Corona-Pandemie – «Nach der Booster-Kampagne müssen die Massnahmen fallen»
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Corona-Pandemie«Nach der Booster-Kampagne müssen die Massnahmen fallen»

Der Booster schützt sehr wirksam vor Hospitalisationen. Für Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger ist klar: Sind alle, die wollen, geboostert, müssen die Massnahmen fallen. Ein Infektiologe widerspricht.

von
Daniel Graf
Christina Pirskanen
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Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger fordert eine baldige Aufhebung der Covid-Massnahmen. 

Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger fordert eine baldige Aufhebung der Covid-Massnahmen.

Uni Fribourg
Die Boosterimpfung schützt laut neusten Zahlen des Bundesamts für Gesundheit sehr wirksam vor Hospitalisierung. 

Die Boosterimpfung schützt laut neusten Zahlen des Bundesamts für Gesundheit sehr wirksam vor Hospitalisierung.

20min/Simon Glauser
Spätestens, wenn alle, die das wollen, sich haben boostern lassen können, gebe es keine Rechtfertigung mehr für die Einschränkungen, sagt Eichenberger. 

Spätestens, wenn alle, die das wollen, sich haben boostern lassen können, gebe es keine Rechtfertigung mehr für die Einschränkungen, sagt Eichenberger.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • BAG-Zahlen zeigen: Wer geboostert ist, muss sich kaum mehr vor einer Spitaleinlieferung wegen einer Covid-Erkrankung fürchten.

  • Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger fordert, die Massnahmen spätestens dann aufzuheben, wenn alle, die das wollen, ihren Booster bekommen haben.

  • Anders sieht es Infektiologe Jan Fehr: Würden die Massnahmen jetzt aufgehoben, erkrankten schnell sehr viele Menschen, worunter nicht nur das Gesundheitssystem litte.

Aktuelle Zahlen des Bundesamts für Gesundheit zeigen jetzt, wie gut der Booster vor Hospitalisierung schützt: Bis am 10. Januar verzeichnete das BAG insgesamt 451 Hospitalisierungen trotz dreifacher Impfung. Lediglich elf Personen, die keine Vorerkrankung hatten, landeten nach dreifacher Impfung im Spital.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger ist klar: «Spätestens, wenn alle, die das wollen, ihren Booster erhalten und somit einen sehr guten Schutz vor Hospitalisierung haben, müssen die Massnahmen aufgehoben werden.» Schon jetzt gebe es kaum noch eine Rechtfertigung für die Massnahmen: «Wir sehen, dass Omikron milder verläuft. Wir wissen jetzt auch, dass wir mit einem gewissen finanziellen Anreiz die Intensivbetten im Notfall ausbauen könnten. Die Durchseuchung ist schon massiv fortgeschritten und auch bei der Entwicklung von Medikamenten machen wir grosse Fortschritte.»

Eichenberger spricht auch die Entwicklung der Varianten an: «Gemäss dem Dashboard des BAG hat Delta seit dem 23. Dezember wieder zugelegt und Omikron teils wieder zurückgedrängt. Trotzdem ist es in den Spitälern zu keinem Anstieg der Covid-Patienten gekommen. Es scheint, als würde auch die Delta-Variante sich abschwächen, weil sie nicht mehr ausreichend Wirte ohne Immunisierung findet.» All diese Faktoren sind für Eichenberger klare Anzeichen, dass eine Aufhebung der Massnahmen bald vertretbar sei.

«Müssen auf günstiges Szenario hoffen»

Auch Rudolf Minsch, Chefökonom bei Economiesuisse, sagt: «Sobald die Gefahr einer Überlastung der Spitäler ausgeschlossen werden kann, müssen alle Massnahmen fallen.» Wann dies der Fall sein werde, wisse derzeit allerdings niemand. «Dass die Boosterimpfungen so gut vor Hospitalisierung schützen, ist eine sehr gute Nachricht. Wir müssen nach wie vor vorsichtig sein, doch die Zeichen deuten darauf hin, dass die schweren Erkrankungen und Hospitalisierungen trotz den vielen Fällen nicht allzu stark ansteigen.»

Minsch sagt aber auch: «Diese Pandemie hat uns gelehrt, dass wir immer mit Überraschungen rechnen müssen. Die Verantwortlichen in der Taskforce und im BAG rechnen denn auch mit verschiedenen Szenarien. Wir müssen mit allen verfügbaren Informationen arbeiten und hoffen, dass das günstige Szenario eintritt.» Was Economiesuisse mache, sei, die vorhandenen Zahlen ins rechte Licht zu rücken. «So forderten wir etwa klar eine Verkürzung von Quarantäne und Isolation, als die wissenschaftlichen Daten zeigten, dass dies möglich ist.»

Jan Fehr, Professor und Leiter des Departements Global & Public Health der Universität Zürich, mahnt indes zur Vorsicht: «Omikron hat eine neue Ausgangslage geschaffen. Es braucht jetzt weder einen Lockdown, noch können wir einfach alles aufheben», sagt er (siehe unten).

«Die Situation ist komplex»

Für Jan Fehr ist klar: «Jetzt alle Massnahmen aufzuheben, wäre ein Fehler.» Klar sei, dass ein Grossteil der Bevölkerung mit Omikron in Kontakt kommen werde. «Das lässt sich kaum mehr verhindern. Die Frage ist, wie schnell und wie gut geschützt die einzelne Person in dieser Situation ist.». Ein Lockdown ist laut Fehr aktuell nicht der Weg aus der Krise, weil damit das Unvermeidliche nur hinausgezögert wird. «Wir können aber auch nicht alles öffnen, weil dann sehr schnell sehr viele Menschen krank würden. Wir dürfen nicht vergessen, dass nach wie vor ein gewisser Anteil der Bevölkerung nicht geimpft ist und auch Geimpfte und Geboosterte nicht zu 100 Prozent vor Infektion geschützt sind.» Das wäre nicht nur eine Gefahr für das Gesundheitswesen, sondern für die ganze Infrastruktur: «Ob Chauffeuse, Verkäufer oder Pöstler: Wir alle können nach wie vor erkranken, aber wir müssen vermeiden, dass viele Menschen aufs Mal krank werden, damit die schwer Erkrankten gut versorgt werden können; und es dürfen nicht zu viele gleichzeitig krankheitshalber ausfallen.» Entscheidend ist laut Fehr im Moment, eine Bremswirkung zu erzielen. Er plädiert dafür, weiter den Mittelweg zu gehen: «Ein Lockdown bringt uns nicht weiter, andererseits ist es nicht die Zeit für Grossveranstaltungen, denn diese bergen ein nicht kalkulierbares Risiko. Irgendwo zwischen diesen Extremen müssen wir uns einfinden.»

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