Aktualisiert 01.12.2016 10:24

EnergiestrategieMüssen wir künftig extra zahlen, wenn wir waschen?

Der Energie- und Stromverbrauch soll bis 2035 beträchtlich sinken. Was bedeuten die Ziele der Energiestrategie konkret für den Bürger?

von
D. Pomper
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Die Energiestrategie 2050 ist nach der gescheiterten Atomausstiegsinitiative unter Beschuss. Ein wichtiges Ziel der Energiestrategie: Bis 2050 soll eine 2000-Watt-Gesellschaft angestrebt werden. Was bedeutet das konkret für den Bürger?Im Bild: Plakate mit der Aufschrift «Die Bewohner dieses Hauses sind freie Bürger, sie brauchen so viel Strom, wie sie brauchen» hängen an einer Zürcher Hauswand.

Die Energiestrategie 2050 ist nach der gescheiterten Atomausstiegsinitiative unter Beschuss. Ein wichtiges Ziel der Energiestrategie: Bis 2050 soll eine 2000-Watt-Gesellschaft angestrebt werden. Was bedeutet das konkret für den Bürger?Im Bild: Plakate mit der Aufschrift «Die Bewohner dieses Hauses sind freie Bürger, sie brauchen so viel Strom, wie sie brauchen» hängen an einer Zürcher Hauswand.

Keystone/Ennio Leanza
Leben wir bald alle wie die Bewohner dieses energieautarken Mehrfamilienhauses in Brütten? Der Strom für Lampen, Backofen oder Fernsehen wird ausschliesslich durch Sonnenenergie erzeugt.

Leben wir bald alle wie die Bewohner dieses energieautarken Mehrfamilienhauses in Brütten? Der Strom für Lampen, Backofen oder Fernsehen wird ausschliesslich durch Sonnenenergie erzeugt.

Keystone/Siggi Bucher
Das Mehrfamilienhaus ist weder an ein Stromnetz noch an eine Gasleitung angeschlossen und besitzt keinen Öltank. Auf dem Dach und an den Fasssaden gibt es Photovoltaikelemente, mit denen die Wohnungen versorgt werden. In der Küche und im Bad stehen energieeffiziente Geräte.Im Bild: Bundesrätin Doris Leuthard besucht das erste energieautarken Mehrfamilienhaus der Welt.

Das Mehrfamilienhaus ist weder an ein Stromnetz noch an eine Gasleitung angeschlossen und besitzt keinen Öltank. Auf dem Dach und an den Fasssaden gibt es Photovoltaikelemente, mit denen die Wohnungen versorgt werden. In der Küche und im Bad stehen energieeffiziente Geräte.Im Bild: Bundesrätin Doris Leuthard besucht das erste energieautarken Mehrfamilienhaus der Welt.

Keystone/Siggi Bucher

Nachdem der Atomausstieg am Sonntag an der Urne scheiterte, ist die Energiestrategie 2050 des Bundes unter Beschuss. Ein wichtiges Ziel der Energiestrategie: Bis 2050 soll eine 2000-Watt-Gesellschaft angestrebt werden. Heute verbraucht der Schweizer durchschnittlich 8300 Watt pro Person. Der Energieverbrauch soll bis 2035 um 43 Prozent sinken und der Stromverbrauch um 13 Prozent (gegenüber 2000). Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Bund verschiedene Massnahmen festgelegt (siehe Box).

20 Minuten hat Befürworter und Gegner der Energiestrategie gefragt: Was bedeutet die Energiestrategie für die Einwohner der Schweiz? Müssen sie auf Luxus verzichten oder können sie weiterleben wie bisher?

«Gleicher Lebensstandard mit weniger Energie»

Der Strom für Lampen, Backofen oder Fernsehen wird ausschliesslich durch Sonnenenergie erzeugt. Das Mehrfamilienhaus ist weder an ein Stromnetz noch an eine Gasleitung angeschlossen und besitzt keinen Öltank. Auf dem Dach und an den Fasssaden gibt es Photovoltaikelemente, mit denen die Wohnungen versorgt werden. In der Küche und im Bad stehen energieeffiziente Geräte. In jeder Wohnung ist ein Tablet an der Wand installiert, das anzeigt, wie viel Prozent des täglichen, wöchentlichen und monatlichen Energiebudgets in der Wohnung verbraucht werden. Wer mehr als 100 Prozent verbraucht, muss dafür bezahlen. Die Art und Weise wie die Bewohner des energieautarken Mehrfamilienhauses in Brütten ZH bereits heute leben, könnte Schule machen.

Susanne Zünd vom Bundesamt für Energie lobt das Modell: «Die Bewohner leiden unter keinerlei Komforteinbussen.» Die in Brütten eingesetzten Technologien würden in den nächsten Jahren weiterentwickelt und sich in unserem Alltag verbreiten. Sollten irgendwann einmal Energieabgaben eingeführt werden, so blieben Bewohner solch energieautarker Häuser davon verschont, so Zünd. Ausserdem würden Erträge aus einer möglichen Lenkungsabgabe an die Bevölkerung und an die Wirtschaft zurückverteilt.

