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Schluss mit Facebook«Nach dem Ausstieg fühlte ich mich wie befreit»

Immer mehr Junge wollen raus aus den sozialen Netzwerken. 20 Minuten hat mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesprochen, die den Schritt gewagt und ihr Profil gelöscht haben.

von
nj
Viele Junge kehren Facebook den Rücken – sie haben genug davon, ständig online zu sein.

Viele Junge kehren Facebook den Rücken – sie haben genug davon, ständig online zu sein.

Für das kommende Jahr haben Junge vor allem einen Wunsch: Sie möchten wieder mehr Ruhe in ihrem Leben. Besonders in Bezug auf Facebook und andere soziale Netzwerke sehnen sich viele nach einer Pause. Immer mehr setzen diesen Wunsch in die Tat um. Wie eine Studie vom Marktforschungsinstitut GlobalWebIndex zeigt, ziehen sich besonders Teenager aus dem sozialen Netzwerk zurück. Die Forscher haben Jugendliche in 30 Ländern befragt. Dabei zeigte sich, dass im dritten Quartal 2013 nur noch 56 Prozent der Teilnehmer auf Facebook aktiv waren. Im ersten Quartal waren es noch 76 Prozent.

20 Minuten hat mit Aussteigern über den nicht immer ganz einfachen Bruch mit Facebook gesprochen.

Lisa (15) aus Hochdorf LU, seit letztem August nicht mehr bei Facebook:

Ich habe meinen Account eröffnet, als ich 13 Jahre alt war. Am Anfang fand ich es spannend und war auch nur mit Leuten befreundet, die mir auch im richtigen Leben nahe standen. Doch dann kamen immer mehr dazu und plötzlich hatte ich über 800 sogenannte Freunde. Diese haben ständig Fotos und Videos gepostet – vieles davon hat mich einfach nicht interessiert, anderes, wie etwa brutale Videos, fand ich abstossend. Ausserdem störten mich die dauernden Lästereien und das Mobbing. Die meisten Kollegen können meinen Schritt nicht verstehen, aber für mich war es eine grosse Erleichterung. Davor war ich drei, vier Stunden täglich auf Facebook, musste immer informiert sein. Jetzt habe ich viel mehr Freizeit, die ich mit realen Freunden oder der Familie verbringe. Dass ich in der Schule manchmal nicht weiss, wovon die anderen sprechen, ist mir egal.

Robert (19) aus Unterlunkhofen AG, hat seinen Account im August 2012 gelöscht:

Nach zwei Jahren bei Facebook bin ich ausgestiegen und war seither nie wieder auf der Seite. Es war ein spontaner Entschluss und ich bin auch heute noch froh darüber. Als ich es meinen Kollegen mitgeteilt habe, waren die regelrecht schockiert. Die meisten konnten es gar nicht glauben. Die ersten Tage war es dann auch wirklich schwer, die Verlockung war gross, das Profil wieder zu aktivieren. Doch ich blieb stark. Früher sass ich stundenlang am Computer nur wegen Facebook, war auch in der Schule und während der Arbeit immer darauf, wenn ich konnte. Facebook zu checken war meine erste Handlung am Morgen und die letzte am Abend, es war eine richtige Sucht. Ein Aussenseiter bin ich durch den Ausstieg nicht geworden, auch wenn ich nicht immer weiss, was läuft. Nur meine Freunde drängen mich ab und zu, doch wieder einzusteigen.

Andreas (23) aus Chur, lebt seit zwei Jahren ohne Facebook und Co:

Ich habe Facebook gelöscht, als ich in meiner letzten Beziehung war. Es gab andauernd Stress mit meiner Freundin wegen Kommentaren oder Posts. Ich habe soziale Netzwerke dazu genützt, mich selber darzustellen und bekam von anderen Leuten dafür das Lob, das ich gesucht habe. Eben auch von Frauen. Irgendwann fing ich an, diese Bestätigung zu brauchen. Nachdem ich mein Profil gelöscht hatte, musste ich lernen, mein Selbstwertgefühl anders zu steigern und zu erhalten. Ich lernte, mich wieder so wertzuschätzen wie ich bin, nicht wie andere mich sehen. Ich brauche keine Drittpersonen mehr, die mir sagen, was ich anziehen soll und was an mir gut aussieht.

Tom (28), aus Sumiswald, ist vor einigen Monaten ausgestiegen:

Das Löschen meines Profils bedeutet für mich eine echte Befreiung. Bei Facebook aktiv zu sein ist zu einem grossen Stress geworden. In der Mittagspause bin ich jeweils gleich an den Computer gerannt, um die Neuigkeiten zu checken und abends war die Seite immer offen. Ich fühlte mich auch unter ständigem Druck, irgendetwas tolles zu posten, habe im Internet schon krampfhaft nach Videos und Ähnlichem gesucht. Das muss ich jetzt alles nicht mehr. Je länger ich nicht mehr dabei bin, desto mehr freue ich mich darüber. Mir geht es besser ohne und ich treffe auch wieder richtige Freunde in der realen Welt. Mein Umfeld hat es akzeptiert, viele denken selber über einen Ausstieg nach, aber schaffen es nicht – ähnlich wie Raucher, die aufhören wollen.

Julia (24) aus Chur GR, hat ihr Profil vor drei Jahren gelöscht:

Als ich dachte, ohne Facebook geht nichts mehr, stieg ich aus. Was sich anhört, wie der Bericht eines Ex-Junkies, ist Realität. Facebook hat Drogencharakter. Nicht umsonst war die erste Frage, nachdem ich meinen Ausstieg verkündete: «Und wie schaffst du das?» Andere meinten: «Du bist eh bald wieder dabei.» Am Anfang spürte ich Entzugserscheinungen, verpasste verschobene Vorlesungen oder Geburtstagsfeiern von Freunden. Mein Ausstieg sorgte für viele Gerüchte, etwa dass ich mich mit meinem Freundeskreis zerstritten hätten oder dass Stalker mich verfolgt hätten. Dass ich Facebook freiwillig verliess, wollte keiner so recht glauben.

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