Anzeigen – Nachbarn in Quarantäne werden jetzt ausspioniert
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Anzeigen Nachbarn in Quarantäne werden jetzt ausspioniert

Ein Solothurner Paar glaubt, von der Ex-Nachbarin verpfiffen worden zu sein, weil es trotz Quarantäne die Pferde füttern ging. Polizeien registrieren hin und wieder Meldungen aus der Nachbarschaft.

von
Bettina Zanni
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Über einen Waldweg ging das Paar jeweils morgens und abends zum rund 20 Minuten entfernten Pferdestall in Kyburg-Buchegg SO.

Über einen Waldweg ging das Paar jeweils morgens und abends zum rund 20 Minuten entfernten Pferdestall in Kyburg-Buchegg SO.

Privat
«Wir mussten zweimal täglich das Haus verlassen, um die Pferde zu füttern», sagt K., der mit seiner Freundin damals in einem Bauernhaus am Waldrand in Aetingen SO wohnte.

«Wir mussten zweimal täglich das Haus verlassen, um die Pferde zu füttern», sagt K., der mit seiner Freundin damals in einem Bauernhaus am Waldrand in Aetingen SO wohnte.

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Das Solothurner Paar muss 300 Franken bezahlen oder drei Tage Freiheitsstrafe absitzen, weil es die angeordnete Quarantäne missachtete.

Das Solothurner Paar muss 300 Franken bezahlen oder drei Tage Freiheitsstrafe absitzen, weil es die angeordnete Quarantäne missachtete.

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Darum gehts

  • Die Polizei erwischte Y. K.* und seine Freundin, als sie ihre Quarantäne unterbrachen, um die Pferde zu füttern.

  • Für K. steht fest, dass ihre ehemalige Nachbarin Anzeige erstattete.

  • Kantonspolizeien registrieren ab und zu Anzeigen von Bürgerinnen und Bürgern gegen angebliche Quarantänebrecher, zum Beispiel in der Nachbarschaft.

  • «Die Überwachung durch Private bei der Quarantäne ist eine Gefahr für die Gesellschaft und droht noch zuzunehmen», sagt SP-Nationalrätin Franziska Roth.

Je eine Busse von 300 Franken oder ersatzweise drei Tage Freiheitsstrafe kassierten Y. K.* und seine Freundin J. L.* Sie hätten sich «der mehrfachen Widerhandlung gegen das Epidemiengesetz schuldig gemacht», schreibt das Amtsgerichts Bucheggberg-Wasseramt SO im Urteil, das 20 Minuten vorliegt. Grund dafür ist, dass sich das Paar nach der Rückkehr aus Portugal im Februar 2021 nicht bei den Behörden gemeldet hatte und die angeordnete Quarantäne (siehe Box) missachtete.

«Wir mussten zweimal täglich das Haus verlassen, um die Pferde zu füttern und mit unseren beiden Hunden spazieren zu gehen», sagt K., der mit L. damals in einem Bauernhaus am Waldrand in Aetingen SO wohnte. Über einen Waldweg ging das Paar deshalb jeweils morgens und abends zum rund 20 Minuten entfernten Pferdestall in Kyburg-Buchegg. «Als wir am vierten Tag unserer Quarantäne gerade die Pferde fütterten, fuhr die Polizei vor und teilte uns mit, dass wir die Quarantänepflicht verletzten», sagt der 28-jährige Gärtner.

«Pferde wären verhungert»

Gegen die Verurteilung hat das Paar zweimal Einsprache erhoben. «Wir sind keine Corona-Leugner, sondern wollen einen verhältnismässigen Umgang mit den Massnahmen», sagt K. Die Meldepflicht hätten sie aus Unwissen verletzt, die Quarantänepflicht jedoch aus Not. «Wir sind dem Wohl unserer Tiere verpflichtet. Hätten wir sie wegen unserer Quarantäne zehn Tage alleine gelassen, hätten wir den Tierschutz am Hals gehabt, weil die Pferde verhungert wären.»

