EIN BRITE ERKLÄRT DER WELT DIE SCHWEIZ: Nahkampf an der Tramhaltestelle
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EIN BRITE ERKLÄRT DER WELT DIE SCHWEIZNahkampf an der Tramhaltestelle

Achtung, liebe Euro-Besucher aus dem Ausland! Erstens ist die Schweiz anders, und zweitens als man denkt. Wie die Eidgenossen ticken (und dass Kuckucksuhren gar nicht aus der Schweiz stammen) kann niemand besser erklären als Paul Bilton, Autor von «Xenophobe's Guide to the Swiss».

Nein, ein Xenophob, also ein Fremdenhasser, ist Paul Bilton ganz und gar nicht. Und schon gar nicht ein Schweiz-Hasser. Im Gegenteil, der seit 1989 in der Schweiz wohnende Engländer spricht in seinem Buch «Xenophobe's Guide to the Swiss» mit viel Liebe über die Eidgenossenschaft und deren Einwohner.

Die «Xenophobe's»- ('Fremdenhasser') Buchreihe gibt es für insgesamt 24 Nationalitäten, darunter die Engländer, Italiener, Deutschen und sogar die Isländer. Darin werden potentiellen Besuchern Land und Leute der jeweiligen Nation auf witzige Art erklärt.

Bilton, Autor des Schweizer-Guides, erklärt pointiert und intelligent, wie der Röstigraben funktioniert, was es mit dem Föhn auf sich hat und weshalb viele Deutschschwizer sich Sorgen machen, dass sich die Tessiner zu wenig Sorgen machen.

Der Schweizer, das Chamäleon

Anlässlich der Ausländerhorden, die Euro-bedingt in die Schweiz einfallen werden, fragte 20 Minuten Online den Schriftsteller, wie unser Land wohl von denen wahrgenommen werden könnte. Nun, als erstes wird der ausländische Besucher staunen. «Der Grossteil wird fürs Erste schon mal nicht wissen, dass Schweizerdeutsch als Sprache existiert. In weiten Teilen der Welt ist man der Meinung, in der Schweiz werde nur Französisch gesprochen», so Bilton.

«Auch werden die Ausländer sicherlich erstaunt sein, dass ihre Klischees nicht stimmen. Der Schweizer ist ein Chamäleon und lässt sich nicht auf ein paar Eigenschaften reduzieren – und auch die Schweiz als Land schafft es, sich konstant zu verändern, um den fremden Besuchern entgegenzukommen.»

La Suisse n'éxiste pas, also? «Es ist gut möglich, dass Touristen eine ganze Woche die Schweiz besuchen – und trotzdem nie mit Schweizern in Kontakt kommen. Fast alle, die in Schweizer Gastro- und Dienstleistungsbetrieben arbeiten, sind inzwischen Ausländer.» Damit verhält es sich hier allerdings auch nicht anders als in anderen europäischen Städten. Dasselbe passiere ihm, wenn er wieder Mal London besuche.

Freundliche Rüpel

Welchen ersten Eindruck macht die Schweiz auf den ausländischen Besucher? «Als ich erstmals in die Schweiz kam, fiel mir sofort die Ordnung auf, die Sauberkeit. In England haben wir das Sprichwort 'if it's not broken, don't fix it' ('wenn es nicht kaputt ist, dann probiere nicht, es zu flicken'). Dies trifft für die Schweiz gar nicht zu. Wenn ein Verkehrsschild erste Anzeichen von Wetterwitterung aufweist, wird es als ganzes ersetzt – mitsamt Stange und Betonfundament.»

Fussballfans, die zu Fuss unterwegs sind, könnten eine weitere interessante Schweizer Eigenart erleben, nämlich dass die Schweizer, ansonsten ein auffallend freundliches Völkchen, als Fussgänger ordentliche Rüpel sein können. «Da wird schon mal geschubst, Türen werden einem vor der Nase zugeschlagen und das Ein- und Aussteigen aus Trams gleicht einem Nahkampf.»

Der Grund liegt auf der Hand: Die Schweizer sind fleissige Arbeiter und wollen auch zu Fuss schnell vorwärtskommen. Mit einer Ausnahme (laut Bilton): Während überall auf der Welt Menschen auf Rolltreppen einander Platz machen – meistens in einer Form von 'rechts stehen, links gehen' – kommt der Schweizer zum Stillstand und stellt so für die hinter ihm Stehenden ein unüberwindbares Hindernis dar.

«Aber vermutlich werden die meisten meiner Beobachtungen über die Schweiz und die Schweizer während der Euro 08 gar nicht zutreffen, da während dieser Zeit ohnehin alle Regeln über Bord geworfen werden.»

Übrigens: Bilton verzieht sich während der gesamten Dauer der Euro 08 nach England. Nicht etwa, weil er enttäuscht über das Ausscheiden seines Heimatlandes ist, sondern weil er als erklärter Fussball-Muffel dem Rambazamba ausweichen will. «Wenn die Schweiz an der EM erfolgreich wäre, würde mich das doch sehr freuen.»

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