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L.A. Auto Show «Nachhaltigkeit» an die Wand genagelt

Die Los Angeles Auto Show ist ein Spiegelbild des US-Marktes. Doch trotz grünem Anstrich dominieren nach wie vor gigantische Pickup-Trucks & Co.

von
Dave Schneider
3.12.2019
Während die europäischen Hersteller die ratlose Übergangsphase, die den derzeit stattfindenden Umbruch im Autobau mit sich brachte, offensichtlich überwunden haben, treten die Amerikaner noch auf der Stelle.

Während die europäischen Hersteller die ratlose Übergangsphase, die den derzeit stattfindenden Umbruch im Autobau mit sich brachte, offensichtlich überwunden haben, treten die Amerikaner noch auf der Stelle.

Dave Schneider/Webstock
Wer sich in den vergangenen Wochen in den Hallen des LA Convention Centers auf Entdeckungstour begab, der sah zwar auch viel Grünes, doch das beschränkte sich fast ausnahmslos auf Slogans und auf die Dekoration der Standflächen.

Wer sich in den vergangenen Wochen in den Hallen des LA Convention Centers auf Entdeckungstour begab, der sah zwar auch viel Grünes, doch das beschränkte sich fast ausnahmslos auf Slogans und auf die Dekoration der Standflächen.

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«Nachhaltigkeit» an die Wand genagelt. Statt grüne Autos gabs in Los Angeles grün dekorierte Messestände.

«Nachhaltigkeit» an die Wand genagelt. Statt grüne Autos gabs in Los Angeles grün dekorierte Messestände.

Dave Schneider/Webstock

Die am Sonntag zu Ende gegangene Los Angeles Auto Show hat sich in den vergangenen Jahren trotz ihrer kompakten Grösse zu einer der wichtigsten Automessen weltweit entwickelt. Denn einerseits hat sich die Show in der grössten Stadt der USA mit einem hochkarätig besetzten Forum rund um das Thema Automobil und Mobilität im Rahmenprogramm clever in der Branche positioniert. Andererseits ist sie Ende Jahr ein perfekter Pulsmesser für den amerikanischen Markt – hinter China der zweitgrösste Automarkt der Welt –, und somit auch von grosser Bedeutung für die europäischen Hersteller.

Nach der Verschiebung der Noth American International Auto Show in Detroit in den Sommer ist die LA Auto Show aber auch die letzte Möglichkeit der US-Hersteller, der Welt ihre grossen Neuheiten zu präsentieren, ehe im April 2020 in New York die nächste grosse Sause steigt.

Die Amerikaner treten (noch) auf der Stelle

Doch während die europäischen Hersteller die ratlose Übergangsphase, die den derzeit stattfindenden Umbruch im Autobau mit sich brachte, offensichtlich überwunden haben und nun mit aller Kraft in Richtung Zukunft marschieren, treten die Amerikaner noch auf der Stelle. Zwar war der elektrische Ford Mustang Mach-E der ungekrönte König der Show und sorgte weltweit für positive Schlagzeilen, doch davon abgesehen davon war von Einsicht, Wandel und Innovationsgeist nur wenig zu sehen.

Wer sich in den vergangenen Wochen in den Hallen des LA Convention Centers auf Entdeckungstour begab, der sah zwar auch viel Grünes, doch das beschränkte sich fast ausnahmslos auf Slogans und auf die Dekoration der Standflächen. Prächtige Bäume hier, grosse Farne dort, eine aufwendige Tropenlandschaft da – die Autohersteller geben sich auch im Land der zehnspurigen Freeways und der billigen Spritpreisen gerne einen umweltbewussten Touch. «Blue Skies for our Children», prangte etwa am Stand von Honda, vor einer mit Moos und Efeu bepflanzten Wand.

Bei Ford stand sogar ein ganzer Wald – allerdings nur als Fototapete. Hyundai rahmte seine Neuheiten mit tropischen Pflanzen ein, während bei Subaru sogar ein kleiner Hundepark aufgebaut wurde, Tiere inklusive – «Adopt a German Shepherd!».

