«Sklavenarbeit»: Mysteriöser Kunstkrimi rund um Banksy
Aktualisiert

«Sklavenarbeit»Mysteriöser Kunstkrimi rund um Banksy

Ein Graffiti des britischen Guerilla-Künstlers Banksy wurde gestohlen. Kurz darauf sollte es in Miami für eine halbe Million Dollar versteigert werden. Doch die Auktion wurde abgeblasen.

von
Simone Kubli

Ein kleiner Junge sitzt am Boden und näht mit einer Nähmaschine eine Union-Jack-Wimpelkette. Das Graffiti zierte seit Mai letzten Jahres die Wand eines Schnäppchenshops in der Londoner Turnpike Lane. Hiesse der Urheber des Bildes nicht Banksy, niemand hätte wohl gross Notiz davon genommen.

Doch Banksy ist ein Graffiti-Star. Seit Jahren sprayt der britische, weltberühmte Künstler, der seine Identität der Öffentlichkeit noch nie preisgegeben hat, seine Street-Art auf den Mauern dieser Welt. Banksy ist ein Phantom, doch seine Werke haben eine unverkennbare Handschrift. Das wimpelnähende Kind hat viele Kunstliebhaber in den sonst wenig touristischen Londoner Stadtteil Haringey gelockt. Das Bild, das den Titel «Sklavenarbeit» trägt, wurde als ironischer Kommentar auf die Festlichkeiten zum 60. Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. im Juni 2012 interpretiert: «The Great Empire», mit Sklavenarbeit und Kinderhänden aus dem Commonwealth gross und reich gemacht – ganz klar eine Kritik am Kapitalismus.

Für eine halbe Million Dollar zu versteigern

Doch vergangene Woche war das Guerilla-Kunstwerk plötzlich von der Wand verschwunden, trotz einer Plexiglas-Scheibe, die das Werk vor dem Wetter, aber nicht vor Dieben schützte. In einer Nacht- und Nebelaktion haben Unbekannte das Muralismo gestohlen. Wenig später tauchte es auf der Website eines Auktionshauses in Miami wieder auf. Dort sollte die Strassenkunst als echter Banksy rund eine halbe Million Dollar wert sein – zum Entsetzen der Bewohner von London, die ihre Kunst, die sie als Gemeinschaftsbesitz betrachten, wiederhaben wollen.

Proteste wegen des verschwundenen Bansky (YouTube)

Banksy wird ungewollt zum Dieb

Es macht keinen Sinn, wenn Kunst aus dem ikonologischen Kontext gerissen wird. Die Bedeutung geht verloren. Ein Bild über Sklavenarbeit wird zum politischen Statement, wenn es an der Wand eines Billigstshops klebt, der seine Ware, in Billiglohnländern wie Indien hergestellt, für weniger als ein Pfund anbietet. Es ist absurd, das Graffiti in die Villa eines Kunstliebhabers zu hängen. Das haben auch die erzürnten Quartierbewohner verstanden, als sie tagelang mit Plakaten vor der Hauswand protestierten und mit Sprechchören «Save our Banksy» ihren Banksy zurückwollten. Tagelang wurde diskutiert, wem Strassenkunst überhaupt gehört, oder ob ein Hausbesitzer diese einfach verkaufen darf. Der Besitzer der Hauswand, die Firma Wood Green Investments, schwieg. Genauso wie Banksy selber. Angezeigt wurde nie jemand wegen Diebstahls.

Banksy wird ungewollt zum Dieb

Die Nonne und die Ratte

Vielleicht hat das Auktionshaus Fine Art in Miami eingesehen, dass ein Banksy ohne ursprünglichem Kontext eine verlogene Sache ist, als in der Nacht auf Sonntag beschlossen wurde, Banksys Sklavenarbeit doch nicht zu versteigern. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Diebe kalte Füsse kriegten, wie die Kunstkritikerin Estelle Lovatt auf BBC spekulierte. Das Auktionshaus begründete den Entscheid nicht.

Was nun mit dem Banksy nach der misslungenen Auktion passiert, ist noch unklar. Die Bewohner von Haringey wollen ihn zurück. Der Platz an der Wand wurde unterdessen bereits anders genutzt. Da, wo der Junge nähte, hängt jetzt das Bild einer Nonne ohne Mund. Daneben wurde ein Plakat aufgesprüht: «Achtung Diebe». Auch ein kleiner Dinosaurier schmückte die Wand, bevor sich die Nonne breit machte. Unten rechts prangert eine Ratte - ein beliebtes Sujet von Banksy - mit dem Schild «Warum?». Ein Kommentar von Banksy? Hat er bereits wieder zugeschlagen?

Slave Labour (YouTube)

BBC-Bericht zu «Sklavenarbeit»-Krimi (YouTube)

Banksy Guerilla-Art ist begehrt. 2008 wurde Banksys «Keep it spotless», eine Persiflage auf Damien Hurst, für 1,7 Millionen bei Sotheby’s versteigert. Seither hämmern Diebe immer wieder Banksy-Graffitis aus den Wänden und verkaufen sie. 2011 wurde das Banksy-Bild «Sperm Alarm» von der Mauer eines Londoner Hotels gerissen. Kurz darauf wurde das Graffiti auf ebay für 17'000 Pfund feilgeboten. Das Bild wurde nie gefunden. Banksy-Graffitis sind Kult und gelten als schützenswert. Viele seiner Werke hängen in Museen. (kub)

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