17.05.2019 18:27

Debatte im DetailhandelMuss man wirklich am Sonntag einkaufen gehen?

Sollten Läden auch sonntags offen sein? Oder braucht es den wöchentlichen Ruhetag? Das sagen die Leser zum kontroversen Thema.

von
R. Knecht

Unter diesen Bedingungen dürfen Läden auch am Sonntag geöffnet sein. (Video: 20M)

Ein Take-away der Migros steht in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs und hat darum auch am Sonntag offen. Doch der Kanton hält das für unrechtmässig, und das Arbeitsinspektorat hat eine Untersuchung gestartet.

Bei den Lesern sind die Meinungen geteilt: Die einen finden, alle Geschäfte sollten am Sonntag offen sein – die anderen fänden es besser, wenn sonntags auch am Bahnhof Ruhe wäre. Das sagen Rechtsexperten, Psychologen und Gewerkschaften zu den Reaktionen der Leser:

Ist es nicht unfair, dass bei Bahnhöfen, Restaurants oder Hofläden eine Spezialregelung gilt? Tatsächlich komme es wegen solcher Regelungen zu einer Wettbewerbsverzerrung, sagt Patrick Krauskopf, Rechtsprofessor an der ZHAW: «Ein Shopping-Zentrum im Bahnhof wird zu einem geographisch beschränkten Gebietsmonopol.» So seien Firmen im Nachteil, die nicht das Glück haben, im oder beim Bahnhof eine Filiale zu betreiben. Eigentlich sei es im Interesse der Wirtschaft, möglichst wenige Regulierungen zu haben, denn dann würde sich der Markt mehr an den Bedürfnissen der Kunden orientieren. Doch um Begleiterscheinungen für Angestellte – etwa schlechte Arbeitszeiten oder kein geregeltes Familienleben – zu verhindern, lasse das Gesetz nur Sonntagsverkauf zu, wenn ein dringendes Bedürfnis nachgewiesen werden kann.

Muss man denn wirklich am Sonntag einkaufen gehen? Das Bedürfnis sei zumindest da, sagt Bernhard Kolb, Rechtsprofessor an der United International Business School: «Schauen Sie mal, was die Mehrheit der Tankstellen-Kunden am Sonntag kauft – es sind vor allem Lebensmittel, nicht Treibstoff.» Es sei aus politischer Sicht als Bedürfnis definiert worden, dass die Leute dann einkaufen wollen, wenn es ihnen grad in den Sinn kommt. Es gebe sogar Bestrebungen, die bestehenden Vorschriften zu lockern. Wirtschaftspsychologe Christian Fichter von der Kaleidos-Fachhochschule sieht das kritisch – ständig alle Optionen offen zu haben, entbinde uns von der Notwendigkeit zu planen: «Am Ende verlieren wir die Fähigkeit, uns selber zu managen.»

Warum ist es bei Restaurants geradezu selbstverständlich, dass sie am Sonntag offen sein dürfen? Erstens hätten viele Gastro-Betriebe am Sonntag zu, sagt Fichter: «Zweitens bieten diese eine Leistung an, die eben genau zur Erholung der Gesellschaft beiträgt.» Die Welt müsse ja trotz Sonntagsverkaufsverbot am Laufen gehalten werden.

Für viele ist der Sonntag eh ein Tag wie jeder andere – braucht es überhaupt noch einen Ruhetag? Ja, heisst es bei der Gewerkschaft Unia: «Es braucht einen Ruhetag, um sich zu erholen oder um familiären oder anderen sozialen Aktivitäten nachzugehen», sagt Sprecherin Leena Schmitter. Wichtig ist laut Rechtsprofessor Kolb, dass Arbeitnehmende lange genug im Voraus wissen, wann sie freihaben. Bei vielen Firmen würden Angestellte oft sehr kurzfristig zur Arbeit gerufen. «Das schränkt die persönliche Freiheit ein», so Kolb.

Sollten Unternehmer nicht selbst entscheiden können, ob sie am Sonntag offen haben wollen? «Könnten die Firmen selbst entscheiden, würde das schnell darauf hinauslaufen, dass alle Läden auch am Sonntag geöffnet sind», sagt Kolb. Die gesetzlichen Einschränkungen würden dem Schutz der Arbeitnehmer dienen. Psychologe Fichter sagt zudem: «Es darf ja auch nicht jeder selber entscheiden, wie schnell er mit dem Auto fährt.» Manche Dinge regle man besser einheitlich.

In manchen Ländern ist es normal, dass man 24 Stunden am Tag einkaufen gehen kann. Wird das auch in der Schweiz so kommen? «Es geht in diese Richtung», sagt Kolb. Aber die Entwicklung sei sehr langsam – vor allem wegen des Arbeitsrechts, dessen oberstes Prinzip der Gesundheitsschutz sei. Schmitter von der Unia hält Daueröffnung für unnötig: «Es ist doch nicht zwingend notwendig, sieben Tage pro Woche einkaufen zu können respektive arbeiten zu müssen.»

Trauen sich die Behörden überhaupt, grossen Konzernen zu verbieten, in der Nähe von Bahnhöfen offen zu haben? «Es ist nicht auszuschliessen, dass die Behörden bei den grösseren Firmen eher ein Auge zudrücken», sagt Kolb. Die Konzerne könnten viel Druck aufbauen, und gerade in rechtlichen Graubereichen hätten die Behörden etwas Spielraum bei der Auslegung der gesetzlichen Vorschriften. Ob die Macht einer Firma im Einzelfall wirklich einen Einfluss hat, könne man aber nur sagen, wenn man alle Details genau kenne.

Kanton erteilt Bewilligung für Sonntagsarbeit

Der Grundsatz des Arbeitsgesetzes ist der Arbeitnehmerschutz, sagt Bernhard Kolb, Rechtsprofessor an der United International Business School – normalerweise sei Sonntagsarbeit darum verboten. Aber es gibt Ausnahmen. Wenn eine Firma einen Grossauftrag erhält, müsste sie eine befristete Bewilligung beim Kanton beantragen, um auch übers Wochenende arbeiten zu können. Die könnte das Unternehmen etwa erhalten, wenn es nachweisen kann, dass ohne Sonntagsarbeit zusätzliche Kosten entstehen würden, zum Beispiel wegen Nichteinhaltung einer Lieferfrist. Manche Betriebe, etwa Spitäler oder Zeitungsredaktionen, brauchen hingegen keine eigene Bewilligung. Für den Detailhandel gibt es laut Kolb keine generelle Bewilligung für Sonntagsarbeit. Darum müssen die Unternehmen zeigen, dass sie etwa den Personenverkehr bedienen.

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