«Wir sind frei!»: Muslimas wehren sich gegen Hilfe von Femen
Aktualisiert

«Wir sind frei!»Muslimas wehren sich gegen Hilfe von Femen

Während Wladimir Putin beim Oben-ohne-Protest in Hannover nur gönnerhaft grinste, finden Musliminnen die nackten Tatsachen gar nicht lustig: Sie wollen nicht von Femen befreit werden.

von
P. Dahm

Wenn ein ausgewiesener Macho wie Wladimir Putin wie jüngst bei der Hannover-Messe auf Femen-Demonstrantinnen trifft, markiert er gerne den Alpha-Rüden. «Ich sehe darin nichts Schreckliches», gab sich Russlands Grande gönnerhaft. «Aber wenn man eine politische Diskussion will, müsste das auch angekleidet gehen.» Barbusige Bürgerrechtlerinnen nimmt der Präsident wohl nicht so ernst.

Todernst nehmen das Thema dagegen Radikale in Tunesien, was zur Proklamation des «Topless Jihad Day» führte. Und während eine junge arabische Aktivistin nun um ihr Leben fürchten muss, wehren sich andere Muslimas gegen die nackte feministische Schützenhilfe. Die Fronten zwischen den Konfliktparteien sind verhärtet.

Seinen Anfang nahm der Konflikt bereits im März, als in Tunesien der erste Ableger der ukrainischen Organisation Femen gegründet wurde. Am 2. März veröffentlichte eine junge Frau namens Amina Tyler ein Foto von sich, auf dem ihre blanke Brust und der Spruch «Fuck Your Morals» zu sehen ist. Auf einem anderen raucht sie oben ohne, wobei auf Arabisch zu lesen ist: «Mein Körper gehört mir und ist nicht die Quelle für irgendjemandes Ehre.»

Ukrainerinnen brüsten sich nackt in Zürich

«Ich habe Angst um mein Leben»

Obwohl Tunesien zu den progressiveren islamischen Staaten gehört, sorgten die Schnappschüsse bei vielen Männern für Schnappatmung. Offizielle Stellen forderten harte Strafen: von Peitschenhieben bis zur Steinigung. Angehörige distanzierten sich von der 19-Jährigen, die bald verschwand. Inzwischen steht fest, dass sie untergetaucht ist: «Ich habe Angst um mein Leben und das meiner Familie», sagte sie «Canal Plus» in ihrem ersten Interview seit Wochen und kündigte an, das Land verlassen zu wollen.

Femen stürmen nackt in die Notre Dame

Um Amina zu unterstützen, erklärte Femen den 4. April zum «International Jihad Day». In Berlin, Paris und Kiew präsentierten Aktivistinnen bei frostigen Temperaturen nackte Haut und forderte «Free Amina». «Niemand darf Religion benutzen, um Frauen zu unterdrücken», sagte Alexandra Schewtschenko von der Femen-Front der Nachrichtenagentur AFP. «Wir werden dagegen kämpfen. Unsere Titten sind härter als ihre Steine.» Unter dem Hashtag #Amina wird auch auf Twitter mobil gemacht.

Wieder Nackt-Protest - Femen in Zürich

«Muslimah Pride» versus «Topless Jihad»

Doch die Gruppe bekommt nun unerwarteten Gegenwind: Nicht muslimische Männer blasen zum Sturm gegen blanke Brüste, sondern gläubige Frauen, die sich nicht von Feministinnen aus der Ukraine vertreten lassen wollen. Sie konterten den «Topless Jihad Day» mit dem «Muslimah Pride Day», der einen Tag später stattfand, eröffneten unter dem Hashtag #MuslimahPride und bei Facebook eine Gegendiskussion und schrieben einen Offenen Brief an Femen.

«Wir sind stolze Muslimas und haben euern kolonialen, rassistischen Müll satt, der im Deckmäntelchen der ‹Befreiung der Frau› daherkommt», schimpft die Autorin April Reilly. Das Image der hilflosen Kopftuchträgerin, die nicht für sich selbst reden könne, mache die Betroffenen krank. Der Protest rufe vor allem Anti-Islamisten und Rechte auf den Plan. «Weil euch Gewalt gegen Frauen nicht wirklich kümmert. Es sei denn, sie wird von farbigen Männern mit langem Bart ausgeübt, die fünfmal täglich beten.» Muslimas seien nun mal nicht bereit, sich bloss für die Aufmerksamkeit der Presse zu entblössen, schreibt Reilly weiter.

Feminine Sklaven gegen weibliche Kolonialherren

«Wir brauchen euch nicht! Zerschlagt das kapitalistische Herrenrasse-Patriarchat! Alle Macht den Muslimas!» Dabei ist die Kritik an der Oben-ohne-Strategie gar keine Erfindung von Allahs Anhängerinnen: Auch im Okzident haben sich schon Frauenrechtlerinnen von den Ukrainerinnen distanziert, die im Kampf um die Hoheit auf dem Boulevard ihre Geschlechtsmerkmale als Waffe einsetzen. Dass sich Femen nur wenig um kulturelle Eigenheiten oder Empfindlichkeiten schere, sei auch Deutschen bekannt, weiss die «Süddeutsche Zeitung».

Für Femen wiederum sind die Gründe für die Gegenbewegung hausgemacht. «In der Geschichte der Menschheit haben Sklaven schon immer geleugnet, dass sie Sklaven sind. Die Ideologie der Freiheit hat keine Nationalität», wischte Aktivistin Inna Schewtschenko gegenüber der «Huffington Post» die Argumente beiseite. «Sie sagen, sie sind gegen Femen, aber wir sagen, wir sind immer noch da für sie.» So nach dem Motto: Ob sie nun erlöst werden wollen oder auch nicht.

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