernähren.

Sieht es in Ihrer Nähe so aus, wie auf diesem Bild, können Sie nahezu unbesorgt sein: Mücken, die in Schwärmen auftreten, tun Ihnen nichts. Denn in der Regel handelt es sich dabei um männliche Tiere, die sich nicht von Blut, sondern von Nektar ernähren.

iStock/Dmitry_7
Anders die weiblichen Exemplare: Sie sind meist allein unterwegs und ernähren sich von Blut, das sie für die Entwicklung ihrer Eier und damit für die Fortpflanzung brauchen.

Anders die weiblichen Exemplare: Sie sind meist allein unterwegs und ernähren sich von Blut, das sie für die Entwicklung ihrer Eier und damit für die Fortpflanzung brauchen.

PD
Hat es einen trotz aller Vorsichtsmassnahmen wie dem Sprühen von Insektenschutzmittel und dem Tragen langer Kleidung doch erwischt, hilft es, die Einstichstelle mit Spucke zu benetzen. Weil sie kühlt, lindert sie den Juckreiz zumindest vorübergehend.

Hat es einen trotz aller Vorsichtsmassnahmen wie dem Sprühen von Insektenschutzmittel und dem Tragen langer Kleidung doch erwischt, hilft es, die Einstichstelle mit Spucke zu benetzen. Weil sie kühlt, lindert sie den Juckreiz zumindest vorübergehend.

Flickr.com/DieselDemon/CC BY 2.0

In der Schweiz sind die Stechmücken los. Schuld daran ist das überwiegend nasse Wetter der letzten Wochen. Das Aufkommen der Tiere ist in einigen Regionen sogar so stark, dass Helikopter eingesetzt werden, die grossflächig ein bakterielles Insektizid versprühen.

Doch nicht nur die grosse Zahl der Tiere ist auffällig, auch die Reaktionen, die ihre Stiche auslösen. Statt nur für kleine Pickelchen zu sorgen, bilden sich hierzulande bei vielen Menschen handflächengrosse, rote Flecken, die eher an Ausschlag als an einen klassischen Mückenstich erinnern (siehe Bildstrecke). Für manche ist der Juckreiz (siehe Box) kaum auszuhalten.

Während einige 20-Minuten-Leser deswegen beunruhigt sind, bleibt Peter Schmid-Grendelmeier, Dermatologe am Universitätsspital Zürich, völlig entspannt – zumindest vorerst.

Herr Schmid-Grendelmeier, warum reagieren viele Menschen so heftig auf die Mückenstiche?

Das ist oft eine ganz normale Reaktion des Körpers. Denn am Anfang der Saison, wenn man lange keine Mückenstiche mehr hatte, reagiert man stärker auf die Attacken als gegen Ende des Sommers. Schliesslich muss sich der Körper erst mal wieder an Stiche und Speichel der Mücken gewöhnen.

Um eine allergische Reaktion handelt es sich dabei also nicht?

Es handelt sich meist eher um eine lokale Überempfindlichkeitsreaktion. Gefährliche Allergien sind bei Mücken zum Glück selten, anders als bei Bienen und Wespen. Wie jemand auf einen Stich reagiert, hängt immer vom Immunsystem des Einzelnen wie auch der Art der stechenden Mücke ab.

Wann sollte man den Arzt aufsuchen?

Sobald Hautreaktionen ausserhalb des Mückenstichs auftreten, sollte man genauer hinschauen. Wenn jemand Atemnot- oder Kreislauf-Symptome hat, ist das natürlich ein Grund für einen Arztbesuch. Aber dazu kommt es glücklicherweise nur selten. Deutlich häufiger sind Infektionen, die sich mit Eiter, pulsierendem Schmerz und Fieber bemerkbar machen. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn beim Kratzen Verunreinigungen in die Mini-Wunde gelangt sind. Dann sollte man zum Arzt oder zumindest in die Apotheke.

Wie viele Stechmückenarten gibt es überhaupt in der Schweiz?

Mindestens 35. Und bei allen sind es die Weibchen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte, weil sie unser Blut für die Aufzucht ihres Nachwuchses brauchen. Die Männchen ernähren sich in der Regel von Nektar.

Wie erkennt man die Weibchen?

Die Unterscheidung ist recht einfach: Bei den Mückenschwärmen, die sich häufig am Wasser tummeln, handelt es eigentlich immer um Männchen. Die Weibchen hingegen sind meist allein unterwegs.

Gibt es hierzulande auch Stechmücken, vor denen man Angst haben muss?

Nein. Die Mücke an sich stellt in unseren Breitengraden kaum ein Problem dar, ausser für Leute mit eigentlichen – wie erwähnt seltenen – Mückengift-Allergien. Dass Mücken Krankheiten übertragen, kommt hierzulande glücklicherweise nur sehr selten vor.

Sie bleiben also weiterhin entspannt?

Absolut: Es ist Anfang Saison, daher sind die Reaktionen oft stärker und es hat besonders viele Mücken. Da kumulieren sich zwei Sachen und das, was wir da draussen erleben, ist zwar mühsam und wirklich lästig, aber ganz normal. Wenn es in vier Wochen allerdings immer noch so sein sollte, dann müsste ich meine Meinung revidieren.

Darum juckt der Mückenstich

Stechen Mücken zu, geben sie Speichel in die oberen Hautschichten ab. Das machen allerdings nur die Weibchen, da sie sich anders als die Männchen von Blut ernähren, das sie für die Entwicklung ihrer Eier und damit für die Fortpflanzung brauchen. Der Mückenspeichel enthält Proteine, die verhindern, dass das menschliche Blut gerinnt und erleichtern den Tieren so das Blutsaugen. Zur Abwehr der Fremdstoffe schütten Immunzellen des Menschen den Botenstoff Histamin aus. Dieser reizt die umliegenden Nervenzellen, die ein Jucksignal ans Hirn senden. Zudem provoziert das Histamin eine Entzündung. Dadurch werden Fremdstoffe abgebaut und Zelltrümmer entfernt. Das Resultat: Der Stich schwillt an.

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