Sicherheitsrisiko – Nachrichtendienst-Mitarbeitende könnten laut Bericht Infos leaken

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SicherheitsrisikoNachrichtendienst-Mitarbeitende könnten laut Bericht Infos leaken

Zahlreiche Führungswechsel beim Nachrichtendienst des Bundes haben zu schlechtem Arbeitsklima geführt. Laut einem Bericht besteht die Gefahr, dass unzufriedene Mitarbeitende geheime Informationen durchsickern lassen.

von
Thomas Obrecht
Seline Bietenhard
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Ein Bericht der Aufsichtsbehörde über die Nachrichtendienste der Schweiz zeigt unzufriedene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Nachrichtendienst des Bundes.

Ein Bericht der Aufsichtsbehörde über die Nachrichtendienste der Schweiz zeigt unzufriedene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Nachrichtendienst des Bundes.

20min/Simon Glauser
Grund seien wiederholte, teils abrupte Führungswechsel.

Grund seien wiederholte, teils abrupte Führungswechsel.

20min/Celia Nogler
«Der NDB nimmt die Problematik ernst und hat eigene Massnahmen ergriffen», sagt der Leiter der Aufsichtsbehörde, Thomas Fritschi. Die Lage werde laufend analysiert.

«Der NDB nimmt die Problematik ernst und hat eigene Massnahmen ergriffen», sagt der Leiter der Aufsichtsbehörde, Thomas Fritschi. Die Lage werde laufend analysiert.

Unabhängige Aufsichtsbehörde über die nachrichtendienstlichen Tätigkeiten

Darum gehts

Die Corona-Pandemie, Tendenzen hin zu gesellschaftlicher Spaltung, die Machtpolitik einzelner Staaten und die Verwundbarkeit der Schweiz durch Cyberangriffe: All das mache uns bewusst, wie fragil die Sicherheit sei. Das schreibt Thomas Fritschi, Leiter der Aufsichtsbehörde, über die Tätigkeiten der Nachrichtendienste (AB-ND) im Vorwort des jüngsten Berichts. «Die Nachrichtendienste waren und sind gefordert», schreibt Fritschi.

Doch beim Nachrichtendienst des Bundes (NDB) stellt die Aufsichtsbehörde in ihrem jüngsten Bericht Sicherheitsrisiken fest: Drei Führungswechsel in vier Jahren hätten zu unzufriedenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen beim NDB geführt. Es ist nicht das erste Mal, dass interne Probleme des NDB an die Öffentlichkeit gelangen.

Unzufriedene Mitarbeitende sind ein Sicherheitsrisiko

«Die Ergebnisse einer Personalbefragung vor zwei Jahren zeigten die Unzufriedenheit der Mitarbeitenden des NDB», sagt Fritschi zu 20 Minuten. «Unzufriedene Mitarbeitende in einem Nachrichtendienst können ein erhöhtes Sicherheitsrisiko darstellen.» Konkret bedeute dies eine Gefahr des Durchsickerns von klassifizierten Informationen, beispielsweise an Medienschaffende. Auch Petra Schmid, Expertin für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich, sagt, viele Wechsel an der Spitze wirkten sich sehr schlecht auf die Motivation aus (siehe unten).

Zwischen den jeweiligen Direktoren hat es laut Fritschi immer ad interim Lösungen gegeben, die die Leitung übernahmen. «Solche Wechsel an der obersten Spitze verursachen auch in jeder anderen Organisation Unruhe und damit verbundene Risiken.» Die Zeit von effektiv sieben Monaten, die der NDB ohne Direktor oder Direktorin verbrachte, beurteilt der AB-ND als «eher längere» Zeit – auch wenn es eine interimistische Leitung gegeben habe.

