Analyse zum SCB: Nach dem Meistertitel ist vor dem Umbruch
Aktualisiert

Analyse zum SCBNach dem Meistertitel ist vor dem Umbruch

Die Fans und Sympathisanten des SC Bern sollten den 16. Meistertitel so richtig geniessen. Es könnte der vorerst Letzte gewesen sein.

von
Marcel Allemann
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Sie haben es tatsächlich geschafft. Im Viertel- und im Halbfinal mussten die Berner so richtig leiden. Aber in der Finalserie spielen sie sich in nur fünf Partien zum vierten Meistertitel in den letzten sechs Jahren.

Sie haben es tatsächlich geschafft. Im Viertel- und im Halbfinal mussten die Berner so richtig leiden. Aber in der Finalserie spielen sie sich in nur fünf Partien zum vierten Meistertitel in den letzten sechs Jahren.

Keystone/Alexandra wey
Und so sieht es kurz nach der Schlusssirene aus: Natürlich ist es Tradition, dass die Meisterteams zu ihrem Goalie eilen. Aber in dieser Finalserie hat sich der Berner Leonardo Genoni die Begeisterung seiner Mitspieler ehrlich verdient.

Und so sieht es kurz nach der Schlusssirene aus: Natürlich ist es Tradition, dass die Meisterteams zu ihrem Goalie eilen. Aber in dieser Finalserie hat sich der Berner Leonardo Genoni die Begeisterung seiner Mitspieler ehrlich verdient.

Keystone/Peter Klaunzer
Geknickte Hoffnungen, geknickte Zuger. Der EVZ muss weiter auf seinen ersten Meistertitel seit 1998 warten.

Geknickte Hoffnungen, geknickte Zuger. Der EVZ muss weiter auf seinen ersten Meistertitel seit 1998 warten.

Keystone/Alexandra wey

Der Meistertitel 2019 wird als Triumph über alle Widerstände und grossartige Charakterleistung in die Vereinschronik des SC Bern eingehen. Die Berner mussten unheimlich viel investieren. Von Anfang an. Sie hatten mit Servette schon im Viertelfinal eine ganz harte Nuss zu knacken – inklusive vier Verlängerungen und dem Overtime-Rekordspiel. Auch der Halbfinal gegen Biel war Schwerstarbeit. Nach dem 2:3-Rückstand in der Serie erst recht.

Im Final gegen Zug, das zunächst alle Vorteile auf seiner Seite hatte, geriet der SCB ebenfalls in Rückstand. Doch dann kam eine heftige Reaktion und mit vier Siegen in Serie der Sturm zum 16. Meistertitel. Primär weil eine Feinjustierung vorgenommen wurde. Die Verwaltermentalität, welche die Mannschaft vor allem in der Qualifikation, aber auch zu Beginn des Playoffs stets an den Tag gelegt hatte, wurde abgestreift. Der SCB blieb stets aktiv und aggressiv. So schafften es die Mutzen, den Zugern dauerhaft den Schneid abzukaufen.

Blum trifft zum 2:1

Blum bringt die Hausherren erneut in Führung. (Video: SRF)

Blums Treffer zum 2:1 im fünften Finalspiel. (Video: SRF)

Der SC Bern hat mit seinem dritten Meistertitel in den letzten vier Jahren und dem fünften Championat in diesem Jahrzehnt seine Stellung als erfolgreichstes Schweizer Eishockey-Unternehmen der Gegenwart eindrücklich untermauert. Dass der Triumph erstmals seit 1959 ins gleiche Jahr wie jener der Fussballer von YB fällt, macht ihn noch spezieller. Die Stadt Bern ist aktuell die Schweizer Sport-Hochburg.

Die Berner tun gut daran, diesen aussergewöhnlichen Moment zu geniessen und ausgiebig zu feiern, denn die Zukunft könnte sich zumindest für den SCB weitaus schwieriger gestalten. Es steht ein nicht zu unterschätzender Umbruch an.

Genonis Abgang als grosse Hypothek

Mit Leonardo Genoni geht die Goalie-Persönlichkeit schlechthin. Auch in diesem Playoff hat der Zürcher in den entscheidenden Spielen nochmals seine einzigartige Magie versprüht und die Zuger verzweifeln lassen. Die Zentralschweizer werden froh sein, dass der Nati-Goalie ab nächster Saison einer der ihren wird.

Ob Nachfolger Niklas Schlegel, der bei den ZSC Lions zumeist Ersatz war, Genoni ersetzen kann, wird sich weisen. Genonis Charisma fehlt Schlegel so oder so. Dieses kann er mit seinen 24 Jahren und aufgrund seiner bisherigen Rolle in der National League auch (noch) gar nicht haben.

Doch dies ist nicht das einzige Problem. Der SCB muss auch bei den Feldspielern seinen Umbau dringend vorantreiben. Vor allem in der Verteidigung. Beat Gerber wird im Mai 37 Jahre alt, Eric Blum und Justin Krueger werden nächste Saison 33-jährig. Die Altersstruktur in der Defensive kommt allmählich in einen problematischen Bereich.

Jubelszenen nach dem Schlusspfiff

Der SC Bern ist Schweizer Meister. (Video: SRF)

Die Berner Feierlichkeiten beginnen. (Video: SRF)

Zudem ist es so, dass der SCB schon seit geraumer Zeit seine Wunschspieler auf dem Markt nicht mehr erhält. Dies weil mit Lausanne und Zug zwei aggressive Player auf dem Transfermarkt dazu gekommen sind und auch die ZSC Lions und Lugano weder Mühe noch Kosten scheuen, wenn sie einen Spieler unbedingt wollen.

Der SCB ist dagegen nicht bereit, bei dieser Preistreiberei um die Stars blindlings mitzumachen. Abgesehen davon leistet Sportchef Alex Chatelain bei den begehrten Spielern womöglich auch weniger Überzeugungsarbeit als einige Berufskollegen der Konkurrenz.

Neben Schlegel haben die Berner erst einen Transfer im Hinblick auf die kommende Saison getätigt. Und dieser ist risikobehaftet, denn für den talentierten Inti Pestoni ist es die letzte Chance, bei einem Grossclub Fuss zu fassen, nachdem er bei den ZSC Lions hochkant gescheitert ist und auch beim HC Davos nur bedingt überzeugen konnte.

Natürlich wird es kaum so sein, dass der Meister nun wegen einem neuen Goalie und einer in die Jahre gekommen Verteidigung nach hinten durchgereicht wird. Eine starke Basis ist weiterhin vorhanden. Mit Leuten wie Simon Moser, Tristan Scherwey, Mark Arcobello, Ramon Untersander, Calle Andersson und Gaëtan Haas, sofern er denn bleibt und sich nicht in Nordamerika versucht, sind noch immer genügend überdurchschnittliche Spieler im Boot. Dazu kommen vielversprechende Junge aus den eigenen Reihen wie André Heim oder Yanik Burren. Und sollte er sein Nordamerika-Abenteuer beenden, wird auch noch Vincent Praplan zum SCB stossen.

Trotzdem lässt sich ein Fakt nicht wegdiskutieren: Abseits des Eisrinks spielen derzeit andere mit den dicken Muskeln.

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