07.11.2017 14:56

WM-Barrage gegen NordirlandNati-Spieler brauchen Krafttraining für den Kopf

Für die Playoff-Spiele gegen Nordirland müssen die Schweizer Nati-Spieler vor allem im mentalen Bereich in WM-Form sein. Einfach wird das nicht.

von
E. Tedesco
Basel
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Samstag, 11. November 2017Für Vladimir Petkovic ist klar, dass er eine Entscheidung, wie den Penaltypfiff für die Nati in Belfast, akzeptieren würde.

Samstag, 11. November 2017Für Vladimir Petkovic ist klar, dass er eine Entscheidung, wie den Penaltypfiff für die Nati in Belfast, akzeptieren würde.

Keystone/Georgios Kefalas
Gemeinsam mit dem Nati-Trainer stellten sich Stephan Lichtsteiner (M.) und Granit Xhaka den Fragen der Presse.

Gemeinsam mit dem Nati-Trainer stellten sich Stephan Lichtsteiner (M.) und Granit Xhaka den Fragen der Presse.

FreshFocus/urs Lindt
Fabian Frei hat die Nati wegen eines Todesfalls in der Familie verlassen.

Fabian Frei hat die Nati wegen eines Todesfalls in der Familie verlassen.

Keystone/Patrick Straub

Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg. Neunmal in Folge haben die Schweizer in der WM-Quali zwischen September 2016 und Oktober 2017 gewonnen. Sie waren Erste, Erste, Erste, Erste, Erste, Erste, Erste, Erste und nochmals Erste. Dann kam die diskussionslose 0:2-Niederlage gegen Portugal – und die Nati war Zweite. Deshalb wartet nun die undankbare Zusatzschlaufe.

Am Donnerstag (ab 20.45 Uhr im Ticker) und Sonntag (ab 18 Uhr im Ticker) wartet der zähe Gegner aus Nordirland, der um jeden Grashalm kämpfen wird. Zu verlieren haben die Briten nichts. Sie waren nie Erste. In der Gruppe mit Weltmeister Deutschland war für sie schon der zweite Platz ein Erfolg. Und sie konnten sich lange auf den Umweg einstellen.

Die falsche Frage

Für die Schweizer präsentiert sich die Ausgangslage vor dem Hinspiel in Belfast ganz anders. Wer nur gewinnt und sein Ziel doch nicht erreicht, muss das erst verarbeiten – auf die Nati wartet Krafttraining für den Kopf. Nur wer Resultate richtig einordnen kann, ist, bleibt oder wird ein grosser Sieger. Aber: In den mindestens 180 Minuten kann die Equipe von Vladimir Petkovic auch alles verlieren.

«Das ist eine typische Situationseinschätzung unserer defizitorientierten Gesellschaft. Man fragt sich sofort, was man alles zu verlieren hat, anstatt: Was kann ich alles gewinnen? Auch in Belastungssituationen soll man von Erfolgsszenarien ausgehen», sagt Alain Meyer, «das heisst, mir muss als Spieler immer bewusst sein, was ich für Kompetenzen und Qualitäten habe, um die Situation erfolgreich zu gestalten.»

Der 40-jährige Bieler muss es wissen. Er selbst war ein mittelmässiger Goalie in der Challenge League bei Biel und Winterthur, der in bestimmten Drucksituationen nicht sein Potenzial abrufen konnte. Wie so viele Fussballer stolperte auch er in die Konzentrationsfalle. Statt sich auf das Wesentliche zu fokussieren, liess er sich ablenken. Meyer ist heute Sportpsychologe mit eigener Praxis in Biel und einem Mandat beim FC Basel. Er unterstützt Spitzensportler, die ihre Leistung optimieren wollen.

Mit Drucksituationen locker umgehen

«Als Nati-Spieler, aber generell als Sportler», erklärt Meyer, «kann ich doch selbst entscheiden, auf wen oder was ich meinen Fokus richte. Es geht letztlich immer darum, was ich beeinflussen kann und was nicht. Konzentriere ich mich auf den Gegner? Auf Schiedsrichter-Fehlentscheide? Auf die Medien? Das hilft nicht wirklich. Die eigene Leistung aber kann jeder beeinflussen und die hat am Ende Auswirkungen auf das Ergebnis.»

Fokussiert bleiben, mit Drucksituationen locker umgehen: Nur die wirklichen Champions beherrschen das. Aber wie? «Beispielsweise mit Bildern im Kopf», so Meyer. «Positive Bilder haben einen Einfluss auf das Gehirn.» Dabei werden Hormone ausgeschüttet und der Körper hat eine völlig andere Energie. Aus psychologischer Sicht ist ein guter Trainer einer, der unter anderem auch in Visionen spricht.

Gehirn kommt nicht mit Adjektiven zurecht

«Der Trainer kann nicht sagen, wir sind heute nicht nervös, denn das Nicht erkennt das Gehirn nicht. Wenn ich mir zum Beispiel sage, ich will nicht nervös sein, dann kreiert es das Wort Nervosität», so Meyer. «Neuropsychologisch ist erwiesen, dass das Gehirn mit Adjektiven nicht zurechtkommt.»

Die erfolgreichsten Athleten sind jene mit den meisten Bewältigungsstrategien (Bilder und vieles mehr) für schwierige Situationen. Wenn eine Mannschaft im Rückstand ist, ruhig bleibt und nicht auseinanderfällt, ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich grösser, die Situation besser zu gestalten. Je besser man vorbereitet ist, desto schneller kann man reagieren – oder man gerät gar nicht erst in eine solche Situation.

Mehr als das letzte Resultat

Und doch kam die Nati mit der Niederlage in Lissabon in «eine Situation». Meyer: «Es ist oftmals so, dass man die Mannschaft nach dem letzten Resultat definiert. Aber die Nati ist viel mehr. Sie definiert sich nicht über ihr letztes Ergebnis, sondern über die gesamte Kampagne – und dann hat man eine völlig andere Situationsbewertung.»

«Ich gehe davon aus, aber das ist nur meine Einschätzung aus der Distanz, dass innerhalb der Nati Ruhe herrscht, eine Vertrautheit und ein Plan da sind. Aber nicht nur ein taktischer Matchplan», so der Sportpsychologe, «sondern wie man miteinander umgeht, wie man sich gegenseitig unterstützt, auf Stärken hinweist. Wenn das alles zusammenspielt, bin ich hundertprozentig überzeugt, dass die Nati die Barrage-Spiele souverän runterspielt.»

Der ehemalige Challenge-League-Spieler Alain Meyer ist Sportpsychologe und Business Coach mit eigener Praxis in Biel (www.alainmeyer.ch). Zudem arbeitet er im Mandat für den FC Basel mit Schwerpunkt U21. Aber immer mehr Profis suchen Unterstützung beim 40-jährigen Bieler. Sein Coaching ist aber nicht nur im Spitzensport, sondern auch bei Führungskräften in Unternehmen ein Thema. (ete)

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