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SenkrechtstarterNach der Lehre wurde er Chef seines Lehrmeisters

Reto Appenzeller verdiente schon als Kind mit Gartenarbeiten Geld. Kaum ausgelernt, wurde er zum Boss seines Lehrbetriebs.

von
B. Zanni

Reto Appenzeller legte schon in jungen Jahren eine aussergewöhnliche Karriere hin. (Video: F. Naef)

Um Punkt sieben Uhr erschien Reto Appenzeller damals zu seiner Schnupperlehre im Gartenbaubetrieb von Martin Metzler in Maur ZH. Mit geübten Griffen schnitt der 15-jährige Sekschüler im Garten des Kunden wenig später verblühte Rosenköpfe ab und mähte den Rasen.

Damit er auch Znünipause machte, hatte ihn ein Arbeiter am Ärmel zupfen und der Chef «Komm jetzt, Reto» rufen müssen. Als der Schnupperlehrling nach der Pause einen kugelförmigen Buchsbaum kürzen wollte, musste er sich mit einem «Warte mit dem, das werde ich machen» begnügen.

«Vielleicht hat er verschlafen»

16 Jahre später steht Chefgärtner Reto Appenzeller in seinem grüngelben Tenü um sieben Uhr morgens etwas ratlos vor seinem Maschinenpark in Maur – von seinem Schnupperlehrling ist weit und breit keine Spur. «Vielleicht hat er heute verschlafen», rätselt er.

Eine Stunde später heben Appenzeller und seine Crew auf der Terrasse von Herrn und Frau Bösch mit einem Kran kranke Buchsbäume aus den Balkontöpfen, um sie mit Thujapflanzen zu ersetzen. Dann taucht der Schnupperlehrling doch noch auf. Er beichtet, verschlafen zu haben. Appenzeller lächelt die Verspätung weg und erklärt ihm, wo er mit anpacken kann.

Erstes Gehalt mit 12 Jahren

Ob pünktlich oder nicht – dem einstigen Lehrling Reto Appenzeller kann kaum jemand das Wasser reichen. Dem kometenhaften Aufstieg des heute 30-Jährigen widmete deshalb der Autor Bruno Fuchs kürzlich ein Buch mit dem Titel «Der harte Weg zum Erfolg». Seine Gärtnerkarriere schlug Appenzeller bereits als Primarschüler ein. «Meine Brüder verdienten sich in der Migros ein Sackgeld. Da dachte ich: «Wieso versuchst du es nicht mit Rasenmähen?», erinnert sich Appenzeller.

Mit zwölf Jahren mähte er zuerst noch gegen Eistee und Guetsli den Rasen von Frau Theilmann. Zwei Wochen später schnitt er abends bei Frau Landert Sträucher und kassierte dafür sein erstes Gehalt, 60 Franken. Schnell sprach es sich herum, dass man Reto für kleine Arbeiten engagieren konnte.

Über 1000 Franken verdient

In der fünften Klasse war der Primarschüler bereits Chef eines Mini-Unternehmens. Mit dem Spruch «Sämtliche Gartenarbeiten erledigt für Sie Reto Appenzeller» tingelte er nach der Schule und am Wochenende mit einem Töffli auf Schleichwegen von Kunde zu Kunde. Das Scheppern seiner mit Gartengeräten vollbepackten Anhänger war schon von weitem zu hören.

30 Franken pro Stunde verlangte Reto für seine Gartenarbeiten. Mittlerweile mähte er nicht nur Rasen, sondern vertikutierte auch, jätete, machte Neubepflanzungen und baute Granitsteinmauern und Sitzplätze. Wuchs ihm die Arbeit über den Kopf, führten Kollegen die Arbeiten unter seiner Leitung aus. Innerhalb eines Jahres hatte der 12-Jährige auf dem Konto bereits über 1000 Franken angehäuft und investierte das Geld in neue Rasenmäher.

Schwäche habe ihn motiviert

Während der Lehre im Gartenbaubetrieb von Martin Metzler baute er seinen privaten Kundenstamm weiter aus. Tagsüber im Betrieb zu krampfen und abends und am Wochenende in den Gärten seiner eigenen Kunden zu schuften, war für ihn selbstverständlich. Mit 19 Jahren kündigte er seine Stelle bei Metzler und arbeitete als selbständiger Unternehmer.

Nur vier Jahre später kaufte er das Gartenbauunternehmen seines ehemaligen Lehrmeisters ab, der kurz vor der Pensionierung stand. «Ich bezahlte ihm dafür mehrere hunderttausend Franken», verrät der junge Mann. Dass er so früh so viel Geld in die Hand habe nehmen können, verdanke er seinem Fleiss und den geschickten Investitionen in seine Maschinen.

Zu seinem unbändigen Arbeitswillen trieb ihn der Kampf in der Schule. «Man motivierte mich, wenn man mir sagte: ‹Du schaffst das nicht›», sagt der Legastheniker. Auch in der Lehre habe er seiner Lese- und Schreibschwäche die Stirn geboten. «So schaffte ich es auch, hunderte Pflanzennamen auf Lateinisch zu beherrschen.»

Viele Neider und trotzende Mitarbeiter

Mit dem Kauf der Firma wurde Appenzeller nicht nur eine Zeit lang zum Chef seines ehemaligen Lehrmeisters, sondern auch seiner ehemaligen Oberstifte. «Dass ihr Lehrling plötzlich ihr Chef wurde, passte den Mitarbeitern nicht. Aus Trotz forderten sie 20 Prozent mehr Lohn», sagt Appenzeller. Da er sich nicht darauf eingelassen habe, sei ein Mitarbeiter nach dem anderen abgesprungen.

Auch mit Neidern musste der Senkrechtstarter klarkommen. «Mit 18 Jahren kaufte ich einen Nissan Navara, mit 20 einen Dodge Ram. Im Dorf tuschelten die Leute darüber und fragten sich, wie ich mir all das leisten könne.» Schulterzuckend fügt er an: «Wenn man sich etwas leisten kann, denken die Leute immer, es schneie alles vom Himmel.» Seine Devise sei aber: arbeiten, Geld verdienen, sparen und investieren.

So beliebt ist die Gärtnerlehre

Im Jahr 2018 registrierte Jardin Suisse, der Unternehmververband der Schweizer Gärtner, knapp 1100 neue Lehrverhältnisse als Gärtner. Die Anzahl für das aktuelle Jahr steht noch aus. Zwischen 2015 und 2018 wurden pro Jahr rund 100 Lehrverträge mehr geschlossen. Ilona Schenk, Leiterin Grundbildung beim Branchenverband, begründet die Zahlen mit den demografischen Schwankungen. «Die Gärtnerlehre rangiert unter den Top 20 Lehrberufen. Wir sind also nach wie vor attraktiv für die Jugendlichen» sagt sie.

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