Aktualisiert 13.09.2013 05:52

Studie zeigtNachhilfe bringt Schülern nichts

Nachhilfe bringt kaum etwas und kann in gewissen Fällen sogar schaden - das besagt eine neue Studie. Doch eine Alternative gibt es bisher nicht.

von
Vroni Fehlmann
Die Studie besagt, dass Nachhilfe nichts bringt.

Die Studie besagt, dass Nachhilfe nichts bringt.

Jedes sechste Kind in der Deutschschweiz besucht den Nachhilfeunterricht ausserhalb der Schule. Eltern zahlen dabei bis zu 60 Franken pro Stunde. Eine Studie der Universität Basel und der Pädagogischen Hochschule kam jetzt zum überraschenden Ergebnis: Das ist alles für die Katz. «Es ist eine Tatsache, dass Nachhilfe bei Schülern keine signifikante Verbesserung der Noten bewirkt.» So lautet das Fazit von Hans-Ulrich Grunder, derzeit Professor an der Universität Basel. Zusammen mit der Pädagogischen Hochschule FHNW hat er jetzt eine Studie veröffentlicht, die zum Schluss kommt, dass Nachhilfe kaum etwas bringt. Trotzdem ist es die einzige Alternative, um Primarschülern mit Leistungsschwächen zu helfen.

Bei der Studie wurden rund 10'700 Nachhilfeschüler befragt. Drei Viertel aller Zusatzlektionen werden von Mädchen besucht, am meisten in Mathematik, wie der Schweizerische Nationalfonds am Donnerstag mitteilte. Untersucht wurden in der Studie Schüler der 5. bis 9. Klassen aus der Deutschschweiz. Dass sich die Noten, welche jeweils im Abstand von drei Monaten verglichen wurden, kaum verbesserten, habe die Forscher etwas verunsichert, wie Gunder sagt. «Der einzige positive Aspekt, den wir bemerkten, war die Tatsache, dass Nachhilfe das Sicherheitsempfinden der Schüler stärkt.» Sie würden in den einzelnen Fächern selbstbewusster.

Keine Alternative

Trotzdem: Die Frage, ob Nachhilfe für Schüler abgeschafft werden sollte, beantwortet Grunder mit Ja. Insbesondere Lerninstitute könnten sich nämlich sogar negativ auf den Lernfortschritt auswirken. Während sich bei Privatunterricht Schüler und Lehrende aufeinander einstellen können, seien die Methoden der Institutionen teilweise zu standardisiert, weil der Unterricht auch in Gruppen durchgeführt wird. Bei den Studienteilnehmern aus Lerninstituten habe sich die Fähigkeit, methodisch und überlegt an eine Aufgabe heranzugehen, verringert.

Grunder ist der Meinung, dass es viel sinnvoller wäre, mehr Tagesschulen zu eröffnen oder Aufgabenstunden einzuführen, die in der Schule absolviert werden. Hausaufgaben gehörten schliesslich zur Schulausbildung und dürften nicht an die Eltern oder Drittpersonen abgeschoben werden. «Eine gute Schule ist die, bei der es keine Nachhilfe braucht», sagt Grunder. Seien die Noten dennoch ungenügend, stecken die Eltern in einer Zwickmühle: «Da es zum Nachhilfeunterricht keine Alternative gibt, ist dies die einzige mögliche Sofortmassnahme. Auch wenn sie nicht wirklich etwas bringt.»

Eltern seien zufrieden

Beim Schweizer Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) gibt man sich verhalten: «Man kann nicht sagen, dass Nachhilfe nichts bringt. Es hat subjektive Vorteile, weil die Schüler im Unterricht sicherer werden», sagt Präsident Beat Zemp. Ausserdem gebe es den Eltern das Gefühl, ihre Kinder aktiv unterstützt zu haben. Wer glaube, eine Note innerhalb kürzester Zeit um einen Punkt steigern zu können, habe einfach zu hohe Erwartungen. Trotzdem stellt Zemp fest, dass es einen Trend zu mehr Nachhilfe gibt. «Ich empfehle in der Regel als Erstes, Rat bei Klassenkameraden einzuholen.» Nur wer eine klare Teilleistungsschwäche aufweise oder längere Zeit abwesend gewesen sei, werde von ihm an eine externe Person vermittelt.

Benedikt Oberli vom Learning Institut Schweiz wehrt sich gegen die Vorwürfe, dass sich Nachhilfe negativ auswirken kann. «Wir haben sehr viele Feedbacks von zufriedenen Eltern. Dabei haben die Schüler ihre Ziele mehrheitlich erreicht und sind sicherer geworden», sagt er. In seinem Institut erhalten Primarschüler in der Regel Einzelunterricht für 59 Franken pro 60 Minuten. Dass nach der Veröffentlichung der Studie künftig niemand mehr sein Kind in die Nachhilfe schickt, befürchtet das Learning Institut nicht.

Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder

Forschungs- und Studienzentrum für Pädagogik, Universität Basel

Warum nützt Nachhilfeunterricht nichts?

Hans-Ulrich Grunder: Hausaufgaben gehören zu den Lernphasen der Schule. Diese sollten heutzutage nicht mehr nach Hause oder gar an Dritte ausgelagert werden. Dies aufgrund von sozio-ökonomischen Veränderungen. Die Art, wie Aufgaben gelöst werden, hat sich verändert.

Sie raten also von Nachhilfe ab?

Ja, denn sie bringt nichts und kostet viel. In der Gruppe durchgeführt kann sie gar schaden.

Was mache ich, wenn ich ein Kind habe, dass in der Schule ungenügende Noten hat?

Dann ist Ihre Situation sozusagen auswegslos. Einerseits müssen Sie etwas unternehmen, andererseits bringt Nachhilfe kaum etwas. Eine Alternative gibt es derzeit nicht. Deshalb haben Sie eigentlich keine andere Wahl, als Ihr Kind trotzdem in die Nachhilfe zu schicken.

Kann ich mein Kind auch selbst unterrichten?

Nein, davon rate ich dringend ab. Je nach Situation fehlt den Eltern die nötige Kompetenz in der Materie. Dann überlässt man das doch lieber einem Dritten, der sich im entsprechenden Fach gut auskennt.

Wie kann das Dilemma gelöst werden?

Ich appelliere an die Schulpolitik, Tagesschulen einzuführen. Den Lehrern empfehle ich, alle Lernphasen so gut es geht zu realisieren. Ausserdem sollte im Stundenplan eine zusätzliche Schulstunde eingeführt werden. In dieser können die Kinder ihre Hausaufgaben dann direkt in der Schule erledigen.

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