Covid-Massnahmen – Nach Fehlprognose – Politiker wollen Massnahmen beenden
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Covid-Massnahmen Nach Fehlprognose – Politiker wollen Massnahmen beenden

Die Taskforce sagte für Ende Januar eine «Super-Infektionswoche» voraus. Das ist nicht eingetreten. Jetzt steigt der Druck, Massnahmen zu lockern.

von
Claudia Blumer
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Der Bundesrat diskutiert am 2. Februar erneut über die bestehenden Massnahmen und allfällige Lockerungen. 

Der Bundesrat diskutiert am 2. Februar erneut über die bestehenden Massnahmen und allfällige Lockerungen.

20min/Marvin Ancian
Der Gewerbeverband sowie Vertreter aus Gastronomie, Fitnessbranche und Eventveranstalter forderten am Dienstag eine Aufhebung aller Covid-Massnahmen per 2. Februar 2022, wie sie im Hotel Bellevue in Bern vor den Medien sagten. Gewerbeverbands-Präsident Hans-Ulrich Bigler (in der Mitte) sagte, der Bundesrat solle die Taskforce «nach Hause schicken».

Der Gewerbeverband sowie Vertreter aus Gastronomie, Fitnessbranche und Eventveranstalter forderten am Dienstag eine Aufhebung aller Covid-Massnahmen per 2. Februar 2022, wie sie im Hotel Bellevue in Bern vor den Medien sagten. Gewerbeverbands-Präsident Hans-Ulrich Bigler (in der Mitte) sagte, der Bundesrat solle die Taskforce «nach Hause schicken».

20min/Simon Glauser
Denn diese hat für Ende Januar mit einer Infektionswoche mit bis zu 2,5 Millionen Ansteckungen gerechnet. Mitte-Nationalrat Alois Gmür hält es für gefährlich, wenn Prognosen zu viel Gewicht haben in der Massnahmen-Politik.

Denn diese hat für Ende Januar mit einer Infektionswoche mit bis zu 2,5 Millionen Ansteckungen gerechnet. Mitte-Nationalrat Alois Gmür hält es für gefährlich, wenn Prognosen zu viel Gewicht haben in der Massnahmen-Politik.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Die Taskforce ging am 11. Januar von einem Omikron-Peak gegen Ende Januar aus mit 2,5 Millionen Ansteckungen in einer Woche.

  • Dieser Peak hätte am Dienstag eintreffen sollen, er blieb aber aus. Politiker werten dies als ein Grund mehr, gewisse Massnahmen schon vor Ende Februar beziehungsweise Ende März aufzuheben.

  • GLP-Nationalrat Martin Bäumle sagt: «Es wäre interessant zu wissen, wie die Taskforce auf diese Super-Infektionswoche gekommen ist.»

  • Am 2. Februar diskutiert der Bundesrat erneut über Massnahmen.

Mit Omikron stiegen die Ansteckungen, doch die Spitalbelastung sank. Das stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Anfang Jahr erstaunt fest. Die Taskforce warnte: Gegen Ende Januar werde die Omikron-Welle mit rund 2,5 Millionen Infektionen in einer Woche ihren Höhepunkt erreichen, mit entsprechender Belastung des Gesundheitswesens.

Doch das ist nicht eingetreten. Die Fälle stagnieren seit Wochen zwischen 30’000 und 40’000 und die Spitalkapazitäten sind weiter gestiegen, von rund 150 freien Intensiv-Betten Mitte Dezember auf 229 (Angabe vom Dienstag).

«Es braucht auch Best-Case-Szenarien»

Entsprechend ist die Taskforce nun in der Kritik. Bürgerliche Politiker und Wirtschaftsverbände forderten am Dienstagvormittag vor den Medien, der Bundesrat solle das Gremium auflösen. Die «sogenannte» wissenschaftliche Taskforce inszeniere sich wöchentlich und verbreite Panik, sagte Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler. Ihre Existenz sei ein grundsätzlicher Fehler, der Bundesrat solle sie «nach Hause schicken».

