Laufenburg AG: Nach Freispruch – Mutter will kämpfen «bis vors Bundesgericht, wenn nötig»
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Laufenburg AGNach Freispruch – Mutter will kämpfen «bis vors Bundesgericht, wenn nötig»

Das Gericht hat am Dienstag die Aufsichtsperson nach dem Sechsmetersturz eines Neunjährigen freigesprochen. Nun spricht die Mutter des Buben über das Urteil und die Zeit nach dem Unfall.

von
Steve Last
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Nach einem Sturz aus sechs Metern Höhe schwebte er in Lebensgefahr. Die Mutter des damals Neunjährigen ist mit dem Freispruch für die Betreuungsperson nicht einverstanden.

Nach einem Sturz aus sechs Metern Höhe schwebte er in Lebensgefahr. Die Mutter des damals Neunjährigen ist mit dem Freispruch für die Betreuungsperson nicht einverstanden.

Privat
Er leidet noch heute an den Folgen des Unfalls.

Er leidet noch heute an den Folgen des Unfalls.

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Das Bezirksgericht Laufenburg sah die Fehler eher bei der Schule und der Staatsanwaltschaft, nicht bei der Betreuungsperson.

Das Bezirksgericht Laufenburg sah die Fehler eher bei der Schule und der Staatsanwaltschaft, nicht bei der Betreuungsperson.

Kanton AG

Darum gehts

«Ich bin sehr enttäuscht», sagt die Mutter des damals neunjährigen Buben, der im September 2020 in Laufenburg AG einen Sturz aus sechs Metern Höhe nur knapp überlebte. Das zuständige Bezirksgericht sprach die Betreuerin, unter deren Aufsicht es zum Unfall kam, am Dienstag frei. Die Frau habe weder ihre Aufsichtspflicht verletzt, noch sich der fahrlässigen schweren Körperverletzung schuldig gemacht.

Für die Mutter ist das Urteil ein schwerer Schlag. Dass niemand für den Unfall, der ihren Sohn fast das Leben gekostet hat, verantwortlich gemacht werden kann, mag sie nicht glauben. «Ich will, dass es angeschaut wird, nicht dass man wegschaut», sagt sie zu 20 Minuten. Sie ist aufgelöst, den Tränen nah. An etwas hält sie aber fest: «Ich werde den Fall bis vor Bundesgericht ziehen, wenn es sein muss».

Zum Unfallzeitpunkt hochschwanger

Der Unfall hat vor allem neben dem Gerichtssaal viel Leid hinterlassen. In erster Linie leidet der Bub. «Er wurde schon siebenmal operiert, und es ist wohl nicht das letzte Mal», so die Mutter. Er müsse immer noch medizinisch begleitet werden. Es bleibt die Hoffnung, dass er sich irgendwann von seinen Verletzungen erholt. 

Die alleinerziehende Mutter führt indes nicht nur einen rechtlichen Kampf, sondern ringt auch um die Existenz ihrer Familie. Als ihr Sohn verunfallte, war sie im siebten Monat schwanger. An eine Ruhephase nach der Geburt sei nicht zu denken gewesen, die Belastung enorm. «Sie können sich nicht vorstellen, wie es war, meinen Sohn so zu sehen», sagt sie.

Beruflich wurde sie aus der Bahn geworfen. «Mein Chef war sehr grosszügig, aber ich musste mich um meine Kinder kümmern», so die Mutter. Die Krankenkasse würde nicht für alle Kosten aufkommen. Sie ist trotz allem zwar wieder berufstätig, hat aber Schulden angehäuft. Unterstützen würde sie niemand, ihr Ex-Mann zahle seine Alimente nur unregelmässig.

«Kann meine Wut nicht beschreiben»

Die Mutter ist überzeugt, dass jemand für den Unfall zur Rechenschaft gezogen werden muss. «Ich kann meine Wut nicht beschreiben», sagt sie. Sie hat fast ihr Kind verloren und fühlt sich im Stich gelassen. Vor dem Bezirksgericht habe sie ohnehin keine Chance gehabt, vermutet sie. Dieses habe bereits in der Vergangenheit zu ihrem Nachteil entschieden, das Aargauer Obergericht habe das Urteil in zweiter Instanz korrigiert. Deshalb erhofft sie sich von einem Weiterzug ein anderes Resultat. Ein Schuldspruch wäre für sie Gerechtigkeit.

Die beschuldigte Betreuerin äusserte sich am Dienstag vor Gericht nicht. Was der Fall für sie für Folgen hat, ist daher nur schwer abzuschätzen. Sie musste auf elf Kinder aufpassen – zu viele, wie das Gericht befand. Kurz nachdem sie den Raum verlassen hatte, schwebte eines davon in Lebensgefahr. Der Fehler sei eher bei der Schule zu suchen, doch diese hatte die Staatsanwaltschaft nicht ins Visier genommen. Ebenfalls ein herber Schlag für die Mutter.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein schwer krankes Kind?

Hier findest du Hilfe:

Pro Pallium, Begleitung von Familien mit schwerstkranken Kindern und jungen Erwachsenen

Intensiv-Kids, Elternvereinigung

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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