Haft in Weissrussland: Natalie Hersche ist seit zwei Wochen im Hungerstreik
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Haft in WeissrusslandNatalie Hersche ist seit zwei Wochen im Hungerstreik

Seit einem halben Jahr ist Natalie Hersche in Weissrussland in Haft. Nun wurde die Ostschweizerin Anfangs März in eine Frauenkolonie versetzt – und kämpft mittels Hungerstreik um ihren Briefverkehr mit der Aussenwelt.

von
Georgia Chatzoudis
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Nach 150 Tagen in Haft fand am Dienstag ein Berufungsverfahren statt. Hersche durfte nicht anwesend sein.

Nach 150 Tagen in Haft fand am Dienstag ein Berufungsverfahren statt. Hersche durfte nicht anwesend sein.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Beim Berufungsverfahren wurde ihre 2,5-jährige Haftstrafe bestätigt. Die Bilder stammen vom ersten Gerichtstermin vom 7. Dezember.

Beim Berufungsverfahren wurde ihre 2,5-jährige Haftstrafe bestätigt. Die Bilder stammen vom ersten Gerichtstermin vom 7. Dezember.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet. 

Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet.

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Darum gehts

  • Die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natalie Hersche ist in Minsk zu 2,5 Jahren Haft verurteilt worden.

  • Nach einem Protestmarsch wurde sie am 19. September verhaftet und soll sich laut Anklage gegen die Polizei gewehrt haben.

«Es ist ihre einzige Möglichkeit zu protestieren», sagt ihr Bruder Kassyan Gennadij: Natalie Hersche (51) ist seit zwei Wochen im Hungerstreik. Die Ostschweizerin wurde am 19. September in Weissrussland verhaftet, weil sie an einem Protestmarsch für Frauenrechte teilgenommen hatte. Ein Gericht bestätigte Mitte Februar die Haftstrafe von 2,5 Jahren.

Seit zwei Wochen verweigert die Ostschweizerin das Essen, aus Protest gegen die Haftbedingungen: Sie wolle Briefe erhalten und verschicken dürfen, sagt ihr Bruder Kassyan Gennadij zu 20 Minuten. Am vergangenen Donnerstag sei die schweizerisch-belarussische Doppelbürgerin in eine Frauenkolonie in die Stadt Gomel versetzt worden, rund vier Stunden von der Hauptstadt entfernt. «Ich wurde von den Behörden nicht informiert, wohin sie verlegt wurde», sagt Gennadij. «Auch wenn sie gesetzlich dazu verpflichtet gewesen wären, dies innerhalb von drei Tagen zu tun.»

«Ich mache mir grosse Sorgen um meine Schwester»

Zwar seien die Haftbedingungen dort grundsätzlich besser als im Gefängnis, sagt Gennadij. Aber: «Alle Gefangenen müssen Nähkurse absolvieren, um im Stande sein zu können, Kleider für die Polizei zu nähen.» Und dies verweigere seine Schwester kategorisch, da sie unschuldig sei. «Sie hat sich für einen Weg des Protestes gegen die Willkür unseres Rechtssystems entschieden.»

Ein Hungerstreik sei die einzige Möglichkeit des Protestes, «legale» Formen des Widerstands würden nicht zu einem Resultat führen, sagt Hersches Bruder. «Natürlich mache ich mir grosse Sorgen um meine Schwester», sagt Gennadij. Sie habe aber versprochen, dass sie bei einer Verschlechterung ihrer Gesundheit den Hungerstreik beenden werde. «Dementsprechend hoffe ich auf ihre Umsicht», sagt Gennadij.

Das letzte Mal hörte der Bruder am achten Tag von Hersches Hungerstreik: In ihrem letzten Brief schrieb Natalie Hersche von einem Bluttest mit einem schlechten Ergebnis, aber dass sie sich grundsätzlich gut fühle. «Mach dir keine Sorgen um mich, alles wird gut», schrieb die 51-Jährige. Ihr Bruder Kassyan Gennadij wünscht sich von der Schweiz nun effektivere Massnahmen gegen das Lukaschenko-Regime – nicht nur Stellungnahmen und Verurteilungen.

EDA bestätigt Hungerstreik

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigt, dass sich Natalie Hersche im Hungerstreik befindet. Der Schweizerische Botschafter in Minsk sei in regelmässigem Kontakt mit Natalie Hersche. «Der Sachverhalt gestaltet sich aufgrund der Doppelbürgerschaft von Frau Hersche nicht ganz einfach und beschäftigt das EDA nach wie vor», schreibt EDA-Sprecherin Léa Zürcher. «Das EDA ist auf verschiedenen Ebenen aktiv, das juristische Verfahren läuft aber noch.» Das Departement bestätigt, dass Natalie Hersche von Minsk nach Gomel transferiert wurde. Am neuen Ort habe aber noch kein Besuch stattgefunden.

Bereits Mitte Februar war die Ostschweizerin im Hungerstreik, um gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren. Denn im Minsker Gefängnis waren die Zustände prekär: Mit neun weiteren Insassinnen war die Ostschweizerin in einem Zimmer eingesperrt ohne Warmwasser. Gefängnismitarbeiter beleidigen und hetzen die Frauen gegeneinander auf. Damals wurden ihre Forderungen temporär erfüllt und sie setzte den Hungerstreik aus.

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