Zu wenig Passagiere: Nachtzüge sollen wieder in den Süden fahren
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Zu wenig PassagiereNachtzüge sollen wieder in den Süden fahren

In Zürich einschlafen und in Rom oder Barcelona wieder aufwachen - wegen der Billigflieger-Konkurrenz ist dies nicht mehr möglich. Eine grüne Politikerin kämpft nun für ein Revival der Nachtzüge.

von
Antonio Fumagalli

Wer das Mittelmeer mag und gerne per ÖV in die Ferien reist, dürfte mit ihnen nostalgische Gefühle verbinden: Nachtzüge, bei denen einem bei der Abfahrt noch ein kühles Lüftchen und bei der Ankunft die warme Meeresbrise entgegenbläst. Doch diese geruhsame Art des Reisens in den Süden gehört spätestens seit dem vergangenem 7. Dezember der Vergangenheit an - dann fuhr der letzte Euronight-Zug mit dem klingenden Namen «Pau Casals» nach Barcelona. Die Nachtzug-Verbindung nach Italien wurde bereits im Dezember 2009 eingestellt.

Grund für den radikalen Schritt waren wirtschaftliche Faktoren: In Zeiten von Easyjet, Ryanair und Co. können Sonnenhungrige innert Stunden und vor allem viel günstiger Destinationen im Süden erreichen. Einen Flug nach Barcelona gibt es ab rund 50 Franken, die nun eingestellte Nachtzugverbindung kostete ein Mehrfaches davon. Laut SBB-Sprecherin Lea Meyer hat es zuletzt zwischen der Schweiz und Barcelona gerade mal noch 300 Reisende pro Monat gegeben - Betreiberin der Verbindung war allerdings ohnehin die spanisch-französische Firma Elipsos.

Doch nun kriegt die Eisenbahn politischen Rückenwind: Die grüne Nationalrätin Aline Trede will in einer Interpellation vom Bundesrat wissen, welche Strategie er bei den Nachtzugverbindungen verfolgt. «Der Bund investiert viel Geld in die Bahninfrastruktur. Er soll sich aber auch dafür einsetzen, attraktive internationale Zugverbindungen sicherzustellen.» Trede, die aus Überzeugung nie innerhalb von Europa fliegt, ist sicher: Um die vom Bundesrat geplante Energiestrategie 2050 wirksam umsetzen zu können, braucht es Druck auf die Bahnbetreiber und allenfalls die Verkehrsministerien der betroffenen Länder.

Erfolgreiche City Night Line

Beim Bundesrat dürfte sie damit aber auf taube Ohren stossen. In seiner Antwort auf einen ähnlichen Vorstoss von SVP-Nationalrat Oskar Freysinger aus dem Jahr 2009 sagte er, dass er «nicht mehr unmittelbar in die operativen Belange der SBB» eingreifen könne, seit diese in eine spezialgesetzliche Aktiengesellschaft umgewandelt worden sind. Das Nachtreiseangebot der SBB habe einen jährlichen Verlust von drei Millionen Franken eingefahren. Kurz: Die Verbindung nach Italien habe sich schlicht nicht mehr rentiert.

Dass es auch anders geht, zeigt die City Night Line. Täglich verkehren die Nachtzüge der hundertprozentigen Deutsche-Bahn-Tochter nach Deutschland, Dänemark, Tschechien und in die Niederlande. Und dies offenbar durchaus erfolgreich: Laut Angaben der Zweigstelle Zürich betrug die durchschnittliche Auslastung der City-Night-Line-Verbindungen ab der Schweiz im Jahr 2012 durchschnittlich 70 Prozent.

«Fehlender Willen zur Zusammenarbeit»

Dass ausgerechnet die Linien in den Süden defizitär waren, erstaunt Kurt Schreiber nicht. Der Präsident von Pro Bahn, der Interessenvertretung der Schweizer ÖV-Kunden, ortet bei der italienischen Staatsbahn «fehlenden Willen zur Zusammenarbeit». Die Bähnler hätten schlicht kein Interesse daran gehabt, die Züge zu rangieren. Hinzu komme das veraltete Rollmaterial, das anspruchsvolle Kunden abgeschreckt habe. Bei der Barcelona-Verbindung sei der Preis schlicht zu hoch gewesen, um in Konkurrenz mit dem Flugzeug bestehen zu können.

Es gibt aber einen Hoffnungsschimmer für Schweizer Spanien-Liebhaber, die per ÖV anreisen wollen: Bei den SBB sind Pläne in der Schublade, ab dem Fahrplanwechsel im kommenden Dezember wieder eine direkte Zugverbindung zwischen Genf und Barcelona anzubieten. Ob das Vorhaben tatsächlich zustande kommt, ist noch unsicher. SBB-Sprecherin Meyer sagt aber: «Wir arbeiten zusammen mit der französischen Staatsbahn mit Hochdruck daran.»

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