23.06.2020 02:55

Nach «Mohrenkopf»-Debatte

Muss jetzt auch die Pizza Hawaii umbenannt werden?

Linke Politaktivisten wollen, dass man künftig eine Pizza mit Ananas bestellt. Pizza Hawaii sei problematisch. Auch eine Hawaii-Kennerin sagt, der Name sei Ausdruck einer zutiefst ignoranten Grundhaltung. Ein Historiker relativiert.

von
Daniel Graf
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Über die Pizza Hawaii wird kontrovers diskutiert.

Über die Pizza Hawaii wird kontrovers diskutiert.

Getty Images/iStockphoto
Einerseits aufgrund des Geschmacks und der Wahl der Zutaten.

Einerseits aufgrund des Geschmacks und der Wahl der Zutaten.

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Für viele ist  es eine kulinarische Todsünde, süsse Ananasscheiben auf eine Pizza mit Schinken und Käse zu legen.

Für viele ist es eine kulinarische Todsünde, süsse Ananasscheiben auf eine Pizza mit Schinken und Käse zu legen.

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Darum gehts

  • Nach der Debatte über den «Mohrenkopf» finden linke Politaktivisten jetzt, auch über die Pizza Hawaii müsse man diskutieren.
  • Sie stehe für die Kolonialisierung und Unterdrückung Hawaiis.
  • Historiker Hans Fässler findet, die Debatte müsse einen Platz haben – ob sie zielführend sei, werde sich zeigen müssen.

«Bestellt Pizza mit Ananas statt Pizza Hawaii. Gilt auch für den Toast!» Diesen Beitrag postete die Gruppe Linke PoC/Migrantifa am Montag auf Facebook. Im Beitrag erklärt sie, dass der Ausdruck Pizza Hawaii problematisch sei. Nicht, weil sie gegen italienische Sitten – und für manchen Leser auch gegen den guten Geschmack – verstösst, sondern weil damit eine Geschichte des Kolonialismus und der Aneignung verbunden sei.

«Hawaii war ursprünglich von Polynesiern besiedelt und wurde 1898 von den USA kriegerisch annektiert. Schon davor wurden Polynesier durch Besiedlung zur Minderheit im eigenen Land gemacht», schreiben die Aktivisten. Die Ananas sei für den Kolonialisierungsprozess wesentlich gewesen: «Sie wurde im 19. Jahrhundert von Siedlern eingeführt und bildete das hauptsächliche Exportprodukt der Plantagenwirtschaft. Die lokale Bevölkerung und das Land wurden von weissen Siedlerinnen zum Ananasanbau ausgebeutet», heisst es weiter.

«Frauen werden fetischisiert»

Ein Problem seien auch die Stereotype zu Hawaii, welche durch einen «weissen Blick» entstanden seien: «In den 50er-Jahren wurde der Tourismus auf Hawaii wichtiger. Der weisse, oft männliche Tourist, der mit Hawaii Urlaubs- und Tropenstimmung in Verbindung brachte, fetischisierte insbesondere hawaiische Frauen», kritisiert die Facebook-Gruppe.

Das widerspiegle sich auch in der Pizza Hawaii: «Die hawaiische Kultur wurde zwar als positiv, aber trotzdem als fremd, anders und exotisch dargestellt. So wurde Hawaii als Ziel dargestellt, wo sich Weisse erholen können.» Der Name Pizza Hawaii sollte der Pizza laut dem Post zu Marketing-Zwecken einen exotischen Touch geben, habe aber nicht mit hawaiischer Küche oder Kultur zu tun.

«Überhebliche und ignorante Grundhaltung»

Noëlle Delaquis ist Inhaberin von Aloha Spirit, einem Zentrum für hawaiische Körperarbeit und Kultur in Meilen und Zürich. Seit 1995 reist sie regelmässig nach Hawaii und beschäftigt sich eingehend mit der Kultur und der Bevölkerung. «In der hawaiischen Küche gibt es Pizza und Toast Hawaii nicht. Der Name ist Ausdruck einer zutiefst überheblichen und ignoranten Grundhaltung von uns weissen Menschen», ist Delaquis überzeugt.

