Cluster mit Mutationen: Mutter setzt Schulbehörden mit Hotspot-Karte unter Druck
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Cluster mit MutationenMutter setzt Schulbehörden mit Hotspot-Karte unter Druck

Auf einer Website erfasst eine Bürgerin mit Internetaktivisten Corona-Ausbrüche an Schulen. Damit will sie den Druck auf die Politik erhöhen.

von
Bettina Zanni
Daniel Waldmeier
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 Bis am Dienstag registrierte die Website www.schulcluster.ch mehr als 100 Cluster, verteilt auf über die Hälfte der Kantone.

Bis am Dienstag registrierte die Website www.schulcluster.ch mehr als 100 Cluster, verteilt auf über die Hälfte der Kantone.

Screenshot/schulcluster.ch
«Die Karte zeigt, dass ein Schwelbrand lodert», sagt A. D., die ihr Kind im Homeschooling unterrichtet.

«Die Karte zeigt, dass ein Schwelbrand lodert», sagt A. D., die ihr Kind im Homeschooling unterrichtet.

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 «Die Fälle zeigen, dass es keine Rolle spielt, ob sich 20 Erwachsene oder 20 Primarschüler in einem Raum treffen – zu Ansteckungen kommt es immer», sagt die Mutter.

«Die Fälle zeigen, dass es keine Rolle spielt, ob sich 20 Erwachsene oder 20 Primarschüler in einem Raum treffen – zu Ansteckungen kommt es immer», sagt die Mutter.

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Darum gehts

  • Die Website schulcluster.ch registriert aktuell mehr als 100 Cluster mit Schulausbrüchen, verteilt auf über die Hälfte der Kantone.

  • «Die Karte zeigt, dass ein Schwelbrand lodert», sagt eine Mutter, die mit Internetaktivisten namens Cyberstammtisch auf der Website die Fälle erfasst.

  • Damit befeuern sie den Streit um den Fernunterricht.

Die Karte ist gesprenkelt mit gelben Biogefahr-Schildern. Sie warnen vor Ausbrüchen der britischen und südafrikanischen Corona-Mutation an Schulen. Bis am Dienstag registrierte die Website schulcluster.ch mehr als 100 Cluster, verteilt auf über die Hälfte der Kantone. Einzelne Meldungen sind anonym und nicht bestätigt.

Hinter der Website stecken Internetaktivisten namens Cyberstammtisch. A. D.*, Mutter eines Kindes im Primarschulalter aus dem Kanton Bern, hat die Website letzten Samstag mit den Aktivisten lanciert. Sie möchte jedoch anonym bleiben – aus Angst vor Angriffen und weil es um die Sache, nicht um die Person gehe.

«Schwelbrand lodert»

Mit der Karte wollen die Mutter und der Cyberstammtisch das Problem der Infektionen an Schulen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken: «Die Karte zeigt, dass ein Schwelbrand lodert», sagt A. D., die ihr Kind im Homeschooling unterrichtet. Gegen 30 Meldungen von Lehrpersonen, Ärzten, Eltern und Schulleitern über neue Ausbrüche auf allen Schulstufen gingen täglich ein. «Viele Lehrer haben Angst, in die Schule zu gehen», sagt D.

Die Zahl der Ausbrüche und die zunehmenden Schulschliessungen sind für die Mutter ein Beleg dafür, dass die Schutzkonzepte in den Schulen nicht funktionieren. «Die Fälle zeigen, dass es keine Rolle spielt, ob sich 20 Erwachsene oder 20 Primarschüler in einem Raum treffen – zu Ansteckungen kommt es immer.» Daher sei eine Schule ohne Ausbrüche im Moment eine Glückssache, abhängig vom Wohnkanton und der Schulleitung.

Kritik an fehlendem Monitoring von Behörden

Aufgezeigt werden auf der Website keine einzelnen Ansteckungen, sondern ausschliesslich Cluster. Bedingung für eine Erfassung als Cluster ist, dass an einem Ausbruchsort mindestens eine Klasse in Quarantäne gestellt sein muss. Unverständlich sei, dass die Behörden kein Monitoring über die Ausbrüche an Schulen betrieben, kritisiert die Bürgerin.

Um weitere Ausbrüche zu vermeiden, plädiert A. D. für eine sofortige Schulschliessung von vier Wochen. «Zum Beispiel könnten die Sportferien verlängert werden.» Seien Schulschliessungen oder Homeschooling nicht möglich, brauche es dringend bessere Schutzkonzepte, sagt die Mutter.