Auch Kathy Riklin (CVP) ist überzeugt: «Die Schweiz wird den Energie- und Stromverbrauch senken können, ohne dass die Bürger darunter leiden werden.» Der technologische Fortschritt entwickle sich rasant, so dass sich der Konsument dank energieeffizienteren Geräten und Fahrzeugen nicht einschränken müsse. «Er wird auch in Zukunft nicht auf seinen Kühlschrank oder die Kaffeemaschine verzichten müssen. Das heisst: Gleicher Lebensstandard mit weniger Energie.» Klar müsse, wer Energie konsumiere, mehr dafür zahlen. Aber: «Man kann auch mit einer geringeren Energieproduktion wunderbar leben», sagt Riklin. Einen Wäschetrockner etwa solle man massvoll einsetzen: «Das ist ein extremer Energieverschleiss. Stattdessen hängt man besser die Wäsche auf.»

Dank effizienterer Wärmeproduktion, Maschinen, Autos und besser isolierten Häusern werde man Ende Monat sogar mehr Geld im Portemonnaie haben. Zum Energiesparen trügen auch neue Arbeitsmodelle wie etwa Home-Office bei. Man müsse die Kosten im Verhältnis sehen: «Strom kostet Schweizer Bürger etwa zehnmal weniger als die Krankenkasse.» Unter dem Strich werde die Energiestrategie «keinen Rappen mehr kosten» als die jetzige Energieproduktion.

Der Nutzen der Energiestrategie dagegen sei gar nicht bezifferbar: «Endlich müssten die Bürger keine Angst mehr haben vor einem radioaktiven Supergau.» Die Energiestrategie sieht ab 2035 ein Verbot neuer Atomkraftwerke vor.

«Zurück in die 1960er-Jahre»

«Kommt die Energiestrategie 2050 durch, katapultiert uns das in Richtung 1960er-Jahre zurück», sagt Lukas Weber, Elektroingenieur und Geschäftsführer von Alliance Energie, einem überparteilichen Netzwerk mit 2000 Personen aus Wirtschaft und Politik. Energieträger wie Strom, Heizöl oder Erdgas würden massiv verteuert. In einer zweiten Phase der Energiestrategie würde über eine Lenkungsabgabe wahrscheinlich auch das Benzin verteuert. Folglich würden die Ausgaben der Haushalte und der Wirtschaft für den Energieverbrauch steigen. «Und da wir die von der Wirtschaft hergestellten Produkte kaufen, würden auch diese teurer. Als Ergebnis könnten wir uns weniger leisten: Der Wohlstand nimmt ab, wobei Menschen mit tiefem Einkommen besonders hart getroffen werden», sagt Weber.

Einige könnten sich kein eigenes Haus mehr leisten. Mieter würden in kleinere Wohnungen ziehen, mehrere Kinder würden sich wieder ein Kinderzimmer teilen. Geringverdiener würden überlegen, ob sie im Winter alle Räume heizen sollen, um Heizkosten zu sparen und ob ihnen noch Geld für Ferien bleibe. Weber: «Statt die ganze Wohnung hell und freundlich zu erleuchten, würde manch einer die Beleuchtung reduzieren. Statt einem eigenen Tumbler in der Wohnung gäbe es höchstens ein mit den Nachbarn geteiltes Gerät in der Waschküche, und vor der Benützung würden wir uns fragen, ob Wäsche aufhängen nicht günstiger komme.» Da wohl auch Flüge verteuert würden, flögen die Leute weniger, glaubt Weber. Sie hätten langsamere Autos, und einige könnten sie keinen Zweitwagen mehr leisten. Ausserdem habe der Konsument immer weniger Auswahl bei Haushaltsgeräten, da Modelle mit einem hohen Stromverbrauch verboten würden. «Die Geräte, die zur Wahl übrigbleiben, kosten im Durchschnitt mehr.»

Patrick Dümmler, Energieexperte bei Avenir Suisse warnt vor höheren Steuern: «Der Bürger wird als Stromkonsument und allenfalls auch als Steuerzahler die Kosten der Energiestrategie zahlen müssen.» Denn sie greife mit Subventionen in den Markt ein, was die Preise verzerre. Ausserdem verbaue man sich mit dem Verbot neuer KKW, das die Energiestrategie ab 2035 vorsieht, eine allenfalls effizientere Energieversorgung: «Gäbe es bei der Kernkraft neue technologische Entwicklungen, dürfte die Schweiz diese nicht mehr umsetzen», sagt Dümmler. Wenn man an der Energiestrategie festhalte, müsse man sich der hohen Kosten und geringer Effizienz bewusst sein.

Energiestrategie 2050

erneuerbare Energien auszubauen. Dazu gehören etwa verstärkte, aber auch finanzielle Förderung der erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind, Wasser und Biomasse sowie mehr Fördergelder für energetische Gebäudesanierungen. Zudem sollen die Behörden in den Bewilligungsverfahren für grosse Wasser- und Windkraftanlagen das nationale Interesse an diesen Anlagen grundsätzlich gleich stark gewichten, wie etwa den Natur- und Heimatschutz.

Referendum gegen die Energiestrategie 2050 ergriffen.

Abgaben auf Brenn- und Treibstoffen und/ oder auf Strom ermöglichen. Diese würden an die Bevölkerung und an die Wirtschaft zurückerteilt. Das Parlament hat noch nicht über den Vorschlag des Bundesrates beraten. Falls das Parlament dem Vorschlag des Bundesrats zu dieser Verfassungsänderung zustimmte, müssten sich die Stimmbürger an der Urne dazu äussern.

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