Tradition statt Klischees

Tourismusbehörde kämpft gegen Stereotype

Dass viele Touristen nur an Baströckchen, Sandstrände und Hula-Tänzerinnen mit BHs aus Kokosnussschalen denken, wenn sie Hawaii hören, stört auch die hawaiische Tourismusbehörde. Der Kampf gegen falsche Stereotype dauert schon über 40 Jahre an. «Der Weg weg von den Klischees und zurück zur Tradition ist in Hawaii harzig, weil andere Länder aus der authentischen hawaiischen Kultur eine Trivialkultur gemacht haben», sagte Kalani Kaanaana vor einiger Zeit gegenüber SRF. Kaanaana ist Direktor für kulturelle Angelegenheiten bei der hawaiischen Tourismusbehörde.

Die Sprache anzupassen, sei wichtig, ob beim «Mohrenkopf» oder bei der Pizza Hawaii. «Damit ist das Problem aber längst nicht gelöst», sagt Delaquis. Die hawaiische Bevölkerung werde seit 250 Jahren unterdrückt und enteignet. «Noch heute kämpfen die Hawaiier für ihre Landrechte. Das ist das eigentliche Problem. Dazu kommen die Klischees von Frauen in Kokos-BHs, die leicht zu haben sind, oder das Vorurteil, der Hula-Tanz sei lediglich eine sexuelle Anmache.» Diese Stigmatisierung der Kultur und der Lebensweise der Hawaiier sei tief in weissen Menschen verankert. Dagegen kämpft seit einiger Zeit auch die hawaiische Tourismusbehörde (siehe Box).

Für den St. Galler Historiker Hans Fässler stehen solche Diskussionen nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Sie sollen aber trotzdem einen Platz in der Gesellschaft haben (siehe 3 Fragen an).

3 Fragen an Hans Fässler*

Ist die Diskussion über die Pizza Hawaii angebracht?

Ich habe die Initiative, eine Diskussion über den Begriff anzustossen, mit Interesse zur Kenntnis genommen. Ob Pizza Hawaii problematisch ist, habe ich mir bislang noch nie überlegt. Die Kolonialgeschichte und die Unterdrückung von Hawaii waren mir aber bekannt. Ich würde sagen: Wenn die Diskussion dazu führt, dass die Leute sich mehr Gedanken über Unterdrückung und Kolonialisierung machen, ist das begrüssenswert. Ob dem so ist, wird sich zeigen müssen.

Hawaii hat mit vielen Klischees zu kämpfen. Weshalb?

Es gibt den Begriff der (S)exotisierung. In unserer Alltagskultur gibt es sehr viele Spuren davon: Man versucht, etwas als attraktiv darzustellen, in dem man ihm einen exotischen Hauch gibt. Das kann durchaus problematisch sein.

Es gibt Menschen, welche schon die «Mohrekopf»-Debatte übertrieben fanden…

Das ist so. Es gibt eine gewisse Gefahr, dass die «Mohrenkopf»-Debatte und die vielleicht jetzt lancierte Pizza-Hawai-Debatte das übertönen, was ich die laufende Debatte über den ökonomischen Unterbau unserer Gesellschaft nenne: die Tatsache, dass der Kapitalismus und ein Teil unseres Wohlstands auf Sklavenarbeit beruht, also auf einem Verbrechen gehen die Menschlichkeit. Das ist meine Priorität. Aber auch diese Pizza-Initiative hat eine Berechtigung, und die Debatte soll geführt werden können.

* Hans Fässler ist Historiker und Autor des Standardwerks «Reise in Schwarz-Weiss».
* Hans Fässler ist Historiker und Autor des Standardwerks «Reise in Schwarz-Weiss». Privat

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373 Kommentare
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IchhasseOkoberfest

24.06.2020, 14:36

Ich als Münchner bin schwer traumatsiert weil jeder der an München denkt sofort auch an Oktoberfest denkt. Ich verlange dass diese Menschenverachtende Denke ab sofort verboten wird!

Gondoliere007

24.06.2020, 01:47

Ich als Zürcher bin schwer traumatisiert wegen der Bezeichnung "Zürcher Geschnetzeltes" ich verlange dass diese Menschenverachtende Bezeichnung ab sofort verboten wird!

Ruben

23.06.2020, 06:53

Aufhören! Es reicht! Meine Güte, man darf gar nichts mehr sagen ohne dass sich 0.05% der Weltbevölkerung beleidigt fühlt. Hört endlich auf mit dem Unsinn! Ihr helft damit niemandem, es geht allen nur noch auf die Nerven! Dieses Pseudo-Gutmensch-Getue ist mehr als unnötig, ich warte schon darauf bis man sämtliche fremdsprachige Namen überhaupt nicht mehr aussprechen darf weil man damit angeblich ganze Kulturen beleidigt.