Brettsport-Knatsch : Nach Analperlen-Vorwurf – Schach-Star wütet, Verband leitet Untersuchung ein

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Brettsport-Knatsch Nach Analperlen-Vorwurf – Schach-Star wütet, Verband leitet Untersuchung ein

Der Schach-Zoff zwischen Weltmeister Carlsen und dem Shootingstar Niemann geht weiter. Nach schweren Vorwürfen von Carlsen kommt es zu einem Untersuchungsverfahren. Wir haben mit dem Schweizer Schachbund über den Zwist gesprochen.

von
Florian Gnägi
Nils Hänggi
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Nächste Runde im Schach-Streit zwischen Magnus Carlsen (l.) und Hans Niemann (r.).

Nächste Runde im Schach-Streit zwischen Magnus Carlsen (l.) und Hans Niemann (r.).

Twitter/ChessbaseIndia
Nach den Betrugsvorwürfen von Carlsen leitet der Weltverband ein Untersuchungsverfahren ein.

Nach den Betrugsvorwürfen von Carlsen leitet der Weltverband ein Untersuchungsverfahren ein.

AFP
Gerüchte, dass Niemann mit der Hilfe von Sex-Toys betrogen haben könnte, sorgten für grosse Schlagzeilen.

Gerüchte, dass Niemann mit der Hilfe von Sex-Toys betrogen haben könnte, sorgten für grosse Schlagzeilen.

Twitter/Sportschau_News

Darum gehts

Nun schaltet sich im Schach-Zoff des Jahres auch der Schachweltverband Fide ein. Wie Klaus Deventer, Mitglied der Fide-Fairplay-Kommission, gegenüber «t-online» bestätigt, wird gegen Magnus Carlsen und Hans Niemann ein Untersuchungsverfahren eingeleitet. Die Kommission prüfe momentan die Fakten. Falls sich die Betrugsvorwürfe Carlsens erhärten sollten, würde man eine Anklage bei der Ethik- und Disziplinarkommission der Fide erheben.

Weltmeister Carlsen hatte zuvor für grosse Schlagzeilen gesorgt, als er Anfang September völlig überraschend gegen den erst 19-jährigen Hans Niemann verlor und einige Wochen später die nächste Partie gegen den aufstrebenden US-Amerikaner nach nur einem Zug kommentarlos beendete.

Das sagt Experte zu Sextoy-Vorwürfen

In der Folge äusserte Carlsen konkrete Betrugsvorwürfe gegen den Teenager. «Ich glaube, dass Niemann mehr – auch in letzter Zeit – betrogen hat, als er öffentlich zugegeben hat», schrieb der Norweger in einem offenen Brief auf Twitter. Schon nach der ersten Pleite Carlsens mutmassten die beiden kanadischen Grossmeister Eric Hansen und Aman Hambleton in einem Livestream auf Twitch, dass Niemann manipulierte Analperlen verwendet habe, die ihm mit entsprechenden Signalen richtige Spielzüge «anzeigen» sollten.

20 Minuten hat beim Schweizer Schachbund nachgefragt, wie die Betrugsvorwürfe Carlsens einzuordnen sind. Mediensprecher Markus Angst glaubt nicht daran, dass Niemann mit Sextoys betrogen haben könnte. Zudem verweist er darauf, dass mehrere Schachexperten es als unwahrscheinlich bezeichneten, dass sich der Amerikaner dank Schwingungen von möglichen Kugeln in seinem Hintern unlautere Vorteile verschafft habe.

Hat Niemann betrogen?

Wenige Einzelfälle

«Betrug im Schach erachte ich nicht als weit verbreitetes Problem, sondern es sind ganz wenige Einzelfälle», erklärt Angst gegenüber 20 Minuten und ergänzt, dass beispielsweise 2019 der russische Grossmeister Igor Rausis bei einem Turnier erwischt wurde, wie er auf der Toilette ein Handy benutzte und daraufhin für sechs Jahre gesperrt wurde. «Betrugsfälle bei Turnieren am Brett sind in der Schweiz bisher keine entdeckt worden», meint Angst, fügt aber an, dass bei einzelnen Online-Turnieren während des Lockdowns der Verdacht gross war, dass gewisse Spieler und Spielerinnen unerlaubte Hilfsmittel benutzt hatten.

Dennoch gerät Niemann zunehmend in die Bredouille. So schlug sich zuletzt Fide-Meisterin und Schachtrainerin Yosha Iglésias auf die Seite des norwegischen Superstars. Sie untersuchte mehrere Partien des jungen Talents mithilfe spezieller Schachprogramme und Datenbanken. Das Ergebnis regt zum Nachdenken an. So spielte Niemann laut Iglésias in mehreren Partien mit einer Genauigkeit von 100 Prozent – was ohne Betrug nahezu unmöglich ist. Bisher erreichte nur der Franzose Sébastien Feller einen ähnlich hohen Wert. Das war 2010, später wurde bekannt, dass er betrogen hatte. 

Fans werfen Carlsen Rufmord vor

Wie es beim Fall Carlsen vs. Niemann weitergeht, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Sicher ist: Sollte die Schuld des US-Amerikaners bewiesen werden, droht ihm eine mehrjährige Strafe. Für den Norweger spricht die Vergangenheit seines Kontrahenten. Niemann wurde bereits zweimal des Betrugs überführt, das gab er selbst zu: einmal als Zwölfjähriger und einmal mit 16 Jahren. Sein Trainer Maxim Dlugy wurde für Vergehen bei virtuellen Wettkämpfen ebenfalls bereits bestraft.

Der US-Amerikaner selbst hat bisher noch nichts zu den neusten Vorwürfen gesagt. Zuletzt äusserte er jedoch Kritik an Carlsen, bezeichnete die Vorwürfe etwa als «einen gezielten, koordinierten Angriff gegen mich. Das ist unfair.» Dieser Meinung ist auch ein Teil der Schachfans. Auf Social Media werfen Niemann-Fans Carlsen Rufmord vor. Und der amerikanische Star Fabiano Caruana sagt, Niemann habe beim Sieg über Carlsen «nicht besonders auffällig» gespielt, er sei zweifelsohne einfach ein talentierter Spieler. 

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