Weniger Abwehrkräfte - Droht nach Corona eine heftige Grippe-Welle?
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Weniger AbwehrkräfteDroht nach Corona eine heftige Grippe-Welle?

Infektiologen rechnen damit, dass in der kühleren Saison eine heftige Grippewelle ausbricht. Als Gegenmittel empfehlen sie breitere Grippe-Impfungen.

von
Bettina Zanni
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Die Influenza-Viren könnten nach Ende der Schutzmassnahmen umso heftiger zuschlagen.

Die Influenza-Viren könnten nach Ende der Schutzmassnahmen umso heftiger zuschlagen.

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Durch die Hygienemassnahmen seien die Menschen gegenüber den Influenza-Viren in der letzten Saison nicht mehr exponiert gewesen, sagt Infektiologe Huldrych Günthard. 

Durch die Hygienemassnahmen seien die Menschen gegenüber den Influenza-Viren in der letzten Saison nicht mehr exponiert gewesen, sagt Infektiologe Huldrych Günthard.

20min/Celia Nogler
 In der Folge hätten sie dagegen weder Abwehrkräfte entwickeln noch diese auffrischen können, sagt Günthard.

In der Folge hätten sie dagegen weder Abwehrkräfte entwickeln noch diese auffrischen können, sagt Günthard.

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Darum gehts

  • Da sich die Bevölkerung weniger immunisieren konnte, halten Infektiologen eine Influenza-Pandemie im Winter für möglich.

  • Ein Infektiologe fordert vom Bund eine Kampagne, um die Grippe-Impfung zu fördern.

  • Das Bundesamt für Gesundheit winkt ab.

Mit Fieber und Bronchitis lag kaum jemand im Bett: Die Hygienemassnahmen der Corona-Pandemie blockten die Grippe-Viren ab. Dies zeigte sich auch in der Untersterblichkeit, die sich teils durch die ausgebliebene Grippewelle erklärt. Doch die Influenza-Viren könnten nach Ende der Schutzmassnahmen umso heftiger zuschlagen.

Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena, rechnet in der deutschen «Ärztezeitung» mit schweren postpandemischen RSV- und Influenza-Epidemien. Viren für akute Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege, so genannte RS-Viren, sowie Influenza-Viren seien in der Pandemie verschwunden, sagt er. Durch die Hygienemassnahmen habe die Bevölkerung im Umgang mit diesen Erregern keinen «Boost» erfahren.

Immunität auf Dauer geschwächt

Eine amerikanische Studie nährt dieselben Befürchtungen. Anhand von Daten zur Laborüberwachung von 2020 schätzen die Forscher, dass die Übertragung von RSV-Viren in den USA mit dem Beginn der Hygienemassnahmen um mindestens 20 Prozent abnahm.

Da die Hygienemassnahmen die Immunität der Menschen auf die Dauer schwächten, halten sie gestützt auf ein epidemiologisches Simulationsmodell eine heftige Grippewelle in der kommenden Wintersaison für wahrscheinlich. Um eine Grippe-Epidemie zu verhindern, empfiehlt die Ständige Impfkommission des deutschen Robert-Koch-Instituts für über 60-Jährige einen Hochdosis-Impfstoff gegen die Grippe.

«Hohe Grippeimpfungs-Quote wäre ideal»

Auch Huldrych Günthard, Infektiologe am Universitätsspital Zürich, hält eine Influenza-Pandemie im Winter für möglich. Durch die Hygienemassnahmen seien die Menschen gegenüber den Influenza-Viren in der letzten Saison nicht mehr exponiert gewesen, sagt Günthard. In der Folge hätten sie dagegen weder Abwehrkräfte entwickeln noch diese auffrischen können.

«In einer starken Grippewelle besteht bei älteren Menschen und Risikopersonen ein höheres Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden», so der Infektiologe. Er empfiehlt über 60-Jährigen deshalb, sich kommende Wintersaison gegen die Grippe impfen zu lassen. Normalerweise sei die Impfbereitschaft in dieser Altersgruppe tief. «Ideal wäre eine hohe Grippeimpfungs-Quote von 60 bis 70 Prozent bei Risikopatientinnen und -patienten sowie älteren Menschen.»