Mitte-Nationalrat und Gewerbeverbandsvertreter Alois Gmür sagt: «Die zu negativen Prognosen können gefährlich sein, wenn Massnahmen deswegen in Kraft bleiben, die man eigentlich aufheben könnte.» Der Bundesrat habe jedoch einen guten Job gemacht und sich nicht zu fest auf die Prognosen abgestützt; anders, als dies in anderen Ländern geschehe, sagt Gmür.

«Freiwillige Verhaltensanpassungen»

Auch jenseits von Gewerbekreisen gibt es Kritik. So sagt FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt: «Man sollte Prognosen in beide Richtungen machen und auch Best-Case-Szenarien entwerfen, nicht nur Schreckensszenarien.» GLP-Nationalrat und Atmosphärenwissenschaftler Martin Bäumle sagt: «Es wäre interessant zu wissen, wie die Taskforce auf diese Super-Infektionswoche gekommen ist. In meinem Modell habe ich das so nicht vorausgesehen.» Er arbeite deshalb lieber mit Bandbreiten. Selbst hat Bäumle zwischen 30’000 und 60’000 Fälle für Ende Januar prognostiziert.

Die Taskforce erklärt sich in ihrem neusten Update vom Dienstag: Möglicherweise seien es individuelle, freiwillige Verhaltensanpassungen, welche die Zahl der infektiösen Kontakte reduziert hätten, schreibt das Gremium. Die Gesamtmobilität der Bevölkerung sei jedenfalls im Januar 2022 deutlich niedriger gewesen als im Dezember 2021. Es bestehe auch eine hohe Unsicherheit betreffend Dunkelziffer.

Wieder mehr Freiheit gewünscht

«Sicher ist: Wenn man die Massnahmen jetzt lockert, steigen die Zahlen wieder an», sagt Martin Bäumle. Genau dies fordern Wirtschaftsverbände und Politiker. Der schweizerische Gewerbeverband, der Fitness- und Gesundheitscenterverband, Expo-Event und Gastrosuisse fordern eine Aufhebung der Massnahmen per 2. Februar 2022 - quasi ein Freedom Day, wie Boris Johnson ihn in England ausgerufen hat. Dies sagten sie am Dienstag vor den Medien.

Weitere Politiker unterstützen das. Da die Spital-Zahlen eindeutig nicht dramatisch seien, müsse die Bevölkerung nun wieder mehr Freiheit bekommen, sagt Andri Silberschmidt. «Der Bundesrat soll wieder zurück zu 3G in Restaurants, Fitnesscenter und weiteren Institutionen.» Auch Homeoffice müsse per sofort abgeschafft werden.

Mitte-Nationalrat Philipp Kutter erwartet, dass der Bundesrat am 2. Februar nochmals über die Bücher geht. Er habe sich mit diesem Datum ja selber eine Türe offengehalten, sagt der Wädenswiler Stadtpräsident. Insbesondere für die Jugend müsse man die Massnahmen reduzieren: durch Maskenbefreiung an Schulen und zertifikatfreien Zugang für unter 25-Jährige.

Keine «Stop-and-go-Politik»

Franziska Ryser, Grüne-Nationalrätin, rät zur Vorsicht. Das Gesundheitswesen sei auch dank der geltenden Massnahmen nicht überbelastet. «Das Schlimmste für die betroffenen Branchen wäre eine Stop-and-go-Politik.» Wichtig sei deshalb auch, die betroffenen Branchen weiterhin finanziell zu unterstützen, wozu sie die Bürgerlichen und Wirtschaftsvertreter einlade. «Die Gastronomie ist zwar offen, aber wegen der abgesagten Weihnachtsessen hat sie nochmals Umsatzverluste erlitten. Deshalb muss die Härtefallverordnung verlängert und so ausgestaltet werden, dass sie den Betroffenen wirklich etwas bringt.»

Jürg Grossen, Präsident GLP, versteht den Wunsch nach rascher Aufhebung der Massnahmen, doch es sei sinnvoller, schrittweise vorzugehen. «Wir haben in dieser Pandemie gelernt, dass es fast immer anders herauskommt als vermutet.»

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