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Instagram und TiktokNach der Machtübernahme der Taliban fürchten Influencer um ihr Leben

Die Machtergreifung der Islamisten hat die Online-Welt in Afghanistan erschüttert. Prominente Influencer sind geflüchtet, andere sind untergetaucht.

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Auf ihrem Instagram-Profil beschreibt sich Aryana Sayeed als Sängerin, Songwriterin und Aktivistin. 

Auf ihrem Instagram-Profil beschreibt sich Aryana Sayeed als Sängerin, Songwriterin und Aktivistin.

Instagram/aryanasayeedofficial
Sie tritt sehr «westlich» auf. Das passt den Taliban gar nicht. 

Sie tritt sehr «westlich» auf. Das passt den Taliban gar nicht.

Instagram/aryanasayeedofficial
Sadika Madadgar schreibt auf Instagram: «Ich teile mein Leid nicht gerne online, aber das macht mich krank.»

Sadika Madadgar schreibt auf Instagram: «Ich teile mein Leid nicht gerne online, aber das macht mich krank.»

Instagram/sadiqa_madadgar

Darum gehts

  • Influencerinnen und Influencer leben seit der Machtübernahme in Afghanistan gefährlich.

  • Eine Influencerin veröffentlichte nun eine politische Botschaft auf ihrem Instagram-Profil.

  • Millionen junge Afghanen und Afghaninnen müssen nun aufpassen, was sie in den Sozialen Medien veröffentlichen.

Sadika Madadgars Auftritte in Onlinenetzwerken ähnelten denen anderer erfolgreicher junger Influencerinnen und Influencer. Sie trat bei dem Gesangswettbewerb «Afghan Star» auf und gewann mit ihrer umwerfenden Stimme und ihrem bodenständigen Auftreten als Mädchen von nebenan eine grosse Anhängerschaft. Doch dann kehrten die radikalislamischen Taliban an die Macht zurück, und für die 22-Jährige und andere prominente Influencerinnen und Influencer änderte sich schlagartig das Leben.

21’200 Afghaninnen und Afghanen folgen Sadika Madadgar bei Youtube, 182’000 auf Instagram. Auf einem Video amüsiert sie sich beim Aufschneiden einer Melone, auf einem anderen ist zu sehen, wie sie in einem Café ein Volkslied singt. Madadgar ist gläubige Muslimin, sie trägt ein Kopftuch. Die Machtergreifung der Taliban traf sie völlig unvorbereitet. Am Samstag veröffentlichte sie zum ersten Mal eine eindeutig politische Botschaft auf Instagram.

«Ich teile mein Leid nicht gerne online, aber das macht mich krank», schrieb die 22-Jährige. «Mein Herz bricht, wenn ich sehe, wie mein Heimatland langsam zerstört wird.» Am Tag darauf eroberten die Taliban Kabul – und Madadgars Stimme im Internet verstummte.

Ein falscher Post könnte lebensbedrohlich sein

Millionen junge Afghanen und Afghaninnen müssen befürchten, dass sich ihre Internet-Posts nun als lebensbedrohlich herausstellen könnten. Allzu präsent sind die Erinnerungen aus der Zeit der ersten Taliban-Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001. Damals waren Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, Mädchen konnten die Schule nicht besuchen – und es gab brutale Strafen, wie etwa die Steinigung bei Ehebruch.

Manche machen sich wenige Illusionen darüber, was die neue Ära für Afghanistan bedeuten wird. «Wenn die Taliban Kabul einnehmen, sind Menschen wie ich nicht mehr sicher», sagte Mode-Ikone und Geschäftsfrau Ajeda Schadab dem ZDF, als sich die Sicherheitslage bereits verschlechterte.

Jeden Tag präsentierte Schadab auf Instagram die neusten Modelle aus ihrer Kabuler Boutique – vor kurzem noch zeigte sie zur Musik von Dua Lipa ein asymmetrisches, durchsichtiges Ballkleid. «Frauen wie ich, die keinen Schleier tragen, die arbeiten, akzeptieren sie nicht», sagte sie dem ZDF.

Inzwischen teilte Schadab ihren 290’000 Followerinnen und Followern auf Instagram und den 400’000 Anhängerinnen und Anhängern auf Tiktok mit, dass sie in der Türkei sei. Auch andere brachten sich in Sicherheit: Aryana Sayeed, eine von Afghanistans bekanntesten Popstars, veröffentlichte am Mittwoch ein Selfie aus einem Evakuierungsflugzeug der USA auf dem Weg nach Doha. «Mein Herz, meine Gebete und meine Gedanken werden immer bei euch sein», schrieb sie den Zurückgebliebenen.

Die Scharia

Die Bedeutung des Begriffs Scharia hängt von dessen Auslegung ab. Prinzipiell bedeutet der Begriff Weg oder Weg zur Quelle, also zur göttlichen Wahrheit, inklusive der Riten, Überzeugungen und Normen. Die Interpretation des Begriffs ändert sich je nach Zeit , Ort und Gesellschaft. Die üblicherweise transportierte Bedeutung einer gewalttätigen, diskriminierenden Scharia entspricht nicht der Realität der Schweizer Muslime, ebenso wenig tut dies die von den Taliban propagierte Sichtweise.

Einige Punkte, wie die Scharia bei den Taliban interpretiert wird:

  • Diebe werden öffentlich ausgepeitscht oder durch Amputationen bestraft.

  • Ohne Burka und ohne einen männlichen Blutsverwandten ist es Frauen untersagt vor die Tür zu gehen.

  • Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Kein Fremder soll die Stimme einer Frau hören.

  • Sollten Schwule beim Geschlechtsverkehr erwischt werden, werden sie gesteinigt, oder von einer Mauer, die auf sie fallen gelassen wird, zerquetscht.

  • Frauen zu fotografieren oder zu filmen ist untersagt. Ebenso ist es verboten, weibliche Personen zur Schau zu stellen – wie etwa auf Magazinen oder Plakaten.

  • Frauen ist es nicht gestattet, sich auf der Terrasse oder dem Balkon ihrer Wohnungen oder Häuser aufzuhalten.

  • Unverheiratet Unzucht zu betreiben, wird mit Peitschenhieben bestraft.

  • Der Konsum von berauschenden Substanzen – zum Beispiel Alkohol – wird mit Schlägen geahndet.

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(dpa/fos)

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