Aktualisiert 23.04.2014 19:50

BangladeschNähen unter Lebensgefahr

Keine Brandschutzvorkehrungen und ein mieser Lohn: Seit dem Fabrikeinsturz vor einem Jahr ist in Bangladesch vieles gleich geblieben, einiges hat sich aber auch geändert.

von
ale

Es ist noch alles präsent: Die wackelnden Wände des Fabrikgebäudes, der Moment, in dem der Stuhl unter ihr wegsackt, und wie ihr Arm zwischen der schweren Maschine und einem Teil des einstürzenden Dachs eingequetscht wird und ein Balken sich durch ihren Unterleib bohrt.

Shila Begum hat den Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik in Bangladesch vor genau einem Jahr knapp überlebt. Bei dem Unglück starben 1135 Menschen, mehr als 2500 wurden verletzt, viele konnten erst nach Tagen aus den Trümmern gerettet werden. In dem achtstöckigen Gebäude arbeiteten bis zu 5000 Menschen. Die Clean Clothes Campaign hat die 26-jährige Begum nach Europa geholt, um Druck auf die grossen Modeunternehmen auszuüben, die noch nicht in den Entschädigungsfonds der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingezahlt haben.

Erst ein Drittel der versprochenen Zahlungen eingetroffen

Das Abkommen über einen Entschädigungsfonds von 35 Mio. Franken war am 20. November 2013 von Gewerkschaften, der Regierung und 31 internationalen Einzelhandelsketten unterschrieben worden. Immerhin 13 Millionen sind bisher gespendet worden. Nun sollen die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer eine erste Entschädigung von umgerechnet rund 570 Franken erhalten. Dies kündigte die ILO am Dienstag an.

Die Auszahlungsbedingungen seien sehr kompliziert, weil diese von individuellen Faktoren wie dem Alter der Opfer, ihrem vorherigen Lohn und den Verletzungen der Überlebenden abhingen, hiess es. «Diese ersten Auszahlungen sind eine gute Nachricht», sagte der stellvertretende ILO-Direktor Gilbert Houngbo in Dhakka: «Aber wir müssen sicherstellen, dass alle Ansprüche erfüllt werden und dass die Überlebenden und die Familien der Opfer eine Genugtuung erhalten, die ihnen erlaubt, ein neues Leben aufzubauen.»

Lage kaum verbessert

Die Lage der Näherinnen habe sich bis heute nicht entscheidend verbessert, berichtete Kalpona Akter, Direktorin der Gewerkschaftsorganisation Bangladesh Center for Worker Solidarity, Mitte April gegenüber dem «Tagesspiegel». Houngbo gibt zu, dass die Inspektionen der Textilfabriken im Land nur langsam vorankommen. Bis Anfang April waren erst in 256 der insgesamt 3500 Fabriken die Brandschutzmassnahmen und die elektrischen Installationen überprüft worden, bei 202 wurden die Gebäudestrukturen untersucht.

«Ich glaube, dass es noch viel zu tun gibt», sagte Houngbo. Die Sicherheitskontrollen müssten so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Und dann müsse die ILO sicherstellen, dass das neue Arbeitsgesetz korrekt umgesetzt werde. Dabei müssten die grundlegenden Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter respektiert werden, ohne dass das Wachstum in diesem für Bangladesch essentiellen Wirtschaftssektor mit vier Millionen Arbeitsstellen gebremst werde, sagte Houngbo.

Kritik auch an Schweizer Firmen

Laut der Erklärung von Bern sind Switcher, Charles Vögele und Vistaprint die einzigen Schweizer Firmen, die das Abkommen unterschrieben haben. Tally Weijl kündigte zwar Ende Mai 2013 in einer Pressemitteilung an, das Sicherheitsabkommen zu unterzeichnen, bis heute sei allerdings nichts geschehen. Auch Chicorée habe das Sicherheitsabkommen nicht unterschrieben, genauso wenig Coop, Migros und Zebra, die alle in Bangladesch produzieren lassen.

Coop und Migros begründen ihre Weigerung mit einer kleinen Bezugsmenge und eigenen Kontrollen. «Zuletzt waren Coop-Mitarbeitende Anfang April vor Ort», sagt Sprecher Ramón Gander gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Bei den Kontrollen wurden nebst den Arbeitsverhältnissen auch die Stabilität der Mauern, die Baukonstruktion sowie die Baupläne überprüft. Migros geht ähnlich vor, ein externer Prüfer hat im März zwei von vier Fabriken kontrolliert.

Tatsächlich repräsentieren die insgesamt 31 Unterzeichnerfirmen aber einen wesentlichen Teil der bangladeschischen Bekleidungsindustrie.

(ale/sda)

Get Changed und Helvetas, gedenkt der Opfer der Modeindustrie und fordert gerechte Arbeitsbedingungen. Mit einem ungewöhnlichen Dresscode am Jahrestag und einem T-Shirt von Star-Designerin Katherine Hammnet. «Als Teil der Fashion Revolution zieht man die Jacke verkehrt herum – die Naht gegen aussen – an, macht ein Foto von sich und teilt dies mit #insideout auf sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Instagram. So wollen wir eine weltweite Fashion Revolution anstossen, die faire Arbeitsbedingungen, ökologische Produktion und Transparenz in der Modeindustrie fördert», sagt Mark Starmanns, Mitbegründer von Get Changed.

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