11.02.2015 21:46

Erste Bilanz

Mundart in Kindergärten stellt Schulen vor Probleme

Mundart in Kindergärten kann negative Folgen für fremdsprachige Kinder haben: Das zeigen Erfahrungen im Kanton Zürich zwei Jahre nach dem Volksentscheid.

von
gbr
Schweizerdeutsch im Kindergarten soll, das berichten einige Primarschulen, fremdsprachige Kinder benachteiligen: Sie haben laut einer Umfrage bei Schulbeginn Deutschprobleme.

Schweizerdeutsch im Kindergarten soll, das berichten einige Primarschulen, fremdsprachige Kinder benachteiligen: Sie haben laut einer Umfrage bei Schulbeginn Deutschprobleme.

Keystone/Christian Beutler / Symbolbild

Das Zürcher Stimmvolk stimmte am 15. Mai 2011 mit 54 Prozent Ja der Initiative «Mundart im Kindergarten» zu. Nun sind die ersten Dialekt-Kindergärtner in die Primarschule übergetreten. Eine erste Umfrage, berichtet die «Limmattaler Zeitung», versuchte nun, die Auswirkungen auf fremdsprachige Kinder zu ergründen.

Drei Schulen wurden zu den Auswirkungen des Dialektunterrichts im Kindergarten befragt. Die befragten Schulen nehmen am Programm «Qualität in multikulturellen Schulen» (Quims) teil. Eine davon ist das Schulhaus Zelgli in Schlieren. Der Anteil von ursprünglich fremdsprachigen Kindern beträgt 60 Prozent. An die Schule kamen vor 2012 fast ausschliesslich Kinder, die im Kindergarten Schriftdeutsch gesprochen haben. Zu den neuen Schülern aus Mundart-Kindergärten sagt eine Lehrerin zur Zeitung: «Die Schülerinnen und Schüler sind stark in den Dialekt-Satzstrukturen verhaftet. Es braucht viel Zeit und Energie, diese eingeschliffenen Fehler wieder loszuwerden.»

Unterschiedliche Einschätzungen an Schulen

Auch die Quims-Beauftrage Michaela Frigg, zuständig für die Schuleinheit Auzelg in Schwamendingen, sagt, die Primarlehrer bräuchten länger als früher, um Fortschritte im Lesen und Schreiben zu erzielen. «Dies hat negative Auswirkungen auf ihre weitere schulische Entwicklung. Sie hinken immer etwa ein halbes Jahr hinterher», so Frigg. Noch dramatischer beurteilt Claudia Neugebauer von der Pädagogischen Hochschule Zürich PHZH die Situation: «Unter den neuen Bedingungen verlieren fremdsprachige Kinder beim Lernen von Standarddeutsch rund zwei Jahre», sagt die Zuständige für den Fachbereich Deutsch.

Die Rückmeldung der dritten befragten Schulgemeinde in Oetwil-Geroldswil widerspricht den Befunden aus den anderen beiden Schulgemeinden: Trotz eines Ausländeranteils von über 60 Prozent sei keine Verschlechterung der sprachlichen Leistungen der Primarschüler festzustellen. Die PHZH hält dazu in der «Limmattaler Zeitung» fest, man habe im Schulhaus Zelgli den Hochdeutsch-Unterricht in den Kindergärten professionell, mit speziellen Weiterbildungen und «sehr sorgfältig» eingeführt – deshalb würde es «nicht erstaunen, wenn die Auswirkungen der Mundart-Initiative hier stärker spürbar sind als in anderen Schulen».

Wissenschaftlich erwiesen ist demnach noch nicht, ob die neue Regelung fremdsprachige Schüler benachteiligt oder fördert. Dafür fehlt bisher eine breit angelegte Studie. Auch beim kantonalen Volksschulamt spricht man gegenüber der Zeitung nur von «unterschiedlichen Rückmeldungen».

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