«Schwere Körperverletzung»: Mutter behandelt Tochter mit Keto-Diät anstelle von Medizin
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«Schwere Körperverletzung»Mutter behandelt Tochter mit Keto-Diät anstelle von Medizin

Mit Medikamenten wollte eine Frau die Epilepsie ihrer Tochter nicht behandeln lassen. Stattdessen setzte sie auf eine Diät, in der vorwiegend Fleisch, Eier und Milchprodukte gegessen werden. Nun wurde sie zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

von
Gianni Walther
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Das Kriminalgericht Luzern verurteilt eine Frau (49) zu einer Freiheitsstrafe.

Das Kriminalgericht Luzern verurteilt eine Frau (49) zu einer Freiheitsstrafe.

20min/Gianni Walther
Die Frau hatte die Gesundheit ihrer Tochter «erheblich gefährdet», so das Gericht. Sie hatte unter anderem eine medikamentöse Behandlung der Epilepsie ihrer Tochter verweigert.

Die Frau hatte die Gesundheit ihrer Tochter «erheblich gefährdet», so das Gericht. Sie hatte unter anderem eine medikamentöse Behandlung der Epilepsie ihrer Tochter verweigert.

Gerichte Luzern
Die Tochter leidet heute an Folgeschäden ihrer Erkrankung.

Die Tochter leidet heute an Folgeschäden ihrer Erkrankung.

20min/Gianni Walther

Darum gehts

  • Jahrelang hatte sich eine Mutter gegen die Behandlung der Epilepsie ihrer Tochter gewehrt.

  • Die Tochter hat deswegen bleibende Folgeschäden erlitten.

  • Das Kriminalgericht verurteilt die 49-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Das Luzerner Kriminalgericht hat eine heute 49-jährige Frau wegen Entführung und eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung verurteilt. Im Jahr 2015 hatte die damals zwölfjährige Tochter der Frau einen Anfall erlitten: An einem Morgen im Herbst lag sie im Badezimmer auf dem Boden. Sie blutete aus dem Mund und hatte Zuckungen, besonders des Kopfes. Im Kinderspital Luzern wurde eine Form von Epilepsie diagnostiziert.

Spital meldete den Fall der Kesb

Die Mutter lehnte eine Behandlung mit Medikamenten ab und wollte die Tochter mit einer ketogenen Diät (siehe Box) behandeln. Im Januar 2016 wurde die Tochter wegen Anfällen erneut zweimal ins Spital gebracht. Die Diät zeigte keinen Effekt auf die Kontrolle der Anfälle, meinte das Fachpersonal. Wenig später machte das Kantonsspital Luzern bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eine Gefährdungsmeldung, da die Mutter bei einem weiteren Anfall «die zuvor vereinbarte Notfallmedikationsgabe verweigert» hatte, heisst es im Urteil. Die Tochter erhielt eine Beistandschaft, der Mutter wurde das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihre Tochter zeitweise entzogen.

Später gab die Mutter während mehrerer Monate gegenüber der Beiständin und einem behandelnden Arzt an, dass es der Tochter gut gehe. Im Sommer 2017 reiste sie zu einer Verwandten in die USA. Diese bemerkte epileptische Anfälle bei der Tochter. Die Mutter verweigerte eine Behandlung und ihre Verwandte meldete dies der Kinderschutzbehörde vor Ort. Dann tauchte die Mutter mit der Tochter unter und reiste später nach Grossbritannien. Dies bekam die Kesb mit, die zuständige Kindesschutzbehörde in England wurde informiert. Die Tochter kam schliesslich in ein Spital und wurde behandelt. Gegen Ende 2018 wurde bei ihr in der Schweiz ein «unterdurchschnittliches kognitives Gesamtleistungsniveau mit neuropsychologischen Funktionsstörungen» diagnostiziert, die durch die nicht therapierte Epilepsie entstanden sind.

Gesundheit der Tochter «erheblich gefährdet»

Mit der Reise ins Ausland hat die Mutter ihre Tochter aus ihrem Umfeld gerissen, «um sie dem Einfluss und der Kontrolle der involvierten Behörden und Ärzte zu entziehen», so das Urteil. Damit nahm die Mutter laut Gericht auch in Kauf, dass die Gesundheit der Tochter «erheblich gefährdet» wurde. Sie habe auch keine Antiepileptika abgegeben, als sich der Zustand der Tochter massiv verschlechterte, so das Gericht. Bis heute leide die Tochter unter «schweren kognitiven Defiziten, die teilweise irreparabler Natur sind», so das Urteil. Gemäss einem ärztlichen Gutachten muss man davon ausgehen, dass die Tochter «diese Schäden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht oder zumindest nicht im vorliegenden Ausmass hätte», wenn sie die ärztlich empfohlenen Medikamente bekommen hätte.

Die Frau wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Zudem muss sie der Tochter eine Genugtuung zahlen und die Verfahrenskosten übernehmen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Berufung wurde eingelegt.

Ketogene Diät bei Epilepsie

Bei einer ketogenen Diät wird beim Stoffwechsel ein Zustand des Fastens nachgeahmt. Eine positive Auswirkung des Fastens auf Epilepsie ist bereits seit der Antike bekannt. Für die Diät wird der Anteil der Kohlenhydrate in der Nahrung reduziert und der Fettanteil erhöht. Der Körper bezieht seine Energie dann hauptsächlich aus Fett. «Ketogene Diäten haben besonders bei Kindern eine nachgewiesene Wirksamkeit bei allein mit Medikamenten nicht erfolgreich behandelbaren Epilepsien, ausnahmsweise ist auch ihre alleinige Anwendung ausreichend», schreibt die Schweizerische Epilepsie-Liga.

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Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

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