Aktualisiert 08.03.2013 09:59

SchuldfrageMuss Schnyder für sein Foul an Keller büssen?

Das Drama um den querschnittgelähmten Ronny Keller wird die Anwälte beschäftigen. Stefan Schnyder ist im Sinne des Bundesgerichtes möglicherweise nicht unschuldig.

von
Klaus Zaugg

Neben aller menschlichen Tragik um den querschnittgelähmten Eishockeyspieler Ronny Keller gibt es in diesem Fall auch eine Frage, die in nächster Zeit die Juristen beschäftigen wird. Stark vereinfacht geht es darum, ob Stefan Schnyder für die Folgen dieses Unfalles zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das mag angesichts dieser Tragödie jetzt nebensächlich sein – aber bei jedem Unglücksfall geht es immer auch darum.

Im Falle des Zusammenpralles zwischen Stefan Schnyder als Unfallversursacher im juristischen Sinne und Ronny Keller geht es um die Frage, ob sich Stefan Schnyder eines Vergehens des Strafgesetzbuches (Körperverletzung) schuldig gemacht hat. Im schlimmsten Fall wird Schnyder strafrechtlich verurteilt und hätte dann die Regressforderung der Versicherung bzw. Zivilforderungen von Ronny Keller am Hals. Bestenfalls wird nicht einmal Strafanzeige eingereicht und der Unfall hat für Stefan Schnyder keine finanziellen Folgen.

Einzelrichter-Urteil ist entscheidend

Im «Fall Stefan Schnyder» ist offen, ob es überhaupt zu einer Strafanzeige kommt. Die Anwälte der Versicherungen werden jedoch genau prüfen, ob es ein Fehlverhalten von Stefan Schnyder und damit die Möglichkeit zu einer Regressforderung gibt. Deshalb kommt nun dem Urteil von Eishockey-Einzelrichter Reto Steinmann grosse Bedeutung zu. Zwar hat die Verbandsjustiz nichts mit einem Strafverfahren vor dem Richter zu tun. Aber Steinmanns Urteil kann im Sinne einer «Expertise» in den Händen von Juristen eine scharfe Waffe für oder eben gegen Stefan Schnyder sein.

Viel Juristenfutter und ein Blick zurück zeigt, dass es diese Verquickung von Sport- und Strafrecht gibt. Bisher sind zwei NLA-Spieler nach Fouls verurteilt worden.

Oltner Verteidiger nach Horror-Check gelähmt?

Am 9. Januar 1993 beendet Zugs Misko Antisin, einer der meistbestraften NLA-Spieler aller Zeiten, mit einem Kniestich die Karriere von Ambris Petr Malkow. Dafür wandert er auf die Strafbank und wird später vom Bundesgericht wegen eventualvorsätzlicher Körperverletzung zu 3000 Franken Busse verurteilt. Basierend auf diesem Strafurteil hatte Antisin rund 200'000 Franken Schadenersatzforderungen am Hals, der grösste Teil davon Regressforderungen der Versicherung. Es gab damals noch keine Hockeyjustiz wie heute, daher keine Sperre gegen Antisin. Er wurde verurteilt, obwohl die Verteidigung unter anderen Kultschiedsrichter Willi Vögtlin aufbieten konnte, der Antisins Vergehen als «Dutzendfoul» bagatellisierte.

Am 31. Oktober 2000 beendet HCD-Stürmer Kevin Miller mit einem Ellenbogencheck gegen den Kopf die Karriere von ZSC-Stürmer Andrew McKim. Auch mit diesem Fall beschäftigte sich letztlich das Bundesgericht. Miller wird wegen einfacher und fahrlässiger Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tageseinsätzen à 50 Franken verurteilt. McKim hat sich von den Folgen des Fouls bis heute nicht erholt. Die zivilrechtlichen Verfahren sind noch immer nicht abgeschlossen. Die Verbandsjustiz hatte Miller mit acht Spielsperren und einer Busse von 3000 Franken belegt.

Freispruch für NLA-Spieler nach Strafanzeige

Am 7. Februar 1999 prallen Ambris Verteidiger Edgar Salis (heute Sportchef ZSC Lions) und Zugs Stürmer Kevin Todd aufeinander. Keine Strafe. Der Kanadier spielt die Saison zu Ende, behauptet aber, er habe dann seine Karriere wegen einer bei diesem Zusammenstoss erlittenen Verletzung beenden müssen und reicht Strafanzeige ein. Salis wird freigesprochen und der Fall ist erledigt.

Schnyders Strafe ist heikel

Das Bundesgericht hat sich im Zusammenhang mit den Fällen Antisin und Miller bereits wegweisend zur Frage geäussert, ob in einem gefährlichen Sport wie Eishockey ein Spieler alles ertragen und die Risiken in Kauf nehmen muss. Die etwas komplizierte Formulierung der höchsten Richter: «Wird eine auch den Schutz der Spieler vor Verletzungen bezweckende Spielregel absichtlich oder in grober Weise missachtet, so darf keine stillschweigende Einwilligung in das der sportlichen Tätigkeit innewohnende Risiko einer Körperverletzung angenommen werden.»

Stefan Schnyder ist mit 5 Minuten plus Restausschluss bestraft worden und damit liegt eine erhebliche Regelverletzung im Sinne des Bundesgerichtes vor. Er ist damit gemäss Bundesgericht möglicherweise nicht unschuldig. Obwohl sich praktisch alle Experten einig sind, dass es kein Foul und damit keine Regelverletzung, sondern ein Unfall nach einer Verkettung unglücklicher Umstände war.

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