Russische Kriegsgefangene  - «Mutter, wir sind es, die die Ukraine angegriffen haben»
Publiziert

Russische Kriegsgefangene «Mutter, wir sind es, die die Ukraine angegriffen haben»

Wolodimir Zolkin aus Kiew will Russlands Bevölkerung über den Krieg informieren. Er lässt Gefangene nach Hause telefonieren und stellt das Gespräch auf Youtube. 

«Sagen sie in den Nachrichten, dass die russischen Truppen in der Ukraine Zivilisten töten?» 

Youtube/Wolodimir Zolkin/20 Minuten 

«Einige sagten, die Ukraine habe Vögel mit biologischen Kampfstoffen infiziert und alle Russen töten wollen. Deswegen habe Moskau eingegriffen.» Die Telefonate mit Müttern russischer Kriegsgefangener sind für Wolodimir Zolkin oft frustrierend.

Zu Anfang des Krieges habe er sich nützlich machen wollen, erzählt der 40-Jährige aus Kiew 20 Minuten. Er habe die russische Propaganda aufweichen, den Menschen in Russland ein realistisches Bild von dem Angriff geben wollen. 

Also postete er auf Youtube zunächst Beiträge über das Geschehen. «Viele Russen und Russinnen kommentierten dann, das sei alles gefälscht, es gäbe sicher keine Toten», sagt er. Er habe sich hilflos gefühlt.

Ein grauenhaftes Bildersammelsurium

Doch dann habe die ukrainische Regierung «Seek Your Own» aufgeschaltet: ein grauenhaftes Bildersammelsurium von aufgeblähten Toten, blutenden Verletzten und Kriegsgefangenen zur Identifizierung russischer Soldaten. Wer Sohn, Vater oder Freund sucht, kann ein Formular ausfüllen.

Dank persönlicher Kontakte zum Innenministerium und eines befreundeten IT-lers beschaffte sich Zolkin diese Anfragen, glich sie mit den Gefangenen auf Telegram ab und stellte so die jeweiligen Verbindungen nach Russland her. Seither besucht er die russischen Kriegsgefangenen und lässt sie mit ihren Nächsten telefonieren. Die Gespräche postet er online (siehe Video). Die Soldaten würden ihm für die Gelegenheit danken, nach Hause telefonieren zu können. 

«Die Russen leben wie Sklaven» 

«Mutter, wir sind es, die die Ukraine angegriffen haben», versucht ein Soldat seiner Mutter klarzumachen. Antwort: «Wir greifen nicht an, es ist unsere Regierung». Auf die Frage ihres Mannes, ob über zivile Opfer in der Ukraine berichtet werde, meint seine Frau: «Du weisst, dass ich versuche, keine News zu schauen».

Viele würden sich nicht einmal erkundigen, wie es den Gefangenen gehe. «Sie klammern sich weiter an die Propaganda. Das hat mich anfangs richtig umgehauen, ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist», so Zolkin. 

«Alles in allem hat die Bevölkerung Angst vor ihrer Regierung. Die Russen leben wie Sklaven, sie sagen nur immer wir entscheiden nichts› und wir haben keinen Einfluss›». Sagen Sie mir bitte, in welchem normalen, zivilisierten Land auf der Welt glauben die Menschen, dass sie überhaupt nichts entscheiden und beeinflussen könnten?».

Empfindet er Mitleid?

Neben den Anrufen nach Russland interviewt der 40-Jährige die Gefangenen auch einzeln und stellt diese Gespräche online. Empfindet er Mitleid mit ihnen? «Ich habe gemischte Gefühle», sagt Zolkin. «Einerseits habe ich oft Kinder vor mir sitzen, die ahnungslos waren, wohin sie geschickt wurden.»

Auf der anderen Seite wisse er, dass in diesem Augenblick in der Ukraine Kinder umgebracht und ganze Städte zerstört würden. «Unsere Leute haben niemanden getötet, sie sind friedlich, sie sassen daheim und zogen ihre Kinder gross. Für sie habe ich natürlich viel mehr Mitgefühl als für diese Leute, die gekommen sind, um uns zu töten.»

Facebook und Twitter sind im Zug des Krieges bereits gesperrt worden – wobei diese Plattformen in Russland nie wirklich wichtig waren. Youtube dagegen wird derzeit massiv von den staatlichen Sendern bespielt.

Mindestens 600’000 Views aus Russland

«So haben wir natürlich weiterhin viele Kommentare von Kreml-Bots, die behaupten, alles sei gefälscht und unwahr. Wir bekommen alle fünf Minuten etwa 1000 Beschwerden auf unserem Telegram- und Youtube-Kanal.» Es sei ein Katz-und-Maus-Spiel. «Viele Videos werden gesperrt, wir stellen sie wieder her.»

Doch solange Youtube in Russland noch erreichbar ist, will er mit seinem Projekt weitermachen. Trotz allem Hass und Verleumdung, die ihm vom Osten entgegenschlagen. Zolkin zufolge kommen etwa 60 Prozent der Zuschauer seines Youtube-Kanals aus Russland.

«Einige Videos haben über eine Million Aufrufe, deswegen wir davon ausgehen, dass mindestens 600’000 Russen sie sahen». So hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, Moskaus Propaganda aufzuweichen.

(gux)

Deine Meinung

79 Kommentare