Nach dem Brünig-Schwinget: Muss der König vor einem Berner zittern?

Aktualisiert

Nach dem Brünig-SchwingetMuss der König vor einem Berner zittern?

Ein Naturereignis erschüttert die Monarchie der Schwinger: Christian Stucki (24) gewinnt als erster Berner seit zwölf Jahren auf dem Brünig und wird zum gefährlichsten Herausforderer von König Jörg Abderhalden (30).

von
Klaus Zaugg

Ein Mann wie eine Mischung aus King Kong und Arnold Schwarzenegger. Man hätte, um diesem schwingerischen Naturereignis den würdigen Rahmen zu geben, Christian Stucki am Sonntag kurz nach 17 Uhr auch an einem Nasenring für den Schlussrang in die Arena auf dem Brünig führen können.

Sein Gegner in diesem letzten Kampf ist der Entlebucher Konrad Krummenacher (23). Im Vergleich zu Stucki nur ein schmalbrüstiger Ferienbub. Stucki ist 198 Zentimeter gross und 137 Kilo schwer. Krummenacher misst klägliche 179 cm und bringt knapp 100 Kilölein auf die Waage.

Der Aussenseiter, der im Herzen und im Kopf schon verloren hat, bevor nur Griff gefasst wird, schlägt ein Kreuz vor der Brust, bevor er in den Sägemehlring tritt. Und schon ist er in Stuckis Schraubstock. Fünf Sekunden später ist alles vorbei. Mit einem Kurzzug, gewaltig wie ein Blitzschlag, reisst Stucki seinen Gegner von den Beinen und wuchtet ihn auf den Rücken. Sieg und erster Berner Triumph auf dem Brünig seit 1997 (Urs Matter). Fünf von sechs Gängen hat er mit der Maximalnote 10,00 gewonnen.

Kann Stucki den König entthronen?

Ist Stucki inzwischen besser als der dreifache König Jörg Abderhalden? Kann er Abderhalden in einem Jahr am Eidgenössischen in Frauenfeld (20. - 22. August 2009) entthronen? Das sind Fragen nach dem Brünig 2009.

Abderhalden hatte auf den Brünig verzichtet. Er ist erst vor drei Wochen nach einer Verletzungspause zurückgekehrt und hat das Appenzeller Kantonale gewonnen. Aber er ist noch nicht in der Verfassung, um auf dem Brünig die besten Berner und Innerschweizer herauszufordern. Eine Niederlage jetzt, am Ende gar gegen Stucki, könnte fatale Folgen für das Eidgenössische 2010 haben. Die «psychologische Kriegsführung» hat längst begonnen. Die grossen Kämpfe im Schwingen werden im Kopf entschieden. Auch wenn es noch ein Jahr dauert: Nur jetzt nicht schon den Gegner aufbauen.

Diese Saison werden Stucki und Abderhalden, die beiden «Bösesten» im Lande, nicht gegeneinander antreten. Und nächste Saison womöglich erst beim Eidgenössischen. Beim Kampf um den Thron.

Stucki in Topform

Christian Stucki - nicht verwandt mit den Schwingerlegenden Ueli und Hans Stucki - ist der grösste, schwerste und kräftigste Spitzenschwinger der Gegenwart. Zehn Zentimeter und gegen 20 Kilo schwerer als Abderhalden. Auch wenn Stucki sagt, er habe letzte Saison mindestens so gut geschwungen (etwa beim Sieg am Kilchberg) - die Kenner sind sich einig: So gut wie am Brünig war der Bär noch nie. Seit er von Fabian Lüthi geschlaucht wird, dem Trainer der Beachvolleyballer Patrick Heuscher und Sefan Kobel (seit April 2009), hat Stucki enorme Fortschritte im Bereich Beweglichkeit und Koordination erzielt. Er sagte nach dem Brünig-Sieg denn auch zu 20 Minuten Online: «Ich glaube, dass ich hier bewiesen habe, dass ich kein 'Gschtabi' bin, dass ich nicht nur dank meiner Postur gewinne. Sondern auch mit schwingerischem Können.»

Kritiker hatten ja oft bemängelt, er verdanke seine Siege ganz einfach seiner Masse und Kraft.

Cooler Stucki

Und schliesslich kommt noch ein Faktor hinzu, der im Zweikampfsport eine entscheidende Rolle spielt: Nervenkraft. Stucki ist cool. Was bedeutet, cool zu sein wie Stucki?

Nun, nicht einmal fünf Minuten nach dem Sieg steht Brünig-Medienchef Franz Niederberger mit dem Hosentelefon neben Stucki auf dem Platz: «Du Christian, du solltest das Telefon nehmen. Radio DRS ist am Apparat.» Und so nimmt Stucki Niederbergers Natel in seine riesigen Pranken und plaudert so unaufgeregt und cool mit dem Radioreporter, der in Zürich im Studio sitzt, als sitze er daheim in der guten Stube.

Noch scheint Abderhalden taktisch schlauer als Stucki. Auch kompletter, vielseitiger erfahrener und mental belastbarer. Aber der Berner hat in all diesen Bereichen mächtig aufgeholt. Und auf dem Brünig ist er mit der Favoritenrolle so cool umgegangen wie noch nie.

Stucki gegen Abderhalden - das ist der Kampf der Titanen für das Eidgenössische 2010 in Frauenfeld.

Die Erfahrung spricht für Abderhalden

Für Abderhalden spricht, dass er weiss, wie man zweitägige Feste gewinnt. Nur das Eidgenössische dauert zwei Tage. An der Nacht, die dazwischen liegt, sind schon die «Bösesten» zerbrochen. Weil sie nicht schlafen und sich nicht erholen konnten. Dreimal hat Abderhalden das Eidgenössische schon gewonnen (1998, 2004 und 2007).

Stucki weiss (noch) nicht, wie man das zweitägige Eidgenössische gewinnt. Aber er hat die Zeit auf seiner Seite. In der Neuzeit ist nie mehr ein Schwinger nach seinem 30. Geburtstag König geworden. Auch nicht Ernst Schläpfer oder Karl Meli. Abderhalden wird am 28. August 30.

Gelingt es Stucki, den König 2010 zu stürzen, dann werden wir im Rückblick erkennen, dass alles am letzten Sonntag auf dem Brünig begonnen hat.

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