Gräueltaten in Butscha - «Müssen damit rechnen, dass Brutalität der russischen Soldaten noch zunimmt»
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Gräueltaten in Butscha«Müssen damit rechnen, dass Brutalität der russischen Soldaten noch zunimmt»

Wie kann ein Mensch Taten wie jene gegen die ukrainische Zivilbevölkerung in Butscha verüben? Rechtspsychologe Hans-Werner Reinfried erklärt, wie es so weit kommen kann – und was das mit den Soldaten macht.  

von
Daniel Graf

Warnung: Dieses Video enthält Bilder, die dich aufwühlen können. Nach den Gräueltaten in Butscha ist die Welt entsetzt.

Darum gehts

  • Die Bilder und Berichte von ermordeten Zivilisten und – bisher noch nicht unabhängig bestätigten – Vergewaltigungen durch die russische Armee schockieren. 

  • Hans-Werner Reinfried ist Fachpsychologe für Psychotherapie, klinische Psychologie und Rechtspsychologie. 

  • Im Interview erklärt er, wie es zu den Gräueltaten kommen konnte, welche Rolle Alkohol und Drogen spielen und weshalb die russischen Soldaten kaum eine Chance haben, sich den Befehlen der Vorgesetzten zu widersetzen. 

Es sind schockierende Bilder, die seit einigen Tagen um die Welt gehen. Nach dem Abzug der russischen Truppen aus der ukrainischen Stadt Butscha sollen dort Dutzende Leichen von Zivilistinnen und Zivilisten auf der Strasse gelegen haben. In bisher unbestätigten Augenzeugenberichten wird Soldaten der russischen Armee auch vorgeworfen, vergewaltigt zu haben. Andere Bilder zeigen verbrannte Leichen. 

Hans-Werner Reinfried ist Fachpsychologe für Psychotherapie, klinische Psychologie und Rechtspsychologie. Er erklärt im Interview, wie es zu Taten wie jenen in Butscha kommen kann. 

 Die Bilder von nackten toten Kindern und verbrannten Leichen aus Butscha schockieren. Wie konnte es so weit kommen?

Die extreme russische Armeeführung ist hier zentral: Sehr junge Menschen, praktisch nicht auf einen Krieg vorbereitet, waren schon anlässlich ihrer Einführung in die Armee Demütigungen und Schikanen unterworfen, die jeden Widerstand brechen. Dann wurden sie unter einem Vorwand in die Ukraine geschickt und zu solchen Taten gezwungen. Wer sich weigert, wird erschossen oder landet im Gulag. Die russische Armee setzt solche Gräueltaten gezielt ein, um den Feind zu demoralisieren.

«Vor dem Krieg waren die Soldaten harmlose junge Männer, die von Handys, Autos und Frauen träumten.»

Was macht es mit einem 19-jährigen Soldaten, wenn er zu solchen Taten gezwungen wird?

Um solche Taten überhaupt begehen zu können, sind oft Alkohol und Drogen im Spiel, kombiniert mit der Todesangst, wenn der Befehl verweigert wird. Vor dem Krieg waren sie harmlose junge Männer, die von Handys, Autos und Frauen träumten. Die jungen Soldaten sind extremen psychischen Belastungen ausgeliefert, mit denen sie nicht fertigwerden. Es kommt zu einer Dekompensation, sprich: Sämtliche Mechanismen und Strategien, mit denen solche Erlebnisse normalerweise kompensiert und verarbeitet werden, brechen zusammen. Die Soldaten «funktionieren» nur noch, sie bringen die Gräueltaten hinter sich – in der Hoffnung, dass es danach vorbei ist.

Ist es jemals vorbei?

Für die meisten nicht. Im Krieg selber ist eine Verarbeitung gar nicht möglich. Und auch wenn der Krieg endet, verfolgen solche Erlebnisse die Soldaten meist bis an ihr Lebensende. Viele nehmen Drogen, die Suizidalität ist extrem hoch unter Veteranen, die in solchen Kriegen kämpfen mussten.

Hans-Werner Reinfried ist Fachpsychologe für Psychotherapie, klinische Psychologie und Rechtspsychologie sowie eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut. 

