Sportpsychologe zum WM-Out: «Müssen uns umso mehr hinter die Nati stellen»
Aktualisiert

Sportpsychologe zum WM-Out«Müssen uns umso mehr hinter die Nati stellen»

Die Bestürzung über die Bruchlandung der Nati ist gross – sowohl bei den Spielern als auch den Fans. Man soll sich aber auch weiterhin hohe Ziele setzen, sagt ein Sportpsychologe.

von
dk
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Die Schweiz scheitert erneut im Achtelfinal. Die Enttäuschung der Spieler ist gross.

Die Schweiz scheitert erneut im Achtelfinal. Die Enttäuschung der Spieler ist gross.

Keystone/Laurent Gillieron
Laut Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann sollen die Spieler jedoch nicht aufhören, sich hohe Ziele zu setzen: «Sie sollen auch weiterhin fürs Final packen.»

Laut Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann sollen die Spieler jedoch nicht aufhören, sich hohe Ziele zu setzen: «Sie sollen auch weiterhin fürs Final packen.»

Nach einer solchen Niederlage würden die Spieler oft am liebsten allein gelassen werden.

Nach einer solchen Niederlage würden die Spieler oft am liebsten allein gelassen werden.

Keystone/Laurent Gillieron

Schwach, ideenlos und unglücklich: So präsentierte sich die Schweizer-Nati im Achtelfinalspiel gegen Schweden. Im Vorfeld der Partie war die Euphorie noch gross gewesen: Das Erreichen des Viertelfinals galt als Mindestvorgabe. Granit Xhaka gab gar zu Protokoll, dass er die Koffer bis zum Final gepackt hat.

Nach dem erneuten WM-Ausscheiden hallen solche Aussagen bitter nach. Sind sie Ausdruck eines gesunden Selbstvertrauens oder unpassende Arroganz? Sollen die Schweizer aufhören, vom grossen Coup zu träumen? Wir haben beim Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann nachgefragt:

Herr Gubelmann*, wieso scheitern die Schweizer immer dann, wenn es darauf ankommt?

Bei einem solch wichtigen Match spielen immer viele verschiedene Faktoren eine Rolle. So ist es abhängig von der Tagesform, dem Gegner, dem Spielverlauf und der mentalen Verfassung der Spieler. Die war jedoch gut – man wollte es unbedingt ins Viertelfinal schaffen.

Dieses Ziel wurde verfehlt. Sind sie am Druck zerbrochen?

Das denke ich nicht. Klar war der Druck gross, aber für die Schweden war es nicht anders. Und die Spieler sind es sich aus dem Fussball-Alltag gewöhnt, mit grossen Erwartungen umzugehen. Beim Spiel haben mir aber das Feuer und die positiven Emotionen gefehlt!

Dürfen wir Schweizer als kleines Licht in der Sportlandschaft überhaupt noch vom grossen Exploit träumen oder müssen wir unsere Erwartungen in Zukunft herunterschrauben?

Halt – man muss vom Irrglauben Abschied nehmen, dass wir keine gute Sportnation sind, nur weil wir nicht überall flächendeckend Weltmeister werden. Immerhin kommt der weltbeste Tennisspieler aus der Schweiz und auch in vielen weiteren Sportarten sind wir Spitzenklasse.

Es ist extrem wichtig, sich weiterhin grosse Ziele zu setzen. Die Spieler sollen auch weiterhin für den Final packen. Eine negative oder verhaltene Herangehensweise bei zukünftigen Sportevents wäre fatal. Das jetzige Selbstbewusstsein hat sich die Nati schliesslich erarbeitet, darum steht sie auch auf Platz 6 der Fifa-Rangliste. Wie man sieht, ist das aber kein Ticket für den Erfolg. Auf den Erfahrungen kann man jedoch aufbauen. Die Schweiz hat sich an dieser WM sehr positiv in Szene setzen können und der Teamgeist der Nati war nie stärker.

Wie gehen die Spieler jetzt mit einer solchen Niederlage um?

Sofort nach dem Spiel ist der Frust und die Enttäuschung bei den Spielern natürlich am grössten. Viele Sportler sind in dieser Phase auch nicht wirklich ansprechbar und wollen am liebsten allein gelassen werden. Sie fühlen sich leer, sind abgekämpft und der Körper schmerzt.

Eine vertiefte Analyse des Spiels lohnt sich für Petkovic auch frühestens am Mittwoch, wenn die Spieler die Niederlage ein wenig verdauen konnten. Eine Nacht drüber zu schlafen ist meist das beste Mittel dazu. Am nächsten Morgen ist man immer noch traurig, aber man wird realisieren, dass sich die Erde auch weiterhin noch dreht.

Und was macht man als Fan, um diesen Hammer zu verdauen?

Auch als Fan darf und soll man trauern, wütend sein und seinem Ärger über das Spiel oder über einen Spieler Ausdruck verleihen. Allerdings soll man die Niederlage sportlich nehmen: Zwar hat man verloren, aber schliesslich haben die Jungs alles gegeben und auf der internationalen Bühne gute Werbung für den Schweizer Fussball gemacht.

Als Fan sollte man sich deshalb nach dieser Niederlage umso mehr hinter die Nati stellen. Man wird sich vor Augen führen, dass es immer noch ein nächstes Spiel gibt – eine Möglichkeit zur Revanche, eine Zukunft: Es geht weiter.

*Dr. Hanspeter Gubelmann ist Sportpsychologe, ETH-Dozent und und veröffentlicht regelmässig Texte auf die-sportpsychologen.de.

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