Juristischer Kampf: Nacktwanderer will Verbot aushebeln
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Juristischer KampfNacktwanderer will Verbot aushebeln

Ein Appenzeller rebelliert vor Gericht. Das Nacktwanderverbot sei nicht legal, argumentiert er - und könnte Recht bekommen.

«Unanständiges Benehmen»? Nacktwandern im Alpstein

«Unanständiges Benehmen»? Nacktwandern im Alpstein

Weil er am 11. Oktober 2009 «födleblutt» (völlig nackt) in Herisau an einer benutzten Feuerstelle vorbeigewandert war, steht der 46-jährige R.K.* am 27. Mai vor Ausserrhoder Kantonsgericht. Die Anklage lautet auf unanständiges Benehmen.

Der Herisauer ist bisher der Einzige, der im Appenzellerland hüllenlos wandernd erwischt wurde. Er wurde mit einer Busse von 100 Franken bestraft. Die Ersatzfreiheitsstrafe bei schuldhaftem Nichtbezahlen wurde auf einen Tag festgelegt. Dagegen erhob der Mann Einsprache. Die Anklage bleibt bei ihrem Antrag. Allerdings müsste der Angeschuldigte nun bei einer Verurteilung auch die Verfahrenskosten von 870 Franken bezahlen.

Exponierter Wanderweg

Bei der Untersuchung wurde unter anderem auf dem Wanderweg im Gebiet Nieschberg in Herisau ein Augenschein vorgenommen. Zur fraglichen Zeit zwischen 15.40 und 16 Uhr sei die dortige Feuerstelle tatsächlich benutzt worden, heisst es in der Überweisungsverfügung. Der Weg sei von der Feuerstelle aus sichtbar.

Der Nackte sei auch am christlichen Rehabilitations-Zentrum «Best Hope» vorbeigewandert, heisst es weiter. Auch an Wochentagen benutzten relativ viele Personen den betreffenden Weg, wurde beim Augenschein festgestellt.

Juristisches Hick-Hack

Ein juristisches Hick-Hack ist programmiert: In seiner Einsprache wandte der Angeschuldigte ein, Nacktwandern sei straflos, weil es keinen Verstoss gegen das Sexualstrafrecht darstelle. Es sei laut Strafgesetzbuch nicht strafbar. Die Regelung auf dem Gebiet der Sexualität sei im Strafgesetzbuch abschliessend.

«Dieser Einwand ist an und für sich richtig», schreibt der Verhörrichter (Untersuchungsrichter). Der Nacktwanderer bezieht sich im Kern auf einen wissenschaftlichen Aufsatz des Berner Juristen Daniel Kettiger in der juristischen Fachzeitschrift «Jusletter» 2009. Kettiger äusserte sich auch im Interview mit 20 Minuten Online zum Nacktwanderverbot in Innerrhoden. Sein Schluss: «Nacktsein kann man nicht verbieten.» Die Einführung von Gesetzen alleine aufgrund von Moralvorstellungen stelle eine ernsthafte Gefahr für den demokratischen Rechtsstaat dar.

Kein Freiraum für Kantone

Da das Bundesgesetz den strafrechtlichen Schutz der sexuellen Integrität abschliessend regele, bleibe den Kantonen kein Platz, schlichtes Nacktsein (Nacktbaden, Nacktwandern) zu bestrafen.

In Ausserrhoden besteht kein eigentliches Nacktwanderverbot. Entblösstes Wandern wird als «unanständiges Benehmen» (öffentliches und grobes Verletzen von Sitte und Anstand) laut kantonalem Strafrecht taxiert. Das Ausserrhoder Kantonsgericht muss nun entscheiden, ob diese Auslegung zulässig ist.

Der betreffende Artikel, so der Angeschuldigte, sei zu wenig bestimmt. Die Anklage hält fest, der Mann werde nicht wegen eines Sexualdelikts bestraft. Nacktwandern werde nicht als unzüchtige Handlung angesehen.

Durchaus unanständig

Das Berner Obergericht habe 2006 dargelegt, «das völlig nackte Auftreten eines Menschen in der Öffentlichkeit» sei durchaus als «unanständiges Benehmen» zu qualifizieren, heisst es in der Überweisungsverfügung. Es müsse sich um eine grobe Unanständigkeit handeln.

In abgelegenen Gebieten, auf privaten Wegen, in wenig begangenen Regionen oder in Wäldern abseits der Wege dürfte blosses Nacktwandern deshalb tatsächlich nicht strafbar sein, schreibt der Verhörrichter. Die Frage sei, ob auf relativ stark begangenen Wegen, wie auf der «Nieschbergroute», Nacktwandern bereits als grob unanständig beurteilt werden müsse.

* Name der Redaktion bekannt (sda)

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