Aktualisiert 22.04.2014 20:15

Zu viele VorschriftenMultimilliardär droht mit Wegzug – Gemeinde zittert

Der Patron des Transportkonzerns Kühne + Nagel droht mit einem möglichen Wegzug ins Ausland. Der Gemeindepräsident von Schindellegi hofft, dass es bei der blossen Drohgebärde bleibt.

von
C. Landolt
Klaus-Michael Kühne, Mehrheitsaktionär des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, der in Schindellegi SZ domiziliert ist.

Klaus-Michael Kühne, Mehrheitsaktionär des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, der in Schindellegi SZ domiziliert ist.

Der Transportunternehmer Klaus-Michael Kühne sagt: «Die Schweiz ist unberechenbar geworden.» Der 76-Jährige, dessen Vermögen laut «Bilanz» bei 7 bis 8 Milliarden liegt, spielt auf das Ja zur Einwanderungsinitiative an. Das Land könne nicht auf einer Insel leben. Kühne + Nagel brauche Topmanager aus vielen Ländern. «Sollte es tatsächlich zu Einschränkungen in der Zuwanderung kommen, müssen wir einen Teil unserer Hauptverwaltung irgendwo anders ansiedeln», erklärte der gebürtige Hamburger in einem Interview in der «Welt am Sonntag».

Steuern nicht das wichtigste Kriterium

Dem Gemeindepräsidenten von Schindellegi und Feusisberg, Martin Wipfli (FDP), bereiten Abgangsgelüste keine Freude. Auf Gemeindeebene seien ihm jedoch die Hände gebunden. «Ich würde es ausserordentlich bedauern, wenn ein Unternehmen wegzieht», erklärt Wipfli gegenüber 20 Minuten. Wipfli, der hauptberuflich geschäftsführender Partner der Steuer- und Vermögensverwaltung Bayron AG in Zürich ist, bezeichnet den Logistikkonzern als ein «sehr schweizerisches Unternehmen». Die Mitarbeiter des Konzerns seien im Dorfleben sehr integriert, so Wipfli.

Es sei wichtig, Lebensräume zu schaffen, die so positiv seien, «dass sich Firmen zweimal überlegen, ob sie wegziehen wollen». Auch Urs Rhyner, Leiter Finanzen der Gemeinde Feusisberg, betont, wie wichtig es ist, einen guten Wirtschafts- und Lebensraum zu bieten. «Für die Standortwahl von Unternehmen sind Steuern nicht das wichtigste Kriterium.»

Das Ja zur Einwanderungsinitiative beurteilt Gemeindepräsident Wipfli als legitimes Mittel zur Mitbestimmung, schliesslich kenne die Demokratie das Initiativrecht in ihrer Verfassung. «Wenn die Vertreter der Politiker jahrelang die Bedürfnisse und Ängste der Bürger nicht richtig wahrnehmen, so ist damit zu rechnen, dass eine Initiative eingereicht wird.»

Bedürfnisse ernst nehmen

Auf der Gemeindeebene aber seien ihm die Hände gebunden. «Als Gemeindepräsident kann ich lediglich einen vernünftige Zonenplan und eine vernünftige Finanzpolitik betreiben sowie ein offenes Ohr für die Sorgen der Einwohner haben.» Wipfli selbst lebt seit 1993 in Schindellegi, wo Kühne + Nagel domiziliert ist und Klaus-Michael Kühne ein Haus besitzt. Martin Wipfli und der Mehrheitsaktionär der 20-Milliarden-Firma sind miteinander bekannt. Wipfli weiss die Worte der «Ikone der Logistik» wohl zu interpretieren: «Es ist mir lieber, man äussert sich pointiert, statt dass man einfach wegzieht.»

In einem Porträt in der «Bilanz» von 2008 bezeichnete sich Kühne als «anstrengend, ungeduldig und unbequem». Seine Firma ist sein Leben. Sein Grossvater August gründete das Unternehmen 1890 als «Speditions- und Commissions-Geschäft» in Bremen. Klaus-Michael Kühne tritt bereits als 21-Jähriger in die Firma ein. Mittlerweile zählen 45'000 Mitarbeiter dazu. Doch noch immer taxiert es «Klau-Mi», wie er auf den Fluren des Glaspalastes in Schindellegi angeblich genannt wird, als ein Familienbetrieb.

Politik muss Fakten liefern

Ob ein Unternehmen seinen Hauptsitz in der Schweiz belässt oder nicht, hängt meist nicht von einem einzelnen Faktor ab. Das Gesamtbild ist entscheidend. Massgebend für Kühne + Nagel sowie viele der anderen internationalen Firmen sei die Planungs- und Rechtssicherheit. «Die Politik ist angehalten, sehr schnell die Fakten zu kommunizieren, so dass die Unternehmen wissen, worauf sie sich nach der Abstimmung einlassen», sagt Iris Welten, Expertin für Standortförderung.

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