Hans-Werner Reinfried ist Fachpsychologe für Psychotherapie, klinische Psychologie und Rechtspsychologie sowie eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut. 

Katja Gläss 

Man ist geneigt zu sagen: «Ich wäre lieber erschossen worden, als solche Taten zu begehen.» Einfacher gesagt als getan?

Ja. Viele russische Soldaten würden sicher am liebsten aussteigen, doch sie müssen damit rechnen, dann selber erschossen zu werden. Unter Todesangst ist der Mensch zu Vielem fähig. Dazu kommt eine unglaubliche Verachtung der Kameraden für diejenigen, die Schwäche zeigen. Und es findet eine Eskalation statt: Das erste Mal zu töten ist für einen Soldaten meist sehr hart, es verfolgt ihn, er hat Angstzustände und schläft kaum. Doch danach stumpft er ab und macht weiter, um diesen Wahnsinn hinter sich zu bringen.

«Es kann zu einer Art Wahn kommen, einer extremen Steigerung von Angstgefühlen.»

Geben Berichte von desertierten Soldaten Hoffnung?

Wir hoffen natürlich, dass es zu mehr Befehlsverweigerung kommen wird. Gebildete junge Menschen sind zu Tausenden aus Russland geflüchtet, weil sie genau wussten, was sie im Falle einer Zwangsverpflichtung erwarten würde. Doch wer tatsächlich einmal im Krieg ist, für den ist es wie erwähnt extrem schwierig, sich dem zu entziehen und mit dem Leben davonzukommen.

Es gibt auch Berichte, dass die Soldaten Gefallen am Töten finden, in eine Art Blutrausch verfallen.

Blutrausch finde ich einen unpassenden Ausdruck. Aber es kann durchaus eine Art Wahn entstehen, eine extreme Steigerung von Angstgefühlen. Diese ausserordentlichen Umstände können dazu führen, dass Einzelne extrem zu wüten beginnen. Ist der Krieg vorbei, verstehen sie ihre Handlungsweisen nicht und verzweifeln daran.

Gibt es auch Sadisten, blinde Ukraine-Hasser?

Ein paar krankhafte Sadisten, die ihre Neigungen ausleben, gibt es wohl leider in jedem Krieg. Ein Beispiel dafür ist Ramsan Kadyrow, der Krieg mit seiner Truppe blutiger Schlächter zum Beruf gemacht hat. Solche Männer sind aber klar zu unterscheiden von den jungen russischen Soldaten. Auch sie wurden zwar seit Jahren mit Putins Ideologie verseucht, müssen in den Schulen Loblieder auf den russischen Staat singen und geloben, dass sie ihn verteidigen und vergrössern werden. Doch auf die Realität, die sie im Krieg antreffen, hat sie das nicht vorbereitet.  

«Die Befehlshaber zwingen ihre Soldaten in Situationen, in die ein Mensch niemals kommen sollte.»

Also sind eigentlich die Befehlshaber verantwortlich?

Ja. Sie zwingen ihre Soldaten in Situationen, in die ein Mensch niemals kommen sollte. Auch gut ausgebildete Soldaten werden mit solchen Grässlichkeiten nicht fertig. Doch die Gräueltaten werden in der russischen Armee sehr bewusst zugelassen und folgen unerbittlichen, nationalistischen und religionsgestützten Überzeugungen: Das Ziel, den Feind mit diesen Taten zu demoralisieren, rechtfertigt alles. Auf der anderen Seite stehen die Soldaten, die unter falschen Versprechen in diesen Krieg geführt wurden. Ihr Wohl und die eigenen Verluste spielen für die Armeeführung kaum eine Rolle.

Funktioniert die Demoralisierung der Ukraine denn?

Sicher weniger gut, als Russland sich das vorgestellt hat. Leider wird dies aber wohl nicht zu einem Umdenken führen. Wir müssen damit rechnen, dass die Brutalität der russischen Armee noch zunimmt, dass sie noch schlimmere Taten verüben werden. Das sind neben direkten Angriffen und Gräueltaten wie in Butscha auch die vermehrten Bombardierungen ziviler Einrichtungen aus der Ferne.

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