Aufgebaute Immunität

Grippeimpfstoffe enthalten laut der Informationsplattform für Impffragen (Infovac) die Oberflächenproteine von drei oder vier Virenstämmen, die voraussichtlich im Winter in der Schweiz im Umlauf sind. Völlig neue Grippeviren kämen selten vor, sagt Infektiologe Huldrych Günthard. In der Regel handle es sich um leicht mutierte Viren. Gegen diese bestehe in der Regel eine gewisse Teilimmunität.

«Intensive Pfnüsel-Welle wäre möglich»

Neben den Influenza-Viren kursierten in der Pandemie laut Günthard auch kaum Erkältungsviren. «Ich zum Beispiel hatte in meinem ganzen Leben noch nie so lange keinen Schnupfen.» Im Herbst und Winter könnten sich daher viele Menschen mit solchen Viren anstecken. «Eine intensive Pfnüsel-Welle wäre möglich.» Sehr viele Menschen könnten dann auf einen Schlag einen Schnupfen bekommen.

Da Rhino-Viren nicht gefährlich mutieren, betrachtet Günthard eine Pfnüsel-Epidemie für die breite Bevölkerung als harmlos. «Etwa immunsupprimierte Menschen sollten dann aber trotzdem vorsichtiger sein, da sie mehr Erreger erwischen können und Verläufe bei verminderter Immunität eventuell schwerer sein könnten.»

BAG müsse Kampagne für Grippe-Impfung lancieren

Auch die Politik beschäftigt sich bereits mit der kalten Jahreszeit. Im Schnitt würden in der Schweiz pro Saison bis zu 2500 Menschen an der Grippe sterben, und mehrere Tausend müssten hospitalisiert werden, sagt Mitte-Nationalrat Philipp Matthias Bregy. «Wenn die Grippe noch stärker ausfällt, steigt das Risiko der Spitaleintritte und Todesfälle.»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) müsse sich auf dieses Szenario vorbereiten und eine Kampagne lancieren, um die Grippeimpfung zu fördern, sagt Bregy. «Eine andere Möglichkeit wäre, wie ich bereits gefordert habe, kostenlose Grippeimpfungen zu prüfen.»

Immunsystem sei genug robust

Auch SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel hält eine heftige Grippe-Welle für durchaus wahrscheinlich. Eine Influenza-Impfkampagne auszurollen, sei jedoch unnötig. «Sonst bliebe zu hoffen, dass der Bürger zwischen all den Impfterminen noch dazu kommt, ein Leben zu führen», spottet er.

Das Immunsystem der meisten Menschen sei genug robust, auch eine heftige Influenza-Welle durchzustehen, ist Büchel überzeugt. «Es darf nicht so weit kommen, dass wir nur noch an unsere Gesundheit glauben, wenn wir uns irgendetwas haben reinspritzen lassen.» Bei einer breiteren Grippe-Impfung profitiere wie bei der Covid-Impfung in erster Linie die Pharmaindustrie. Auch das BAG sieht keinen Handlungsbedarf. Wie auch in den Vorjahren finde keine eigentliche «Grippeimpfkampagne» statt, sagt BAG-Sprecher Yann Hulmann (siehe Box).

«Ausgebliebene Grippe-Welle hat ‹positiven Nebeneffekt›»

Herr Hulmann*, droht eine schwere Influenza-Epidemie im Winter?
Nein. Aktuell teilen wir eine solche Befürchtung, dass die Grippewelle im Winter 2021/22 aussergewöhnlich stark ausfallen wird, nicht.

Warum nicht?
Im Durchschnitt erkranken Erwachsene nur alle zehn Jahre an einer Influenza, Kinder im Schnitt nur alle fünf Jahre einmal. Eine Grippe ist nicht zu verwechseln mit den häufigen, oft banalen Erkältungs-Viren. Einen negativen Effekt auf die Bevölkerungsimmunität gegenüber Influenza-Viren würde man allenfalls bemerken, wenn die Grippe fünf oder zehn Jahre ausbleiben würde. Zudem fiel die Grippewelle im Winter 2020/21 als «positiver Nebeneffekt» der Covid-Massnahmen praktisch überall auf der Welt aus.

Wie meinen Sie das?
Da weniger Menschen infiziert waren, konnten die Influenzaviren auch viel weniger mutieren, das heisst, weniger abweichende Virenstämme entwickeln. Wir rechnen daher in Europa und in der Schweiz bei Wegfall der Covid-Massnahmen bis in den Herbst, im Winter mit einer relativ normalen Grippewelle.

*Yann Hulmann ist Mediensprecher beim BAG.

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