Vergewaltigungsfall in Basel: Mutter des Beschuldigten bricht unter Tränen im Gericht zusammen
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Vergewaltigungsfall in BaselMutter des Beschuldigten bricht unter Tränen im Gericht zusammen

Für sie wurde es zu viel, als sie vom Übersetzer vernahm, dass ihr Sohn möglicherweise in das Land zurückkehren muss, aus dem die Familie geflohen ist. Weil derzeit nicht nach Afghanistan ausgeschafft wird, ist sein Schicksal im Fall eines Schuldspruchs ungewiss.

von
Steve Last
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Die Tat soll sich am Lohweg in Basel ereignet haben. Der damals 19-Jährige wurde wenige Tage darauf als Tatverdächtiger festgenommen und sitzt seit dem 5. November in Untersuchungshaft.

Die Tat soll sich am Lohweg in Basel ereignet haben. Der damals 19-Jährige wurde wenige Tage darauf als Tatverdächtiger festgenommen und sitzt seit dem 5. November in Untersuchungshaft.

Privat
Der 20-Jährige wird beschuldigt, Ende Oktober 2021 eine junge Frau vergewaltigt zu haben. Ihm droht der Landesverweis.

Der 20-Jährige wird beschuldigt, Ende Oktober 2021 eine junge Frau vergewaltigt zu haben. Ihm droht der Landesverweis.

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In dieser Unterführung in der Basler Innenstadt soll es gegen vier Uhr morgens zur Tat gekommen sein.

In dieser Unterführung in der Basler Innenstadt soll es gegen vier Uhr morgens zur Tat gekommen sein.

20min/Lukas Hausendorf

Darum gehts

  • Ein 20-Jähriger muss sich vor dem Strafgericht Basel-Stadt wegen Vergewaltigung verantworten.

  • Die Staatsanwaltschaft fordert neben einer bedingten Freiheitsstrafe einen Landesverweis.

  • Weil derzeit keine Rückführungen nach Afghanistan durchgeführt werden, ist fraglich, was im Falle eines Schuldspruchs geschieht.

Als ihr Sohn am Dienstag aus dem Gericht geführt wurde, brach die Mutter des Beschuldigten weinend zusammen. Sie versuchte verzweifelt, an einem Polizisten vorbeizukommen, was ihr aber nicht gelang. Stattdessen sackte sie im Gang vor dem Verhandlungsaal unter Tränen zusammen. Ihr Sohn sitzt seit über sechs Monaten in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, im Oktober 2021 eine junge Frau in Basel vergewaltigt zu haben. Am Dienstag wurden er und das mutmassliche Opfer befragt, die Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten und einen Landesverweis von acht Jahren. Das Urteil folgt am Freitag, es gilt die Unschuldsvermutung.

Als die Frau vom Übersetzer vernahm, dass ihr Sohn nach Afghanistan zurückgeschickt werden könnte, verlor sie die Kontrolle. Gemäss Aussagen des Beschuldigten verliess die Familie das Land, als der Vater von den Taliban erschossen wurde. «Wir fürchteten das gleiche Schicksal», so der Beschuldigte. Das war noch bevor sich die US-Truppen im August 2020 überraschend aus dem Land zurückzogen und die Taliban nach 20-jährigem Widerstand wieder die Macht übernahmen.

Droht ihm unbegrenzte Ausschaffungshaft?

Ins Gefängnis im Sinne einer Freiheitsstrafe muss der Mann auch bei einem Schuldspruch nicht, zumindest wenn es nach der Forderung der Staatsanwaltschaft geht. Es könnte aber sein, dass er dennoch nicht auf freien Fuss kommt. Denn wenn schon wegen Fluchtgefahr Untersuchungshaft angeordnet wurde, wie seine Verteidigerin sagte, könnte ihm auch Ausschaffungshaft drohen.

Denn derzeit werden keine Rückführungen nach Afghanistan durchgeführt, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) zu 20 Minuten sagt. Diese seien seit dem 13. August 2021 sistiert. Bei «besonders straffälligen Personen von öffentlichem Interesse» könnten aber «die Vorbereitungen für den Vollzug der Wegweisung» fortgeführt werden. Ob das auf den Beschuldigten zutrifft, lässt sich derzeit nicht bestimmen. Zwar stelle die afghanische Botschaft wieder Ersatzpapiere aus, Flüge gebe es aber keine.

Zwei Wochen im Wald, auf dem Wasser getrennt

Der Beschuldigte sei nach eigenen Angaben mit seiner Mutter und drei Geschwistern auf dem Landweg in die Türkei gelangt. Zwei Wochen hätten sie in einem Wald an der Grenze zu Griechenland verbracht. In einem Boot hätten sie versucht, in die EU zu kommen, dabei seien zwei Personen ertrunken. Die Familie sei getrennt worden, als die Polizei das Boot barg. Die Mutter und die ältere Schwester hätten sich im Maschinenraum versteckt und seien nicht gefunden worden, der Beschuldigte und seine zwei jüngeren Geschwister seien in einem Lager gelandet.

Der 20-Jährige und seine jüngeren Geschwister wurden vorläufig in der Schweiz als Geflüchtete aufgenommen, Mutter und ältere Schwester folgten vor fünf Jahren. Zwei Jahre verbrachte der Mann damit, die Sprache zu lernen, wie er sagte. Dann begann er eine Lehre. Ende Oktober 2021 ging er in Basel in den Ausgang und hatte sexuelle Kontakte mit mehreren Frauen, offenbar nicht zum ersten Mal. Überwachungsvideos aus dem Balz-Club zeigen, dass er zehn verschiedene Frauen sexuell anging, eine von ihnen soll er in den frühen Morgenstunden am Lohweg vergewaltigt haben.

Fehlverhalten unbestritten, Vergewaltigung unklar

Dass er sich an dem Abend gegenüber den oft alkoholisierten Frauen verwerflich verhielt und aufdringlich war, ist auf Video aufgezeichnet und unbestritten. Dass er eine von ihnen vergewaltigte, dementiert er jedoch. Sie leidet unter den Folgen dieses Abends und wird therapiert. Was genau vorfiel und wer dafür verantwortlich zu machen ist, wird das Gericht entscheiden müssen.  

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Fragen oder Probleme im Bereich Migration/Asylverfahren?

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