06.01.2020 20:41

Ausgesetztes Baby

Mutter von Därstetten droht Gefängnis

Rebekka? Lisa? Oder doch Maria? Wer entscheidet, wie ausgesetzte Kinder heissen sollen? Was mit Findelkindern wie dem Mädchen von Därstetten passiert, erklärt ein Experte.

von
ihr
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Am Morgen des 4. Januars 2020 ist in Därstetten ein neugeborener Säugling aufgefunden worden.

Am Morgen des 4. Januars 2020 ist in Därstetten ein neugeborener Säugling aufgefunden worden.

T. Knutti
Das Baby lag in einer Kartonschachtel auf diesem Container.

Das Baby lag in einer Kartonschachtel auf diesem Container.

T. Knutti
Im Raum befindet sich auch eine Müllpresse.

Im Raum befindet sich auch eine Müllpresse.

T. Knutti

Das in eine Wolldecke eingewickelte und in einer Recyclinganlage in Därstetten aufgefundene Neugeborene befindet sich laut der Kantonspolizei Bern weiterhin im Spital. Der Experte Patrick Fassbind, ehemaliger Präsident der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB Bern und nun Präsident der KESB Basel-Stadt, sagt, was mit ausgesetzten Babys nach der Auffindung passiert.

Wie schnell bekommt ein Kind wie jenes aus Därstetten einen Namen?

Ziel ist, dass ein Kind so bald als möglich einen Namen erhält. Deshalb vergeben Spitäler in solchen Fällen oft provisorische Namen. Dem Kind nur eine Nummer zu geben, wäre menschenunwürdig.

Wer gibt Findelkindern den definitiven Namen?

Grundsätzlich hat die Mutter das Recht, dem Kind einen Namen zu geben. Wird sie bekannt oder hat sie dem Baby einen Brief mit einem Namenswunsch beigelegt, wird der Name berücksichtigt, den sie angibt. Denn rechtlich hat die Mutter die elterliche Sorge nicht verwirkt. Wird sie nicht bekannt, vergibt je nach Kanton das KESB-Präsidium oder auch der Regierungsrat einen Vor- und Nachnamen. Dieser gilt bis zur Adoption.

Was passiert mit Babys nach dem Auffinden?

Vorrangiges Ziel ist, dass die Mutter sich meldet und sie überzeugt werden kann, dass sie ihr Kind annimmt und ihm die notwendige Fürsorge zukommen lässt. Aktiv gesucht nach der Mutter wird nur, wenn strafrechtlich relevantes Verhalten zu vermuten ist. Wird sie bekannt, schaut man gemeinsam mit ihr, was es braucht, damit das Kind bei ihr aufwachsen kann. Dabei wird auch der allenfalls bekannte Vater eingebunden.

Was ist, wenn die Mutter nicht auffindbar ist?

Ist sie nicht auffindbar oder möchte sie das Kind nicht zurücknehmen, versucht man, dem Baby eine möglichst familiäre Umgebung zu verschaffen. Dazu kommt es in eine sogenannte SOS-Familie, die sich ihm in der Zeit annimmt, bis der Adoptionsprozess in Gang gesetzt wird. Ziel der KESB ist aber immer, dass ein Kind bei der Mutter oder dem Vater aufwachsen kann.

Welche Nationalität haben Findelkinder?

Wird ein Baby aufgefunden, dessen Eltern nicht ermittelt werden können, so erhält dieses gesetzlich das Schweizer Bürgerrecht. So werden staatenlose Babys verhindert. Dies wird durch das Findelkindrecht geregelt. Werden die Eltern zu einem späteren Zeitpunkt gefunden und besitzen diese das Schweizer Bürgerrecht nicht, so hängt dessen Status von den konkreten rechtlichen Umständen ab.

Das Baby von Därstetten wurde in der Kälte in einem Werkhof ausgesetzt. Mit welcher Strafe muss die Mutter rechnen?

Gibt eine Mutter ihr Kind in einer Babyklappe ab, so muss sie mit keinen strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Setzt sie es allerdings wie im vorliegenden Fall andernorts aus, so hängt die Strafbarkeit und das Strafmass von den Umständen ab. Es kommt darauf an, ob durch die konkrete Aussetzung das Leben und die Gesundheit des Kindes gefährdet wurden. Auch wenn das Kind gesund gefunden wird, kann dies mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Relevant dafür ist der mehr oder weniger sichere Aussetzungsort.

Was ist, wenn das Kind zu Schaden kam?

Wird ein Kind nicht gesund aufgefunden, so gilt dies als Körperverletzung. Ist es bei der Auffindung tot, macht sich die aussetzende Mutter gar der Tötung schuldig. Allerdings ist bei Müttern, die ihr Kind während der Geburt oder solange sie unter dem Einfluss des Geburtsvorgangs stehen, ein gesonderter Artikel des Strafrechts anwendbar. Dieser kann eine gewisse Milderung der Strafe je nach Fall vorsehen.

Weshalb gibt es Mütter, die ihre Kinder aussetzen? Ist das immer mit Überforderung zu begründen oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle?

Die betroffenen Mütter sind meistens in einer absoluten Notsituation und fühlen sich rat- und hilflos, sind völlig verzweifelt. Sozioökonomische Gründe gehören zu den Hauptursachen: fehlender Wohnraum, keinen Vater oder finanzielle Probleme. Oft sind es Mütter, die noch in Ausbildung stehen oder sehr jung sind. Manchmal übt auch das Umfeld Druck aus. Ein weiterer Grund ist Unwissenheit um die Unterstützungsangebote für Mütter. Dort sollte in der Prävention angesetzt werden.

Wie oft kommt es in der Schweiz vor, dass Kinder ausgesetzt werden?

Das kommt selten vor. Erfahrungsgemäss gibt es nicht mehr als einen Fall pro Jahr. Eine Dunkelziffer besteht bei Kindstötungen nach der Geburt.

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