Racial Profiling – Nach Vorfall in Morges – Uno-Delegation untersucht Rassismus in der Schweiz

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Racial ProfilingNach Vorfall in Morges — Uno-Delegation untersucht Rassismus in der Schweiz

Zehn Schwarze Menschen wurden in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren durch Polizisten getötet. Auf Anfrage der Regierung hat eine Delegation des Uno-Menschenrechtsrates die Situation untersucht und veröffentlicht heute erste Ergebnisse.

von
Reto Bollmann
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Am  30. August 2021 wurde am Bahnhof von Morges VD ein mit einem Messer bewaffneter Mann von der Polizei mit drei Schüssen niedergestreckt.

Am 30. August 2021 wurde am Bahnhof von Morges VD ein mit einem Messer bewaffneter Mann von der Polizei mit drei Schüssen niedergestreckt.

20min/News-Scout
Der Vorfall löste eine Diskussion über das Problem (rassistischer) Polizeigewalt und Racial Profiling in der Schweiz aus.

Der Vorfall löste eine Diskussion über das Problem (rassistischer) Polizeigewalt und Racial Profiling in der Schweiz aus.

20min/News-Scout
Racial Profiling bezeichnet ein häufig auf Stereotypen basierendes Agieren von (Polizei-)Beamten anhand von Kriterien wie „Rasse“ oder Hautfarbe und nicht anhand von konkreten Verdachtsmomenten gegen die Person.

Racial Profiling bezeichnet ein häufig auf Stereotypen basierendes Agieren von (Polizei-)Beamten anhand von Kriterien wie „Rasse“ oder Hautfarbe und nicht anhand von konkreten Verdachtsmomenten gegen die Person.

imago images/ZUMA Wire

Darum gehts

  • In den letzten zwanzig Jahren töteten Schweizer Polizisten zehn Schwarze Personen, vier davon im Kanton Waadt.

  • Im August 2021 traf es Roger «Nzoy» Wilhelm (37) – dessen Schwester ist von den rassistischen Hintergründen der Tötung ihres Bruders überzeugt.

  • Eine Gruppe des Uno-Menschenrechtsrates untersucht seit dem 17. Januar die Menschenrechtslage von afrikanischstämmigen Personen in der Schweiz. Heute sollen sie Zwischenergebnisse vorlegen.

Der Fall des Zürchers Roger «Nzoy» Wilhelm erregte grosses Aufsehen: Der damals 37-Jährige wurde am 30. August 2021 am Bahnhof in Morges VD von einem Polizisten der Kantonspolizei Waadt erschossen. Mit einem Messer bewaffnet ist er auf eine Gruppe von Polizisten zugerannt – ein Beamter streckte den Mann mit insgesamt drei Schüssen nieder.

Erst nach vier Minuten erfolgte Reanimation durch Drittperson

Doch nach den Schüssen wird dem Niedergeschossenen nicht direkt geholfen. «Er lag gut fünf Minuten auf dem Bauch», hatte ein Augenzeuge die Szenen beschrieben, die folgten. Die Beamten hätten dem Opfer zuerst mit grosser Vorsicht Handschellen angelegt und seine Taschen geleert. Erst später habe eine Drittperson eine Herzmassage durchgeführt. Die Kantonspolizei hatte zuerst an der geschilderten Version festgehalten, und bestätigte dann, dass die Reanimation rund vier Minuten nach dem letzten Schuss durch eine Drittperson und nicht durch die Beamten begonnen worden war. Roger Wilhelm verstarb noch vor Ort. Videos von Augenzeugen dokumentierten die letzten Momente vor Wilhelms Tod.

Wilhelm war Sohn eines Zürcher Vaters und einer Mutter mit Migrationshintergrund. Der Mann, der unter psychischen Problemen litt, war in den Augen der Demonstrierenden in Zürich Opfer seiner Hautfarbe geworden. Sein Vater war überzeugt: «Konnten Sie die Krankheit meines Sohnes nicht erkennen? Wäre es nicht möglich gewesen, ihn auf andere Weise aufzuhalten? Wäre mein Sohn weiss gewesen, wäre er nicht gestorben.»

«Racial Profiling» und rassistisch motivierte Polizeigewalt

Als Reaktion gab es unter anderem einen Trauermarsch durch Zürich, in dem nicht nur getrauert, sondern auch protestiert wurde. «Black lives matter» skandierten die Teilnehmer und forderten, die genauen Hintergründe des Falls zu klären, war es doch bereits der vierte tote Schwarze, der durch die Polizei des Kantons Waadt zu beklagen war. Der Fall löste eine Diskussion über rassistisch motivierte Polizeigewalt in der Schweiz aus. Wurde Wilhelm Opfer von «Racial Profiling»? Ist der Vorfall Ausdruck eines grösseren Problems in der Schweiz?

Zur Klärung dieser und weiterer Fragen setzte die Uno auf Einladung der Schweizer Regierung eine Arbeitsgruppe ein, um Aspekte des Rassismus und der Rassendiskriminierung vor Ort einzuschätzen. Die Delegation reiste zwischen dem 17. bis 26. Januar nach Bern, Zürich, Lausanne und Genf und traf sich mit Vertretern der Regierung, nationalen Institutionen, Menschen afrikanischer Abstammung, Organisationen der Zivilgesellschaft und Einzelpersonen, um verschiedene Fragen rund um die Themen zu erörtern.

Vorläufige Ergebnisse der Expertengruppe

«Wir werden Informationen über alle Formen von Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Afrophobie und damit zusammenhängender Intoleranz sammeln, um die allgemeine Menschenrechtssituation von Menschen afrikanischer Abstammung in der Schweiz zu beurteilen», sagte Dominique Day, Leiterin der Expertengruppe. Am Mittwochnachmittag wird die Delegation die Resultate ihrer Untersuchungen vorstellen und der Schweizer Politik Vorschläge zur Verbesserung der Situation von afrikanischstämmigen Menschen unterbereiten.

Gemäss «Blick» hat auch Evelyn Wilhelm, die Schwester von Roger Wilhelm, mit den Vertretern der Uno gesprochen. «Mein Bruder ist bereits vor dem Vorfall in Morges immer und immer wieder von Polizisten kontrolliert worden, ohne ersichtlichen Grund. Er habe darum auch stets seinen Schweizer Pass in der Hosentasche dabei gehabt, damit er sich schnellstmöglich ausweisen konnte.» Ein Detail zum Tod ihres verstorbenen Bruders ist ihr besonders geblieben: «Als die Polizei in der Notrufzentrale anrief, betonten sie, dass es sich bei meinem Bruder um einen schwarzen Mann handelt. Dabei hätte es so viel wichtigere Details gegeben, die man hätte erwähnen können.»

Der Schütze, so bestätigt es die Kantonspolizei aber gegenüber dem «Blick», arbeite weiterhin als Regionalpolizist in Morges. Gegenüber der «RTS» stellt sich deren Kommandant auf den Standpunkt, dass die Hautfarbe im Fall von Roger Wilhelm keinen Einfluss auf das Verhalten der beteiligten Polizisten hatte.

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