Bis zur Rückreise hätten sie keine Betreuung für die Tiere gefunden, behauptet K. «Zu meinen Eltern habe ich keinen Kontakt und die Eltern meiner Freundin waren zu dem Zeitpunkt beide im Spital.» Angefragte Bekannte hätten keine Zeit gehabt, da diese eigene Höfe betrieben.

«War einzige Person, die uns beobachten konnte»

Für K. steht fest, dass ihre ehemalige Vermieterin und Nachbarin, die in der anderen Hälfte des Bauernhauses wohne, Anzeige erstattet habe. «Sie war die einzige Person, die uns beobachten konnte und auch wusste, wo unsere Pferde sind.» Vermutlich habe sie ihm und seiner Freundin wegen Unstimmigkeiten eins auswischen wollen. «Als wir aus Portugal zurückkamen, verlangte sie, dass wir die Quarantäne nicht in ihrem Haus verbringen, was wir ablehnten», behauptet er. Die betreffende Vermieterin weist den Verdacht auf Anfrage von 20 Minuten jedoch von sich.

«Ungesundes Mass der Kontrolle»

Die Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth kritisiert die Überwachung von Personen in Quarantäne. Es sei klar, dass die Massnahmen grundsätzlich eingehalten werden müssten. «Doch in diesem Fall hat die Überwachung durch Private ein ungesundes Mass angenommen.» Dass Personen in Quarantäne diese eher brächen, als ihre Tiere dem Schicksal zu überlassen, könne sie nachvollziehen. Ihr sei auch ein Fall bekannt, in dem eine Nachbarin eine junge Frau in Isolation angezeigt habe. «Sie störte sich daran, dass die junge Frau auf dem Balkon frische Luft schnappte.»

Die Kantonspolizeien Aargau, Zürich und St. Gallen registrieren hin und wieder Anzeigen von Bürgerinnen und Bürgern gegen angebliche Quarantänebrecher und -brecherinnen, zum Beispiel in der Nachbarschaft. «Weitaus in den meisten Fällen relativiert sich dies, wenn man dann den ganzen Sachverhalt kennt», sagt Aline Rey, Mediensprecherin der Kapo Aargau.

«Wissen, wann Anzeige sinnvoll ist und wann unfair»

Die Taskforce erwartet wegen der hochansteckenden Omikron-Variante bis zu 20’000 neue Corona-Fälle pro Tag – auf einem Rekordhoch wird demnach auch die Zahl der Personen in Quarantäne sein. «Die Überwachung durch Private bei der Quarantäne ist eine Gefahr für die Gesellschaft und droht noch zuzunehmen», sagt Franziska Roth. Deshalb brauche es Aufklärungsarbeit. «Nachbarn müssen wissen, wann es sinnvoll ist, jemanden anzuzeigen und wann unfair.»

*Name der Redaktion bekannt.

Quarantäne-Ausnahmen

Gesunde Drittpersonen, die sich weder in Isolation noch in Quarantäne befinden, sollen Hunde aus einem Quarantäne- oder Isolationshaushalt angeleint ausführen. «Kurze Frischluftepisoden» sieht das BAG nur für Kinder ohne Kontakt zu Personen ausserhalb der Familie vor. Über mögliche Ausnahmen vom strikten Einhalten der Quarantäne liegen keine offiziellen Informationen vor. Zuständig sind dafür die kantonalen Contact Tracings. «Womöglich können im Einzelfall unterschiedliche Lösungen gefunden werden, die vertretbar sind», sagt Michel Hassler, Mediensprecher des Aargauer Gesundheitsdepartements. «Ob es sich um einen eigenen oder einen Gemeinschaftsgarten handelt, macht sicher einen Unterschied bezüglich der Möglichkeit, Kontakte zu vermeiden.»

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