Historiker warnt: «Mythen dürfen nicht in falsche Hände geraten»
Aktualisiert

Historiker warnt«Mythen dürfen nicht in falsche Hände geraten»

Geschichtswissenschaftler finden, Mythen und Sagen gehörten in den Unterricht. Ob diese nun wahr seien oder nicht, sei zweitrangig.

von
J. Büchi

Die Kritik des Kinderpsychologen Allan Guggenbühl, Schweizer Schüler lernten heute nichts mehr über Wilhelm Tell, sorgt für Zündstoff – auch bei unseren Lesern. User Urs Gerber schrieb in der Kommentarfunktion: «Nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte, wollte ich von meinen Kindern (14 und 18) wissen, ob sie Wilhelm Tell kennen. Fehlanzeige! Beide hatten das in der Schule nie behandelt.» Für Gerber ein unhaltbarer Zustand. Leserin Liselote Meier auf der anderen Seite meint: «Sagen und Mythen haben an einer Bildungsstätte nichts verloren.» Die Schweiz mit Tell zu erklären sei «das Gleiche, wie man den Kindern im Aufklärungsunterricht in der Schule erzählen würde, die Kinder kämen vom Storch».

Was halten Historiker von der Debatte? Wie viel Mythos hat im Schulzimmer Platz? Der Zürcher Historiker Dölf Wild, heute Leiter der Stadtarchäologie Zürich, hat sich eingehend mit der Entstehung der Tell-Sage befasst. «Der Wahrheitsgehalt der Tell-Geschichte beträgt praktisch null Prozent», hält er fest. Trotzdem plädiert Wild dafür, dass der Mann mit der Armbrust in den Schweizer Schulzimmern weiterhin eine wichtige Rolle spielt. «Menschen brauchen schöne Geschichten, gerade Kinder und Jugendliche», so Wild. «Der Blick in die Vergangenheit regt die Fantasie der Menschen unglaublich an.» Dies merke er in seiner Funktion als Stadtarchäologe regelmässig.

«Man darf Sagen nicht zerreden»

Wilhelm Tell als «schöne Geschichte» – dann könnte man unsere Gründungsmythen ja auch einfach im Deutschunterricht abhandeln? Nein, meint Wild. «Mythen haben ihre eigene Geschichte.» So sei die Tell-Sage nach der Gründung des modernen Bundesstaates, insbesondere ab 1891, wichtig für den Aufbau der neuen Schweiz gewesen. Auch während des zweiten Weltkrieges habe man sich stark auf solche Gründungsmythen abgestützt. «So haben diese Erzählungen den Verlauf der Geschichte stark geprägt.» Deshalb gehörten sie unbedingt in jeden Lehrplan.

Laut dem Historiker ist es zwar wichtig, dass im Unterricht harte Fakten und Mythen getrennt werden. «Man darf die Sagen aber nicht zerreden, sonst werden sie entzaubert.» Seit den 1970er-Jahren würden die Schweizer Gründungsmythen zunehmend kritisch hinterfragt. Der Nationalheld Tell etwa sei in der öffentlichen Wahrnehmung – gleichzeitig mit der Idee der geistigen Landesverteidigung – in den Hintergrund gerückt. Dies habe auch politische Konsequenzen: «Wenn unsere Gründungsmythen von der Schule nicht aufrechterhalten werden, überlassen wir die Deutungshoheit einzelnen Gruppierungen.» Konkret seien das konservative Kreise, die eine Abschottung der Schweiz anstrebten. «Es ist nicht im Interesse der Gesellschaft, wenn unsere Mythen in falsche Hände geraten – sie müssen allen gehören.»

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