Aktualisiert 25.01.2013 10:15

Glaxo Smith Kline

Narkolepsie nach Schweinegrippe-Impfung?

Emelie Olsson leidet an einer schweren Schlafstörung. Die Symptome traten auf, nachdem die heute 14-Jährige mit Pandemrix gegen Schweinegrippe geimpft worden war. Kein Einzelfall.

von
dhr

Bis Anfang 2010 war Emelie Olsson eine hervorragende Schülerin, die gern Klavier spielte, Tennisstunden nahm, Bilder malte und sich mit ihren Freunden amüsierte. Doch dann, so berichtet die Nachrichtenagentur Reuters in einer Reportage, musste sich die heute 14-jährige Schwedin immer häufiger hinlegen, wenn sie müde von der Schule nach Hause kam. Im Mai 2010 wurde klar, dass mit Emelie etwas nicht stimmte. Plötzlich kam es vor, dass sie in der Schule einfach zusammenbrach. Die junge Stockholmerin leidet an Narkolepsie, einer neurologischen Autoimmunkrankheit, die das Alltagsleben schwer beeinträchtigt (siehe Bildstrecke oben).

Normalerweise ist Narkolepsie eine eher seltene Krankheit, vor allem bei Kindern. Schätzungsweise gibt es 25 bis 50 Fälle auf 100'000 Menschen, bei hoher Dunkelziffer. Doch in Schweden und weiteren Ländern wie Finnland, Irland und Frankreich wurde nach 2009 eine Zunahme von Narkolepsie-Erkrankungen festgestellt. Mehrere Studien nährten den Verdacht, dass dieser Anstieg etwas mit dem Impfstoff Pandemrix zu tun hat, der während der Grippesaison 2009/2010 gegen die Schweinegrippe H1N1 gespritzt wurde. In Schweden waren nicht weniger als 5,4 Millionen Menschen geimpft worden; rund 60 Prozent aller Einwohner.

Als Auslöser der Narkolepsie gilt dabei nicht der Impfstoff an sich, der vom britischen Pharmakonzern Glaxo Smith Kline hergestellt wird. Verdächtigt wird der verstärkende Zusatz AS03, ein sogenanntes Adjuvans, das den Impfstoff effektiver macht, aber auch zu stärkeren Nebenwirkungen führen kann. Der Wirkverstärker AS03 wurde zuvor in keinem anderen Impfstoff verwendet. Der Grund dafür dürfte in dem Umstand liegen, dass die Gesundheitsbehörden den Ausbruch einer Pandemie befürchteten und den Impfstoffherstellern daher ein abgekürztes Zulassungsverfahren erlaubten.

Massiver Anstieg der Inzidenzrate

Bei insgesamt 31 Millionen Impfungen in 47 Ländern führte Pandemrix zu 161 dokumentierten Fällen von Narkolepsie, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Davon traten mehr als 70 Prozent in Schweden, Finnland und Irland auf. Für geimpfte Kinder und Jugendliche in Schweden besteht eine siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit, an Narkolepsie zu erkranken, als für Nicht-Geimpfte. In Finnland und in Irland ist die Wahrscheinlichkeit sogar 13-Mal höher. Gemäss dem deutschen Ärzteblatt stieg 2010 die jährliche Inzidenzrate in Finnland von 0,31 pro 100'000 Einwohner auf 5,3 – ein Anstieg um den Faktor 17. Die meisten Kinder erkrankten dabei innerhalb von acht Monaten nach der Impfung.

In Frankreich wurden bis September 2012 51 Narkolepsiefälle bei geimpften Patienten registriert, in Deutschland waren es gemäss Ärztezeitung dagegen nur 13 gesicherte Fälle bei Kindern und Jugendlichen. In Dänemark, Italien oder in den Niederlanden wurde keine Zunahme von Narkolepsiefällen festgestellt, obwohl auch dort Pandemrix mit Adjuvans verabreicht worden war. Glaxo Smith Kline spricht von insgesamt 795 Fällen in ganz Europa seit 2009. Aufgrund dieser Sachlage rät die Europäische Arzneimittelagentur EMA derzeit von der Verabreichung von Pandemrix an unter 20-Jährige ab.

Und in der Schweiz?

Laut dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic wurden in der Schweiz während der Impfkampagne schätzungsweise eine Million Dosen Pandemrix ausgeliefert. Swissmedic erhielt darauf insgesamt drei Berichte über Narkolepsie nach Impfung mit Pandemrix – somit wurden nicht mehr Erkrankungen an Narkolepsie gemeldet, als unabhängig von der Impfung ohnehin zu erwarten gewesen wären. Zurzeit wird Pandemrix in der Schweiz nach Angabe von Daniel Lüthi, Mediensprecher von Swissmedic, nicht ausgeliefert und daher auch nicht verabreicht.

Die schwedische Regierung hat den Betroffenen angeboten, jedem von ihnen eine Entschädigung von 50'000 Kronen (rund 7100 Franken) auszuzahlen. Nachdem sie ihre Volljährigkeit mit 18 Jahren erreicht haben, sollensie zudem neu darüber verhandeln dürfen. Für Emelie Olsson ist das ein schwacher Trost. Die junge Schwedin wird ihr Leben lang mit der Krankheit zu kämpfen haben – Narkolepsie ist unheilbar.

Das Schweinegrippe-Virus

Wissenschaftler klassifizieren Grippe-Viren nach ihren Oberflächenproteinen. H steht dabei für Hämaggluttinin, N für Neuraminidase. Es gibt 16 verschiedene H-Typen und neun verschiedene N-Typen, wobei die Nummern nichts über die Schwere der Krankheit aussagen. Die Schweinegrippe hat den Virenstamm H1N1, die Vogelgrippe den Typ H5N1.

Der grösste Teil einer Virusoberfläche ist mit dem Eiweiss Hämagglutinin bedeckt. Das Protein ermöglicht Viren das Ankoppeln an die Zelle, in der schliesslich neue Grippeviren entstehen. Neuraminidasen sind Enzyme, die sich auf der Oberfläche von Influenzaviren befinden. Sie ermöglichen das Eindringen von Krankheitserregern in körpereigene Zellen. Diese viralen Enzyme schleusen dann auch von infizierten Zellen neu produzierte Viren aus der Zelle. (ap)

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