Sie schlägt vor, den Unterricht auf kleinere Klassen zu reduzieren, auf Durchmischungen und den Sing- und Turnunterricht zu verzichten sowie die Klassenzimmer mit einem Luftfilter auszurüsten. «Für Schüler mit Eltern, die sie im Homeschooling unterrichten können, soll die Präsenzpflicht aufgehoben werden.» Ausserdem müsse in den Schulen ein effizientes Testkonzept umgesetzt werden.

BAG und Erziehungsdirektoren loten neue Massnahmen aus

Mit der Karte befeuern die Initianten der Website den Streit um den Fernunterricht. Sie wird auf Twitter fleissig geteilt und erhält von Usern viel Lob. «Top, danke fürs Sammeln» oder «Diese Karte sollte man auf den Bundesplatz projizieren», lauten die Kommentare etwa. Auch der Bund hat sich jetzt zu den Mutationsfällen an Schulen geäussert: «Tatsächlich ist es so, dass in den vergangenen Wochen vermehrt Ausbrüche auch in Schulen beobachtet werden konnten», sagte Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung beim BAG, an einer Medienkonferenz am Dienstag.

Kinder und Schulen seien nicht frei von Coronaviren, so Mathys. «Da mussten wir in den letzten Monaten sehr viel dazulernen.» Wie an den Schulen weiter vorgegangen werde und wie die Situation mit den neuen Mutanten aussehe, sei im Moment nicht klar. «Wir sind mit den Erziehungsdirektoren in Kontakt, um mögliche Massnahmen auszuloten.»

Auch die Schulen wollen handeln. «Nicht zögern darf man bei Schulschliessungen vor Ort dort, wo positive Fälle auftreten», sagt Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Flächendeckende Schulschliessungen seien nach wie vor ausgeschlossen, aber immer noch die letzte Massnahme. Der LCH plädiere schon seit Mitte Januar für zusätzliche Massnahmen, um den Gesundheitsschutz von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern zu gewährleisten.

*Name der Redaktion bekannt.

«Von 500 Schulen mussten wir 2 schliessen»

Für die Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) und Zürcher Bildungsdirektorin, Silvia Steiner, ist Fernunterricht derzeit noch nicht angezeigt.
Frau Steiner, Eltern sammeln auf einer Website Covid-Fälle an Schulen. Warum gibts keine offizielle Statistik der EDK oder des BAG? Hat überhaupt jemand schweizweit den Überblick?
Die Kantone sind dafür zuständig, bei Covid-Fällen an ihren Schulen lokal zu handeln und das Infektionsgeschehen an Schulen zu verfolgen. Sie verfügen entsprechend über Zahlen zu Covid-Ansteckungen von Kindern und Jugendlichen auf kantonaler Ebene via ihre Gesundheitsdienste und Statistikabteilungen.
Ändern die in den letzten Tagen und Wochen sich häufenden Mutationsfälle an Schulen etwas an Ihrer Risikoeinschätzung?
Die Kantone beobachten die auftretenden Covid-Fälle an Schulen laufend und treffen Massnahmen zur Eindämmung des Virus. Dank guter Schutzkonzepte konnten die Schulen bisher eine unkontrollierte Verbreitung des Virus verhindern. Im Kanton Zürich etwa sind in der letzten Kalenderwoche 233 Kinder im Volksschulalter (4 bis 15 Jahre) positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das entspricht 0,13 Prozent der Gesamtbevölkerung im gleichen Alter.
Müsste man angesichts der Mutation auf Fernunterricht umstellen?
Fernunterricht ist für uns nach wie vor die Ultima Ratio. Vorher sollten andere Massnahmen ergriffen werden, wie beispielsweise eine Ausweitung der Maskenpflicht für Schülerinnen und Schüler oder eine Reduktion der Personendichte durch alternative Lehr- und Lernformen.
Wann ist die Grenze erreicht, wo Sie sagen würden: «Wir müssen den Schulbetrieb einstellen?»
Diese Frage ist mit Bezug auf die Anzahl der Ansteckungen letztlich durch die Gesundheitsbehörden zu beantworten. Aus schulischer Sicht ist eine Grenze erreicht, wenn der Unterricht aufgrund von ausgedehnten Quarantäneanordnungen nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Von rund 500 öffentlichen Volksschulen im Kanton Zürich war das bislang erst in zwei Fällen nötig. Da macht es Sinn, lokal zu reagieren.

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