07.08.2020 04:59

Anklageschrift wie FolterromanMutter befahl ihren Kindern, Kot und Erbrochenes zu essen

Ein Elternpaar ist angeklagt, ihre zwei Kinder während Jahren massiv misshandelt und gedemütigt zu haben. Schläge, Kellerarrest und Essensentzug waren an der Tagesordnung.

von
Stefan Hohler
1 / 3
Eine Mutter und ein Vater stehen ab Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich – unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

Eine Mutter und ein Vater stehen ab Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich – unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

KEYSTONE
Sie sollen ihre beiden Kinder jahrelang schwer misshandelt haben. Die inzwischen erwachsenen Kinder leiden noch heute darunter.

Sie sollen ihre beiden Kinder jahrelang schwer misshandelt haben. Die inzwischen erwachsenen Kinder leiden noch heute darunter.

Keystone
Die Eltern sollen sie im Keller eingesperrt und geschlagen haben. Zudem waren sie untergewichtig.

Die Eltern sollen sie im Keller eingesperrt und geschlagen haben. Zudem waren sie untergewichtig.

Keystone

Darum gehts

  • Vor dem Bezirksgericht Zürich müssen sich am Mittwoch ein heute 49-jähriger Vater und eine 48-jährige Mutter wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung verantworten.
  • Sie sollen Tochter und Sohn während Jahren schwer misshandelt haben.
  • Die Kinder wurden 2010 in die Notfallgruppe eines Kinderheims platziert. Sie wiesen schwere psychische und physische Störungen auf und waren untergewichtig.
  • Der Vater soll zudem eine weitere Tochter sowie die Stieftochter sexuell missbraucht haben.

Die 22 Seiten umfassende Anklageschrift liest sich wie ein Folterroman. Was dem heute 49-jährigen kosovarischen Maler und seiner um ein Jahr jüngeren und inzwischen geschiedenen Schweizer Ehefrau alles vorgeworfen wird, sprengt jegliches Vorstellungsvermögen. Das in Zürich wohnhaft gewesene Paar soll zwischen Anfang 2003 und Ende 2010 ihre beiden Kinder – eine Tochter und einen Sohn, die inzwischen erwachsen sind – über Jahre hinweg misshandelt und vernachlässigt haben.

So schlossen die Eltern ab 2006 die beiden damals sieben- und achtjährigen Kinder nahezu jede Nacht im Kinderzimmer ein. Ab 2008 wurden sie im Keller des Reiheneinfamilienhauses eingeschlossen. Am Wochenende verriegelten die Eltern die Tür zu Kinderzimmer oder Keller auch tagsüber, und die Kinder konnten lediglich zweimal täglich auf die Toilette. Wenn sie auf den Boden urinierten und koteten, mussten sie Urin und Kot eigenhändig wegputzen.

Kinder waren untergewichtig

Während Jahren erhielten die Kinder laut Anklageschrift zu wenig Essen, sodass sie untergewichtig waren. Sie mussten in der Schule Esswaren von anderen Kindern stehlen oder zu Hause unbemerkt nach Essen suchen. Der Knabe wog im Alter von knapp neun Jahren nur gerade 18,5 Kilogramm, das ein Jahr ältere Mädchen knapp 22 Kilogramm.

Auch auf die Körperpflege der Kinder achteten die Eltern nicht. Die Kinder hatten zu kleine Schuhe, sodass sie jeweils Blasen an den Füssen bekamen. Sie durften auch nicht an Schulausflügen und Klassenlagern teilnehmen, und Kontakte zu Gspänli wurde ihnen verboten. Sie waren von der Aussenwelt nahezu isoliert.

Laut Anklageschrift verlangte die Mutter von den Kindern, dass sie ihr eigenes Erbrochenes aufessen müssen. Den Kopf des Mädchens drückte sie in das Erbrochene hinein. Der Knabe musste zudem seinen Kot essen, was er tat. Die Mutter schnitt dem Mädchen die schulterlangen Haare gegen ihren Willen bis auf ein paar Millimeter ab. In einem Fall mussten die Kinder ihre mit Urin vollgesogenen Windeln auf den Kopf setzen und von morgens bis abends stillstehen. Der Vater drückte einmal den Kopf des Mädchens in die WC-Schüssel und spülte.

Vater soll sich an Töchter vergangen haben

Ohrfeigen und Schläge mit einem Bambusstecken waren an der Tagesordnung, die Lehrpersonen in der Schule stellten bei den Kindern Flecken, Schlagspuren und Beulen fest. Laut Anklageschrift verabreichte der Vater den Kindern fast täglich Ohrfeigen und riss sie an den Haaren.

Die Staatsanwältin macht dem Vater noch einen weiteren gravierenden Vorwurf. Der Mann soll eine weitere Tochter im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren circa alle zwei bis drei Tage sexuell missbraucht haben. Auch die Tochter der Ehefrau aus einer früheren Beziehung habe der Mann zu Oralverkehr gezwungen. Zudem ist er angeklagt, seine Ehefrau stark gewürgt zu haben.

In Kinderheim platziert

Die Tortur hörte auf, als Sohn und Tochter Ende 2010 aufgrund der psychischen und physischen Misshandlungen in die Notfallgruppe eines Kinderheims platziert wurden. Die Kinder waren stark traumatisiert und entwicklungsmässig zurückgeblieben. Sie erhielten während Jahren wöchentliche Therapien, müssen aber auch im Erwachsenenalter von der Invalidenversicherung unterstützt werden.

Die Eltern befinden sich seit rund zwei Jahren im Gefängnis. Die Staatsanwältin wirft ihnen schwere Körperverletzung und Freiheitsberaubung vor, dem Vater zusätzlich sexuelle Handlungen mit Kindern, sexuelle Nötigung und Gefährdung des Lebens. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich beginnt am Mittwoch und dauert mindestens zwei Tage.

Das verlangte Strafmass wird die Staatsanwältin am Prozess bekannt geben. Da der beschuldigte Ehemann quasi als «Retourkutsche» der Ex-Frau und der Stieftochter falsche Anschuldigung, Verleumdung und Irreführung der Rechtspflege vorwirft, hat die Staatsanwältin noch eine zweite Anklageschrift mit diesen Vorwürfen eingereicht. Auch darüber wird das Gericht entscheiden müssen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.