Aktualisiert 17.03.2009 11:52

Konjunkturdaten

Nächstes Jahr ist jeder Zwanzigste arbeitslos

Die Ökonomen des Bundes sehen düstere Wolken am Konjunkturhimmel und korrigieren ihre Prognosen drastisch nach unten: Für 2010 rechnet das Seco mit einer Arbeitslosenquote von 5,2 Prozent. 2009 wird die Wirtschaft um 2,2 Prozent schrumpfen.

Der Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), Aymo Brunetti, nahm am Dienstag bei der Präsentation der neuen Prognose der Expertengruppe des Bundes kein Blatt vor den Mund: «Leider Gottes» befänden sich alle grossen Wirtschaftsräume erstmals seit Jahrzehnten gleichzeitig in einer Rezession. Diesem Sog könne sich die Schweiz nicht entziehen, obwohl die binnenwirtschaftliche Ausgangslage relativ gut sei.

Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) wird demnach in diesem Jahr um 2,2 Prozent sinken. Im letzten Dezember hatte das Seco noch einen Rückgang um 0,8 Prozent vorausgesagt. Noch deutlicher fiel die Korrektur nach unten für 2010 aus. Bestand im Dezember noch die Hoffnung eines Aufschwungs um 1,0 Prozent, so wird nun bloss ein Wachstum von 0,1 Prozent erwartet.

Hohe Unsicherheit

Nach der tiefsten Rezession seit 1975 dürfte damit auch die Erholung langsamer als üblich ausfallen. Brunetti schränkte die Aussagekraft der Voraussage für 2010 mit dem Hinweis auf extrem hohe Unsicherheiten ein. Wäre die Prognose nicht für die Budgetplanung nötig, würde man am besten verzichten. Je nach Verlauf von Finanzkrise und Weltkonjunktur könnte die Rezession auch 2010 anhalten, oder aber ein kräftigerer Aufschwung einsetzen. Brunetti hält es gerade deshalb für richtig und wichtig, dass der Bundesrat erst im Juni über die Notwendigkeit eines dritten Konjunkturpakets beschliesst, für das die Schuldenbremse aufgehoben werden müsste.

Exporte sinken um acht Prozent

Am deutlichsten nach unten korrigiert haben die Bundesökonomen die Entwicklung der Exporte, wo nun ein Absturz von über acht Prozent für 2009 befürchtet wird. Dies war gemäss Brunetti seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall. Allerdings finde die Korrektur von einer «stratosphärischen Höhe» aus statt.

Um zehn Prozent dürften die Ausrüstungsinvestitionen sinken. Die Bauinvestitionen werden sich demgegenüber halten. Der private Konsum, die mit Abstand wichtigste BIP-Komponente, wird mit 0,6 Prozent nur noch halb so stark wachsen, wie bisher angenommen.

Druck auf den Staat

Die Reaktionen der Gewerkschaften und der SP machen deutlich, dass vor allem die nochmals verdüsterten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt den Druck auf staatliches Handeln weiter erhöhen werden. Das Seco rechnet nun mit mittleren Arbeitslosenquoten von 3,8 und 5,2 Prozent in diesem und im nächsten Jahr. Dies entspricht im Jahre 2010 mehr als 200 000 Arbeitslosen. So hoch war die Arbeitslosigkeit letztmals im Jahre 1997 gewesen.

Nach den Worten von Brunetti gibt es auf dem Arbeitsmarkt «nichts schönzureden». Der Bund verfüge aber bereits über ein ziemlich breites Dispositiv. Trotz voraussichtlich negativer Teuerung von 0,2 Prozent sieht Brunetti keine akute Deflationsgefahr.

Der Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse bekräftigte seine Forderung, die Zahl der Taggelder bei der Arbeitslosenversicherung über dringliche Sofortmassnahmen auf 520 zu erhöhen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund wollte am Nachmittag ein Massnahmenpaket gegen die Arbeitslosigkeit präsentieren. Die SP warf dem Bundesrat Untätigkeit vor und forderte ihn auf, sofort die dritte Stufe bei den Konjunkturmassnahmen zu zünden.

Arbeitslosenzahlen im Vergleich

(sda)

Andere Prognosen

Die SECO-Prognose bewegt sich in ähnlichen Zahlen wie die Prognosen der Schweizerischen Nationalbank (-2,5 bis -3,0 Prozent) und des Internationalen Währungsfonds (-2,0 bis -3,0 Prozent). Das UBS Wealth Management (-1,2 Prozent) und die Credit Suisse (-0,6 Prozent) gehen davon aus, das die Wirtschaft weniger stark schrumpft. Ihnen schliesst sich die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) an (-0,5 Prozent), die ihre Prognose allerdings bereits im Dezember 2008 publizierte. (sda)

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