Aktualisiert 23.03.2020 11:01

Wegen Corona-KriseMüssen Schüler jetzt die Klasse wiederholen?

Die oberste Zürcher Schulleiterin schlägt vor, alle Schüler ein Jahr zurückzusetzen – sollte der Unterrichtsstopp bis zu den Sommerferien ausgeweitet werden.

von
zos/daw
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Wie Sarah Knüsel, Präsidentin des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Zürich, nun zur «NZZ am Sonntag» sagt, glaubt sie, dass die Corona-Krise den Bildungsweg der Schülerinnen und Schüler stark beeinflussen wird.

Wie Sarah Knüsel, Präsidentin des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Zürich, nun zur «NZZ am Sonntag» sagt, glaubt sie, dass die Corona-Krise den Bildungsweg der Schülerinnen und Schüler stark beeinflussen wird.

Keystone/Christian Brun
«Wir können nicht davon ausgehen, dass die Kinder im Sommer so weit sind wie im normalen Betrieb. Sie werden weniger weit sein oder unterschiedlich weit», so Knüsel.

«Wir können nicht davon ausgehen, dass die Kinder im Sommer so weit sind wie im normalen Betrieb. Sie werden weniger weit sein oder unterschiedlich weit», so Knüsel.

Keystone/Walter Bieri
Knüsel befürchtet: «Es wird nicht einzelne Kinder geben, die eine Klasse wiederholen müssen – das wird eher flächendeckend ein Problem.»

Knüsel befürchtet: «Es wird nicht einzelne Kinder geben, die eine Klasse wiederholen müssen – das wird eher flächendeckend ein Problem.»

Keystone/Gian Ehrenzeller

Was passiert, wenn Schüler wegen des Corona-Virus bis zu den Sommerferien die Schule nicht mehr besuchen können? «Wir können nicht davon ausgehen, dass die Kinder im Sommer so weit sind wie im normalen Betrieb. Sie werden weniger weit sein oder unterschiedlich weit», sagt Sarah Knüsel, Präsidentin des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Zürich gegenüber der «NZZ».

Gerade für Schüler der 1. Sekundarstufe würde es sehr schwierig, wenn ihnen ein halbes Jahr fehlen würde. Es werde nicht einzelne Kinder geben, die eine Klasse wiederholen müssten. Das werde eher flächendeckend ein Problem. «Sollte der Unterrichtsstopp bis zu den Sommerferien ausgeweitet werden, müssen wir uns überlegen, ob wir nicht alle Schüler ein Jahr zurücksetzen.»

«Ausnahmezustand ist auch eine Chance»

Die Mutter einer Viertklässlerin, die anonym bleiben möchte, findet den Vorschlag gut: «Meine Tochter hat schon während des normalen Schulbetriebs Mühe, mitzuhalten.» Homeschooling sei für das Mädchen schwierig. «Ich befürchte, dass sich ihr Rückstand in diesen Wochen zu Hause vergrössert. Damit könnte ihre Versetzung plötzlich in Frage gestellt werden.»

Skeptisch ist dagegen Meret Schneider (Grüne), die Mitglied der Bildungskommission des Nationalrats ist. «Ich sehe das Problem, den Stoff durchzubringen. Eine Wiederholung des Schuljahres ist aber eine sehr radikale Massnahme.» Die Lehrpersonen seien extrem gefordert, es nicht so weit kommen zu lassen: «Der Ausnahmezustand ist auch eine Chance. Die Schule kann neue Online-Formate ausprobieren, etwa Podcasts.» Zudem seien auch Online-Tests möglich, um den Lernfortschritt zu überprüfen. Ein solches Experiment könne lehrreich sein, auch wenn es für Lehrer eher noch mehr Aufwand bedeute. «Schüler können losgelöst vom Stundenplan lernen.»

Wiederholung nach Probezeit

Auch Sek-Lehrerin Lea Schaad fände es falsch, alle Schüler repetieren zu lassen: «Wenn die Schüler nach dieser langen Zeit ohne regulären Unterricht etwas Wesentliches nicht können, sollten Lehrpersonen in der Lage sein, dies aufzufangen. Sie können einen Gang zurückschalten und das Thema ad hoc repetieren.»

Schaad schlägt vor, alle Schüler nach der Coronakrise wieder normal in ihren Klassen zu empfangen und während einer Probezeit zu schauen, wie gut sie mitkommen. «Wenn es nicht gelingt, sollte ihnen unkompliziert und ohne viel Aufhebens die Chance gegeben werden, die Klasse zu wiederholen.»

Derzeit kaum Aussichten auf Lehrstellen

Sek-Lehrer Sammy Frey sieht die von Sarah Knüsel erwähnten Probleme. «Gerade für schwächere Schüler, die auf eine enge Betreuung der Lehrperson angewiesen sind, ist das Fernlernen eine riesige Herausforderung.» Schon jetzt zeichne sich ab, dass viele Schulen ihre Ansprüche heruntersetzen müssten. «Wir sind erst in Woche 1. Das Problem wird sich noch verschärfen, etwa wenn Lehrpersonen oder Eltern am Virus erkranken.»

Der Ball liege nun bei der Bildungsdirektion und beim Berufsverband. «Sie müssen Lösungen wie ein späteres Schuljahresende diskutieren.» Jugendliche, die am Ende ihrer Schulzeit stehen und den Übertritt in das Berufsleben machen müssen, leiden unter der jetzigen Situation besonders stark und sind verunsichert. «Sie finden zurzeit kaum eine Lehrstelle.»

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