Jugendarbeitslosigkeit: «Nach 160 Bewerbungen fehlt mir die Motivation»
Aktualisiert

Jugendarbeitslosigkeit«Nach 160 Bewerbungen fehlt mir die Motivation»

Die Jugendarbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht mehr. Trotzdem sind über 13'000 unter 25-Jährige ohne Arbeit. 20 Minuten hat mit drei Betroffenen gesprochen.

von
jk
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Die Schweizer Arbeitslosenquote ist mit 2,5 Prozent so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch die Jugendarbeitslosenquote befindet sich mit 2,5 Prozent auf äusserst tiefem Niveau.

Die Schweizer Arbeitslosenquote ist mit 2,5 Prozent so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch die Jugendarbeitslosenquote befindet sich mit 2,5 Prozent auf äusserst tiefem Niveau.

Keystone/Gaetan Bally
Doch noch immer sind 13'742 unter 25-Jährige ohne Arbeit.

Doch noch immer sind 13'742 unter 25-Jährige ohne Arbeit.

Keystone/Walter Bieri
Eine von ihnen ist die gelernte Detailhandelsfachfrau Jessica A.* Sie sei bereits zum zweiten Mal arbeitslos, erzählt die junge Frau, die gerade 25 Jahre alt geworden ist.

Eine von ihnen ist die gelernte Detailhandelsfachfrau Jessica A.* Sie sei bereits zum zweiten Mal arbeitslos, erzählt die junge Frau, die gerade 25 Jahre alt geworden ist.

Jessica A.

Die Arbeitslosenquote liegt mit 2,4 Prozent auf einem so tiefen Niveau wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das zeigen die neusten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 2,5 Prozent auf einem Tief. Während im September vor einem Jahr noch 17'709 Personen unter 25 als arbeitslos registriert waren, waren es im letzten Monat nur noch 13'724. Wer steckt hinter dieser Zahl – und wieso gelingt es diesen Menschen nicht, eine Stelle zu finden? Betroffene erzählen.

Trotz Weiterbildung keine Stelle

Eine von ihnen ist die gelernte Detailhandelsfachfrau Jessica A.* Sie sei bereits zum zweiten Mal arbeitslos, erzählt die junge Frau, die gerade 25 Jahre alt geworden ist. Direkt nach ihrem Lehrabschluss sei sie für einige Wochen ohne Job dagestanden und jetzt wieder: «Seit Januar habe ich gut 160 Bewerbungen geschrieben. Jetzt geht mir die Motivation langsam aus.»

Arbeitslos ist Jessica zwar erst seit August, auf der Suche nach einer neuen Stelle ist sie aber seit zehn Monaten, da sie zu diesem Zeitpunkt eine Weiterbildung zur Personalassistentin abgeschlossen hat. «Ich würde sehr gern im Bereich Administration arbeiten, bewerbe mich aber auf alle möglichen Stellen.» Sie sei sehr offen bezüglich des Stellenprofils und erhalte trotzdem ausschliesslich Absagen oder häufig gar keine Rückmeldung: «Manchmal heisst es, ich sei überqualifiziert, ein anderes Mal fehlt es mir an Erfahrung oder es heisst, ich sei schon zu alt für die Stelle.»

250 Bewerbungen geschrieben

Den ersten Monat ohne Job könne man vielleicht noch geniessen, aber danach beginne es, schwierig zu werden: «Ich gehe zu spät ins Bett, verliere den Tagesrhythmus und kann mir nichts mehr leisten. Ins Kino zu gehen, liegt nicht drin. Zudem warte ich meist viel zu lange auf den Lohn des RAV, der zu spät ausbezahlt wird», sagt Jessica. Sie kenne einige Personen aus dem Verkaufssektor, denen es gleich ergehe: «Eine gute Kollegin von mir hat seit zwei Jahren keinen Job. Ich habe das Gefühl, jungen Menschen mit einfachem Lehrabschluss ohne Weiterbildung wird häufig keine Chance gegeben.»

Auch S. H.* wünscht sich, dass Personen, die noch nicht viel Arbeitserfahrung sammeln konnten, öfter berücksichtigt würden. Die 24-jährige Mutter einer kleinen Tochter sucht seit vier Jahren nach einem Praktikum, das sie braucht, um ihre Berufsmatura abzuschliessen. «Ich will diesen Abschluss unbedingt. Deshalb habe ich mindestens 250 Bewerbungen geschrieben – und erhalte immer nur Absagen mit der uneindeutigen Begründung, ich würde das Arbeitsprofil nicht erfüllen», so H.

«Firmen sind zu stur»

Die erste Frage, mit der man als junge Mutter konfrontiert werde, sei jene nach der Kinderbetreuung: «Meine Tochter geht drei Tage die Woche in die Kita, die vom Sozialdienst finanziert wird. Das ist alles organisiert, ich könnte mich demnach voll und ganz meiner Arbeit widmen», stellt H. klar. Sie kenne viele junge Mütter, die ebenfalls keinen Job finden. Firmen seien diesbezüglich oft einfach zu stur: «Wenn du eine gewisse Zeit weg bist vom Arbeitsmarkt, dann fehlt dir Erfahrung.» Auch nach vier Jahren sei sie noch immer motiviert auf der Suche, doch mit jeder Absage wachse die Frustration, sagt H.

Der 24-jährige Stefan K.* ist seit seinem Lehrabschluss als Montage-Elektriker im Jahr 2015 auf der Suche nach einer Festanstellung. 2016 habe er einen Job als Multimedia-Elektroniker gefunden. Diesen gab er nach vier Monaten wieder auf, da der tägliche Arbeitsweg gut fünf Stunden betrug. «Das war schlicht nicht machbar. Anschliessend habe ich mich in der ganzen Region beworben, aber nur negative Rückmeldungen bekommen», erinnert sich Stefan. Der Hauptgrund für die Absagen sei die Tatsache gewesen, dass er keinen Führerschein besitze.

Schriftliche Bewerbung erhält viel Gewicht

Momentan sei er deshalb daran, sein Permis zu machen. Er hofft, danach endlich einen Job zu finden. «Obwohl ich bei einem Temporärbüro angemeldet bin, habe ich nur selten Angebote für kurze Einsätze erhalten. Auch beim RAV hatte ich oft das Gefühl, keine richtige Unterstützung zu bekommen», sagt Stefan. Er wünscht sich, dass weniger Wert auf die schriftlichen Bewerbungsunterlagen gelegt wird und man sich häufiger persönlich vorstellen kann: «Das Menschliche fehlt mir in diesem ganzen Bewerbungsprozess. Ich hätte gern häufiger die Chance, meine Fähigkeiten direkt unter Beweis zu stellen.»

*Name der Redaktion bekannt

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