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KapazitätsgrenzeMuss die Schweiz Covid-Patienten ins Ausland verlegen?

Laut dem Bund reichen die Betten auf den Intensivstationen nur noch für zehn Tage, wenn die Ausbreitung des Coronavirus nicht gebremst wird. Die Nachbarländer könnten einspringen.

von
Daniel Waldmeier
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Die Schweiz nahm in der ersten Welle Covid-Patienten aus Frankreich auf. 

Die Schweiz nahm in der ersten Welle Covid-Patienten aus Frankreich auf.

In rund zwei Wochen könnte das Schweizer Gesundheitssystem wegen des Coronavirus an die Grenzen kommen.

In rund zwei Wochen könnte das Schweizer Gesundheitssystem wegen des Coronavirus an die Grenzen kommen.

Keystone
Das sagte Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrats für den Koordinierten Sanitätsdienst.

Das sagte Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrats für den Koordinierten Sanitätsdienst.

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Darum gehts

  • Covid-Patienten aus den Niederlanden werden bereits in deutsche Spitäler verlegt.

  • SP-Gesundheitspolitikerin Yvonne Feri fordert, dass der Bundesrat Gespräche mit dem Ausland führt, damit es bei Engpässen Schweizer Patienten aufnimmt.

  • Baden-Württemberg zeigt sich offen, solange das Bundesland genügend Kapazitäten hat.

In Schweizer Spitälern liegen total 1428 Covid-Patienten, 207 davon auf der Intensivstation. Diese Zahlen nannte am Dienstag Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrats für den Koordinierten Sanitätsdienst. Er ist der Mann, der die beste Übersicht über die freien Spitalbetten in der zweiten Welle hat.

Laut Stettbacher werden die Spitäler bald nicht mehr alle Patienten aufnehmen können, wenn die Corona-Fälle im gleichen Tempo weiter steigen: Die Reserven bei den normalen Betten reichten noch für 15 Tage, jene auf den Intensivstationen für 10 Tage. Dies unter der Bedingung, dass die Intensivstationen von knapp 1100 Betten auf 1400 Betten ausgebaut würden. «Dieser Ausbau hat begonnen, wir liefern Atemgeräte aus.»

Verschiebung von nicht notwendigen Eingriffen

Angesprochen auf die Frage, ob Ärzte dann triagieren, also entscheiden müssten, wer ein Bett bekomme und wer nicht, antwortete Stettbacher: «Flächendeckend wäre das in 14 Tagen der Fall, wenn wir die Kurve nicht biegen können. Lokal könne es schon früher Engpässe geben.»

Im Notfall kann der Bundesrat den Spitälern medizinisch nicht dringend angezeigte Eingriffe verbieten. Zur Debatte steht auch, dass das Gesundheitspersonal wieder länger arbeitet. Wie Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft, sagte, laufen dazu Gespräche mit den Sozialpartnern. «Die wöchentliche Arbeitszeit könnte um höchstens vier Stunden erhöht werden.»

Patienten könnten ins Ausland verlegt werden

Für Entlastung könnten auch Verlegungen von Covid-Patienten in derzeit noch weniger stark betroffene Nachbarländer wie Deutschland oder Italien sorgen. So werden bereits Covid-Patienten aus den Niederlanden, wo erste Spitäler überlaufen, nach Nordrhein-Westfalen geflogen. Auch die Schweiz nahm während der ersten Welle im Frühling rund 50 schwere Covid-Fälle aus Frankreich auf. Diese Übernahmen haben die Spitäler laut dem Aussendepartement direkt vereinbart. Der französische Botschafter in der Schweiz signalisierte damals, dass Frankreich im Notfall auch der Schweiz helfen würde.

Auch das Bundesland Baden-Württemberg zeigt sich offen, der Schweiz im Notfall beizustehen. «Wir überprüfen derzeit die zugewiesenen Kapazitäten», sagt ein Sprecher des Staatsministeriums. Bislang sei kein Gesuch von Schweizer Seite eingegangen. Sollte ein solches gestellt werden, werde man gleich verfahren wie mit Frankreich im Frühjahr. Damals hatte Baden-Württemberg ebenfalls Covid-Patienten aus Frankreich aufgenommen.

«Bundesrat muss das Gespräch mit den Nachbarn suchen»

Offizielle Abmachungen zwischen der Schweiz und ihren Nachbarn zur Übernahme von Covid-Patienten gibt es bislang nicht. Laut SP-Gesundheitspolitikerin Yvonne Feri sollte der Bundesrat darum das Gespräch mit den Nachbarländern suchen. «Solange sie Kapazitäten haben, könnte das einen Engpass abfedern.» Die Schweiz habe auch Frankreich geholfen: «Umgekehrt müsste es auch funktionieren.» Man müsse nun alles tun, um die Kapazitäten zu erweitern, damit alle Patienten – nicht nur Covid-Erkrankte – eine medizinische Behandlung erhielten.

Auch GLP-Nationalrat Jörg Mäder sagt, die Kontakte seien in den Grenzregionen ohnehin eng. «Die Gesundheit geht vor, da spielen Landesgrenzen keine Rolle.» Darum seien Verlegungen ins Ausland durchaus denkbar, wenn es zu Engpässen komme.

Taskforce: Keine Lösung des Problems

Für Martin Ackermann, Leiter der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce des Bundes, zögern solche Massnahmen das Problem nur hinaus. Selbst wenn die Zahl der Intensivplätze um 200 erhöht würde, gewänne die Schweiz nur gerade 32 Stunden. Zu einschneidenden Massnahmen gebe es keine Alternative. «Wir müssen diese Entwicklung stoppen und die Hälfte aller Neuinfektionen verhindern», sagte Ackermann.

Das Militärspital in Einsiedeln.

Das Militärspital in Einsiedeln.

Keystone

Militärspitäler sind «Geschichte»

Zusätzliche Bettenkapazität zur Behandlung von Covid-Patienten kann auch die Armee nicht bereitstellen. Von den neun unterirdischen Militärspitälern, die die Armee einst betrieb, ist nach den Armeereformen nur noch jenes in Einsiedeln in Betrieb. Der Rest wurde verkauft oder steht zum Verkauf. Laut Armeesprecher Daniel Reist sind sie zum Teil auch nicht mehr ausgestattet. Auch das Militärspital in Einsiedeln eigne sich bloss als Ausbildungsspital, das nicht einsatzbereit sei. «Die Militärspitäler sind Geschichte», sagt er. Das sei ein Entscheid der Politik.

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1021 Kommentare
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Migrochind

29.10.2020, 15:12

Essen Fressen

Turicum74

29.10.2020, 06:06

Wohin den???? Andere Länder sind selber am Anschlag. Man muss nun GOPS öffnen und geschlossene Spitäler öffnen und bereitstellen Problem ist nur wo ist das Personal???

Sparfuchs

28.10.2020, 08:49

Ich geh nur noch poschten, shoppen fällt komplett aus. Hoffentlich bleibt das bis Weihnachten so. Kann ich gut sparen.