Insgesamt «intakte Leistungsfähigkeit»

Fredy Fässler, St. Galler Regierungsrat und Mitglied der Findungskommission, welche den neuen NDB-Chef ernannte, wehrt sich gegen den Vorwurf, der Nachrichtendienst sei zu lange ohne Führung gewesen: «Nach dem überraschenden Rücktritt von Jean-Philipp Gaudin im August 2021 wurde das übliche Verfahren eingeleitet, um einen Nachfolger zu finden.» In der Zwischenzeit sei der NDB vom verantwortlichen Stellvertreter geführt worden.

Trotz unzufriedener Mitarbeitenden und Sicherheitsrisiken beurteilt die Behörde die Leistungsfähigkeit des Geheimdienstes «im Rahmen der vorhandenen Ressourcen als intakt». Die abnehmende Zahl der Empfehlungen sei ein Zeichen dafür, dass bei den Tätigkeiten des NDB bestehende Risiken ausgeschlossen oder zumindest minimiert werden konnten.

«VBS muss die Empfehlungen ernst nehmen»

«Der NDB selber nimmt die Problematik ernst und hat eigene Massnahmen ergriffen», sagt Fritschi. Die Lage werde laufend analysiert. «Zudem beginnt am 1. April der neue Direktor. Dies soll die Stabilität im NDB fördern und letztlich die Zufriedenheit der Mitarbeitenden wieder steigern», so Fritschi. Der Nachrichtendienst des Bundes wollte auf Anfrage von 20 Minuten den Bericht nicht kommentieren. Auch der stellvertretende Direktor des NBD wollte sich zu seiner Zeit als ad interim Direktor nicht äussern.

Mauro Tuena, SVP-Nationalrat und Präsident der sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats, nimmt den Bericht mit Sorge zur Kenntnis: «Gerade in diesen unsicheren Zeiten müssen Unruhen und Sicherheitsrisiken im NDB unbedingt vermieden werden. Das VBS steht in der Verantwortung, für Ruhe und Kontinuität zu sorgen.» Der NDB sei ein zentrales Instrument, um die Sicherheit der Schweiz zu gewährleisten, gerade in dieser kriegerischen Zeit nicht weit von der Schweiz entfernt. «Ich hoffe, dass es mit dem neuen Direktor gelingt, die Mitarbeitenden zu sensibilisieren und ein gutes Vertrauensverhältnis zu schaffen. Im NDB ist das essentiell.»

Petra Schmid, Expertin für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich, beantwortet Fragen zur Entstehung und Risiken eines schlechten Arbeitsklimas.

Was löst es in Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus, wenn sie in kurzer Zeit drei neue Chefs bekommen?

Das kann der Motivation sehr schaden. Anfangs könnte es noch motivierend wirken, da man sich vor dem neuen Leiter beweisen möchte. Doch bei wiederholten Wechseln ist eher zu erwarten, dass Resignation und Ängste auftauchen, weil man den Sinn der eigenen Arbeit hinterfragt.

Welches Risiko stellen unzufriedene Mitarbeitende dar?

Es kann dazu kommen, dass sich Mitarbeitende weniger für das Unternehmen und stärker für sich selber einsetzen. Man fühlt sich dem Betrieb weniger verpflichtet.

Können gerade Übergangszeiten für Motivationsprobleme sorgen?

Das hängt stark vom Stellvertreter ab. Diese werden oft gewählt, weil sie sehr kompetent sind, es kann jedoch auch Gründe haben, dass diese «nur» stellvertretend wirken – etwa fehlende Führungsqualitäten. 

Wie kann das Arbeitsklima wieder verbessert werden?

Ganz zentral ist eine klare Kommunikation und viel Transparenz. Den Angestellten soll Sicherheit und Klarheit gegeben werden, wieso welche Entscheidungen getroffen werden und was das für ihre Position bedeutet.

Petra Schmid ist Assistenzprofessorin am Departement Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich. 

Petra Schmid ist Assistenzprofessorin am Departement Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich. 

ETH Zürich/Giulia Marthaler

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