Aktualisiert 09.08.2015 17:37

Fall Flaach

«Natalie wird zusammen mit den Kindern bestattet»

Natalie K. (27), die Anfang Jahr ihre Kinder tötete, hat sich in U-Haft das Leben genommen. Ihr Vater Björn K. glaubt, die Behörden hätten dies verhindern können.

von
lüs
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Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

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Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selber Verletzungen zugefügt.

Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selber Verletzungen zugefügt.

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Im hinteren Hausteil (links) in Flaach lebte die Familie. Am 6. Januar gab die Rechtsmedizin bekannt, dass die beiden Kinder offenbar von ihrer Mutter erstickt wurden.

Im hinteren Hausteil (links) in Flaach lebte die Familie. Am 6. Januar gab die Rechtsmedizin bekannt, dass die beiden Kinder offenbar von ihrer Mutter erstickt wurden.

Keystone/Walter Bieri

Herr K.*, haben die Behörden aus Ihrer Sicht Fehler gemacht, die zum Selbstmord ihrer Tochter Natalie geführt haben?

Björn K.: Ganz klar Ja. Wir wissen von zwei Suizidversuchen von Natalie im Gefängnis in Zürich. Als Strafe musste sie jeweils in den «Bunker». Anzeichen waren ständig da, auch in allen Briefen, die von der Staatsanwaltschaft ja gelesen und zensiert wurden.

Was hätten die Behörden Ihrer Meinung nach anders machen müssen?

Der Fehler ist, dass Natalie in U-Haft keine Betreuung erhielt, zum Beispiel in Form einer Therapie. Jemand, der so traumatisiert ist, kann doch nicht einfach isoliert und sich selbst überlassen werden. Selbst wir durften mit ihr nicht über die Ereignisse vom Neujahrstag reden. Sie wälzte die Gedanken und Bilder wohl 24 Stunden am Tag in ihrer kleinen Zelle und wurde mit Medikamenten einfach am Leben erhalten. Übrigens wurde ihr Antrag, im Kiosk arbeiten zu dürfen, abgelehnt, weil sie dort mit Scheren in Kontakt käme und dies für sie zu gefährlich sei...

Gab es Momente, in denen Ihre Tochter trotz ihrer schrecklichen Tat neuen Lebensmut schöpfte?

Auch die gab es, allerdings nur sehr kurze. Insgesamt hatte ich das Gefühl, die Zeit in der Psychiatrischen Klinik Rheinau hätte sie mittel- bis langfristig vielleicht wieder auf die Beine bringen können. Die Versetzung nach Zürich ins Gefängnis löschte sämtliche Fortschritte auf einen Schlag.

Wie geht es Ihrem Schwiegersohn Mike K.*, dem Ehemann Ihrer Tochter?

Ähnlich wie mir und meiner Frau. Ohnmacht und Wut dominieren. Er möchte von Natalie noch Abschied nehmen (wie wir übrigens auch), ich hoffe, dass ihm das ermöglicht wird.

In der vergangenen Woche wurde ein Fall aus dem Kanton St. Gallen bekannt, bei dem ein zweijähriges Mädchen mutmasslich von seinen Eltern getötet worden ist. Wissen Sie, ob dieses Ereignis irgend einen Einfluss auf den Entschluss Ihrer Tochter gehabt hat?

Einfluss hatte dies sicherlich nicht, davon sind wir überzeugt. Sie war mental und psychisch noch nicht wieder soweit, am Schicksal anderer teilzunehmen.

Werden Ihre Tochter und ihre Kinder eine gemeinsame Ruhestätte bekommen?

Das werden wir mit Mike besprechen. Wir wissen, was der Wunsch von Natalie ist. Dass die Bestattung zusammen mit den Kindern sein wird, ist ganz klar. Was, wo und wie ist aber im Moment noch unklar. Es soll in einem würdigem Rahmen, in Ruhe und im Kleinen geschehen – das haben die drei verdient.

Planen Sie juristische Schritte gegen die Behörden?

Diese Frage wird sicherlich in den nächsten Tagen und Wochen noch zu klären sein. Ich spüre eine grosse Wut in uns – erfahrungsgemäss nicht der beste Ratgeber. Daher nehmen wir uns noch etwas Zeit und werden auch mit einem Rechtsanwalt noch sprechen, um zu klären, was wir überhaupt machen können. Derzeit macht es uns zu schaffen, dass Natalies Abschiedsbriefe zurückgehalten werden. Wir möchten doch gerne die letzten Gedanken, Worte und eventuell Wünsche unserer Tochter erfahren.

*Namen der Redaktion bekannt.

Björn K. ist der Vater von Natalie K. und Grossvater der getöteten Kinder Alessia (2) und Nicolas (5).

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