Libyen vor Machtwechsel: Mustafa Dschalil - der neue starke Mann Libyens
Aktualisiert

Libyen vor MachtwechselMustafa Dschalil - der neue starke Mann Libyens

Mit dem fortlaufenden Untergang des Machtapparats rund um Muammar Gaddafi schlägt die Stunde des Nationalen Übergangsrats. Dessen Vorsitzender tat sich in den letzten Wochen besonders hervor.

Der Vorsteher des oppositionellen Nationalen Übergangsrates in Libyen, Mustafa Abdel Dschalil.

Der Vorsteher des oppositionellen Nationalen Übergangsrates in Libyen, Mustafa Abdel Dschalil.

Vor einem halben Jahr war der Mann mit dem dünnen grauen Bart und der Halbglatze im Ausland kaum bekannt. Doch mit dem Aufstand gegen Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi wurde der Chef des oppositionellen Nationalen Übergangsrates, Mustafa Abdel Dschalil, zum Gesicht des Widerstands.

In den vergangenen Tagen trat der 59-Jährige immer wieder vor die Medien, um die Erfolge der Rebellen zu verkünden. So war er es, der am Sonntag die Festnahme von Gaddafis Sohn Seif al-Islam bekanntgab.

Dabei war Dschalil drei Jahre lang Gaddafis Justizminister. Schon in dieser Zeit tat er nicht alles, was der für die blutige Unterdrückung seiner Gegner bekannte Revolutionsführer von ihm verlangte. So zeigte der Jurist sich bereit, Gefangene aus dem berüchtigten Gefängnis Abu Salim freizulassen, das allerdings nicht seinem Ministerium, sondern dem Geheimdienst unterstand.

NGO beeindruckt

Dschalil sei als Minister wahrscheinlich der «unabhängigste Geist der Regierung» gewesen, meint auch Malcolm Smart, Leiter der Nahost- und Nordafrikaabteilung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

«Sicher war er drei Jahre lang Minister einer Regierung mit einer langen Geschichte von Menschenrechtsverletzungen. Dennoch scheint er, als er im Amt war, auf eine Verbesserung hingearbeitet zu haben», fasst Smart die Amtszeit Dschalils zusammen.

Mit seinem Einsatz für die Gefangenen von Abu Salim war Dschalil bereits vor Jahren eine Art Vorreiter des Aufstands gegen Gaddafi. Denn die berüchtigte Haftanstalt war es, die schliesslich im Februar die Proteste auslöste: Demonstranten forderten die Freilassung eines Anwalts von Familien, deren Angehörige 1996 bei einer Schiesserei in dem Gefängnis ums Leben kamen.

Die Fronten gewechselt

Im Januar 2010 waren die Zustände in Abu Salim auch der Grund für den Minister, sein Amt aufzugeben. Bei der Jahrestagung des Parlaments, die vom Fernsehen übertragen wurde, kündigte er seinen Rücktritt an. Wegen «Behinderung» durch den Staatsapparat könne er die unschuldigen Gefangenen von Abu Salim nicht freilassen, sagte er damals.

Doch Gaddafi verweigerte dem Reformer den Abgang, der dann ein Jahr später erfolgte. Als Gaddafis Truppen in der Rebellenhochburg Benghasi auf friedliche Demonstranten schossen, wechselte Dschalil Mitte Februar endgültig die Seiten. Er gründete zusammen mit anderen den Nationalen Übergangsrat als Organisation für die Kräfte der Opposition.

Einen ersten Erfolg verzeichnete Dschalil, als der französische Präsident Nicolas Sarkozy ihn am 10. März im Elysée-Palast empfing und den Nationalen Übergangsrat als legitime Vertretung des libyschen Volkes anerkannte.

Eine Woche später begannen die Luftangriffe auf Stellungen der Truppen Gaddafis, dessen Herrschaft nun vor dem Zusammenbruch steht. «Das Ende ist sehr nahe, mit Gottes Hilfe», sagte Dschalil am Samstag. (sda)

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