Umwelt-Kampagne: «Nachtzug muss billiger, Fliegen teurer werden»
Aktualisiert

Umwelt-Kampagne«Nachtzug muss billiger, Fliegen teurer werden»

Der Verein Umverkehr will die Nachtzugverbindungen ins Ausland retten. Politische Gegner sprechen von einer «Schnapsidee» von Nostalgikern.

von
J. Büchi
Am Dienstagmorgen lancierten Mitglieder des Vereins umverkehR ihre Kampagne zur Rettung des Nachtzugs. Rechts im Bild: Co-Präsidentin Aline Trede.

Am Dienstagmorgen lancierten Mitglieder des Vereins umverkehR ihre Kampagne zur Rettung des Nachtzugs. Rechts im Bild: Co-Präsidentin Aline Trede.

Es sind zwei verschiedene Welten: Da sind die Nachtzüge mit ihren spartanischen Pritschen, auf denen sich die Passagiere mit Büchern und Kartenspielen oder im Dämmerschlaf die Zeit vertreiben. Wer auf diesem Weg nach Amsterdam fährt, ist über zwölf Stunden unterwegs. Stunden, in denen die Landschaften unter stetigem Ruckeln gemächlich am Fenster vorbeiziehen und die Nacht sich langsam lichtet.

Und da sind die Direktflüge, die grosse Airlines mehrmals pro Tag anbieten. Kaum in der Luft, verwandelt sich die Schweiz in kleine Acker-, Wald- und Siedlungsvierecke, die sogleich auch wieder von einer dicken Wolkendecke verschluckt werden. Rund eineinhalb Stunden später zeichnen sich unter derselben die Grachten von Amsterdam ab. Das Reiseziel ist erreicht.

Nachtzüge ein Auslaufmodell?

Der grösste Unterschied neben der Reisezeit sind die Kosten: Variante 1 schlägt nicht selten mit einem Vielfachen von Variante 2 zu Buche. Die Nachfrage nach Nachtverbindungen sinkt stetig. In den letzten Jahren wurden deshalb unter anderem die Verbindungen Zürich–Barcelona, Basel–Moskau und Bern–Brüssel gestrichen – nur gerade noch sieben direkte Verbindungen sind übrig geblieben.

Für die Mitglieder des Vereins Umverkehr ist das ein Skandal: Sie fordern Verkehrsministerin Doris Leuthard und den SBB-Chef Andreas Meyer in einer Petition dazu auf, die bestehenden Nachtzuglinien zu erhalten und die bereits gestrichenen wieder in Betrieb zu nehmen. Am Dienstagmorgen wurde die Kampagne «Rettet den Nachtzug!» am Zürcher Hauptbahnhof lanciert. Die Co-Präsidentin von Umverkehr, Nationalrätin Aline Trede (Grüne), sagt: «Es darf nicht sein, dass umweltschädliche Billigflüge gefördert werden, während das Angebot an ökologischen Nachtzügen nach und nach ausgedünnt wird!»

Fliegen soll teurer werden

Zusätzlich zur Petition will Trede deshalb in der Frühlingssession zwei Vorstösse einreichen. Auf eine Nachtzug-Interpellation vor zwei Jahren hatte der Bundesrat geantwortet, die Kompetenz dafür liege bei der SBB. Dieses Argument will Trede aber nicht gelten lassen: «Der Bund muss als Eigner der SBB Druck machen, damit die Nachtzüge wieder an Bedeutung gewinnen.»

Dazu gehöre auch eine Wachstumsstrategie: «Man könnte die Nachtzüge quersubventionieren, damit die Tickets billiger werden – das macht man bei wenig frequentierten Inlandverbindungen auch.» Weiter müssten die Nachtverbindungen aktiver beworben und der Ticketverkauf kundenfreundlicher gestaltet werden. Im zweiten Vorstoss nimmt Trede die Luftfahrtindustrie ins Visier. «Fliegen ist heute viel zu billig – ich fordere endlich die Einführung einer Kerosinsteuer», so Trede.

Kein Geld für «Nostalgiker»

Für SVP-Nationalrat Walter Wobmann ist die ganze Kampagne eine «Schnapsidee»: «Ich sehe nicht ein, weshalb man etwas fördern sollte, wofür es keine Nachfrage gibt.» Eine Quersubventionierung von Nachtverbindungen kommt für ihn nicht infrage: «Dann müssen andere Passagiere für die Nostalgiker zahlen, die noch Nachtzug fahren wollen – das geht nicht!» Noch inakzeptabler sei es, den Flugverkehr mit Preiserhöhungen zu bestrafen. «Aline Trede und ihre Umverkehr-Leute sind offensichtlich vor zehn Jahren in der Entwicklung stehen geblieben», spottet Wobmann.

Auch bei der SBB sieht man keinen Handlungsbedarf. «Wir konzentrieren uns strategisch auf Reisezeiten von vier bis sechs Stunden», sagt Sprecher Reto Schärli. Bei längeren Reisezeiten könne der Zug schlicht nicht mit den Angeboten der Fluggesellschaften mithalten. Auf die zunehmende Konkurrenz durch Billigflüge und Fernbusse verweist auch das Verkehrsdepartement von Bundesrätin Leuthard auf Anfrage. Zudem gehörten internationale Nachtzüge nicht zum «bestellten Verkehr», für den die öffentliche Hand bezahlt. «Es ist somit ein unternehmerischer Entscheid eines Bahnunternehmens, ob und welche Nachtzüge angeboten werden», so Sprecherin Annetta Bundi.

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