Riesige SUV und noch gigantischere Pickup-Trucks

Der Widerspruch scheint die Amerikaner nicht zu stören. Denn so grün die Messestände in Los Angeles auch waren, die Exponate darauf waren es grösstenteils ganz und gar nicht. Der Hauptteil der Ausstellungsfläche wurde «business as usual» von riesigen SUV und noch gigantischeren Pickup-Trucks eingenommen – diese Fahrzeuge verkaufen sich in den USA nach wie vor am Besten.

Ford F-150 oder Expedition, Chevrolet Silverado oder Suburban, GMC Sierra oder Yukon, aber auch Nissan Titan, Toyota Tundra oder Kia Telluride: Wer in den Vereinigten Staaten ein gutes Geschäft machen will, muss solche Giganten im Angebot haben. Entsprechend motorisiert, versteht sich.

Dieser Widerspruch ist auch bei den europäischen Herstellern zu sehen. Zwar führt Mercedes-Benz den Stromer EQC nun auch im US-Markt ein, was immerhin eine kurze Erwähnung in der Rede von USA-Chef Nicholas Speeks fand. Das Highlight am Stand der Schwaben war aber der GLS AMG 63 S, ein siebensitziger Koloss mit 612 PS Leistung aus einem Achtzylindermotor. Bei Audi stand links in unauffälligem Blau mit dem neuen E-Tron Sportback ein batterieelektrisches Modell, doch direkt daneben zog mit dem in grellem Giftgrün lackierten RS Q8 ein weiteres PS-Monster mit V8-Motor die Aufmerksamkeit auf sich.

VW gab sich mit der Studie ID. Space Vizzion umweltbewusst, doch die direkt daneben ausgestellte Rallye-Studie Atlas Cross Sport mit riesigen Rädern und martialischem Design sprach das amerikanischen Publikum mehr an. Sogar bei BMW-Tochter Mini war diese Zerrissenheit zu spüren: Hier der vollelektrische Cooper SE und gleich daneben der John Cooper Works GP, der mit 306 PS stärkste Mini der Unternehmensgeschichte.

Seit 37 Jahren ungeschlagen: der Ford F-150

Und ja, Ford bringt in einem Jahr einen elektrischen SUV – doch der absolute Topseller wird auch weiterhin der Ford F-150 bleiben. Der 5,9 Meter lange und über zwei Meter breite Pickup-Truck ist in den USA seit über 37 Jahren das meistverkaufte Fahrzeug überhaupt. Dicht gefolgt vom ebenso grossen Chevrolet Silverado.

Die amerikanische Autoindustrie ist sichtlich bemüht, sich einen umweltfreundlichen Anstrich zu verpassen – doch es passiert derzeit auf eine Art und Weise, die aus europäischer Sicht nur schwer nachvollziehbar ist. Gut in dieses Bild passen die beiden Elektro-Neuheiten «Made in USA», die im Rahmen der Messe ihre Weltpremiere feierten: Der Tesla Cybertruck und der Bollinger B2 sind zwar beides batterieelektrische Fahrzeuge, allerdings sind sie auch riesige Pickup-Trucks, die hierzulande in keine Parklücke passen würden. Auch das ist ein Widerspruch in sich, doch bemerkt das an der Los Angeles Auto Show kaum jemand.

In den USA werden die Prioritäten eben noch immer ganz anders gesetzt, was Dodge mustergültig zeigte: Der US-Hersteller lanciert mit «Power Dollars» eine Rabattaktion, die pro gekauftem PS zehn Dollar Nachlass auf den Kaufpreis gewährt. Je mehr Leistung ein Auto also hat, desto günstiger wird es im Verhältnis. Eine Aktion, die in den USA gut ankommt. Hierzulande wäre sie völlig undenkbar.

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