Rekord-Saison mit Union Berlin - Nati-Trainer ist für Urs Fischer zurzeit kein Thema
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Rekord-Saison mit Union Berlin«Nati-Trainer ist für mich zurzeit kein Thema» – Urs Fischer spricht über seine Zukunft

Der Schweizer Urs Fischer lässt Union Berlin von der erstmaligen Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb träumen. Der ehemalige FCB-Meistertrainer im Interview.

von
Lucas Werder
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Urs Fischer und Union Berlin haben diese Saison guten Grund zur Freude.

Urs Fischer und Union Berlin haben diese Saison guten Grund zur Freude.

Alex Gottschalk/POOL
Gleich zweimal knöpft der Schweizer mit seinem Team Meister Bayern München ein 1:1 ab.

Gleich zweimal knöpft der Schweizer mit seinem Team Meister Bayern München ein 1:1 ab.

Matthias Koch/Pool
Im dritten Jahr bei Union spielt das Team unter Fischer die beste Saison der Vereinsgeschichte.

Im dritten Jahr bei Union spielt das Team unter Fischer die beste Saison der Vereinsgeschichte.

imago images/Contrast

Darum gehts

  • Trainer Urs Fischer spielt mit Union Berlin die erfolgreichste Saison der Clubgeschichte.

  • Kurz vor Saisonende hat der verhältnismässig kleine Verein noch Chancen auf die Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb.

  • Im Interview spricht der Schweizer über seine Vergangenheit beim FC Basel und seine Trainer-Zukunft.

Urs Fischer, Union Berlin hat eines der kleinsten Budgets der Bundesliga. Drei Spieltage vor Saisonende ist die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb noch möglich. Wird der Europa-Traum Realität?

Wie gross die Chancen sind, ist für mich nicht relevant. Wir schauen von Spiel zu Spiel. Zunächst heisst die Aufgabe Wolfsburg. Da wollen wir Punkte mit nach Berlin nehmen. Dann schauen wir weiter.

Schon jetzt ist aber sicher: Union Berlin spielt die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Ich glaube, wenn viele Leute die gleiche Sache im Kopf haben, dann ist vieles möglich. Wir ordnen in unserer täglichen Arbeit alles dem Erfolg unter. Nur so kann so etwas entstehen.

Ist es im Club spürbar, dass man mit der Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb etwas Einzigartiges schaffen könnte?

Das spüren wir natürlich. Wir sind jetzt im zweiten Jahr in der 1. Bundesliga und könnten Sechster oder Siebter werden. Dass das etwas Aussergewöhnliches ist, ist uns allen bewusst.

Sie sind jetzt bald seit drei Jahren in Berlin. Wie lebt es sich in einer solchen Weltstadt?

Berlin ist eine Wahnsinns-Stadt. Wenn man aus der Schweiz kommt, ist man eine so grosse Stadt einfach nicht gewohnt. Berlin bietet enorm viel: Natur, Unterhaltung, Kultur, Geschichte und Gastronomie. Trotz meiner drei Jahre hier habe ich noch nicht allzu viel gesehen. Schliesslich lautet meine Aufgabe in Berlin Fussball, nicht die Stadt zu erkunden.

In der Schweiz galten Sie immer als eher zurückhaltend und bodenständig. Hat sich Ihre Persönlichkeit in der Grossstadt Berlin ein wenig verändert?

Ich hoffe es nicht. Ich habe überhaupt kein Problem damit, als zurückhaltend und demütig angesehen zu werden. Daran ist ja auch nichts schlecht.

Wie oft besuchen sie Ihre Familie in der Schweiz?

Die Corona-Pandemie erschwert mir das schon. In Deutschland ist die Situation nochmals etwas angespannter. Die Familie kommt aktuell sicher etwas zu kurz. Aktuell fahre ich so alle sechs bis acht Wochen in die Schweiz. Auch wenn die Besuche meist nur kurz sind, weiss ich sie sehr zu schätzen.

Vor Ihrem Engagement in Berlin waren Sie trotz mehrerer Angebote ein Jahr ohne Trainer-Job. Warum?

Die zwei Jahre zuvor beim FC Basel haben bei mir ihre Spuren hinterlassen. Ich habe mir vorgenommen, ein Jahr zu pausieren, um mich zu reflektieren und auch einfach mal die Familie zu geniessen. Dann kam im Sommer 2018 die Anfrage von Union Berlin, bei der ich von Anfang an ein gutes Gefühl hatte. Ich denke, ich habe alles richtig gemacht.

Würden Sie das über alle Ihre Trainer-Stationen behaupten?

Insgesamt habe ich 32 Jahre beim FC Zürich verbracht. Diesem Club werde ich immer verbunden bleiben. Auch die Zeit beim FC Thun war toll.

Und der FC Basel?

Am meisten profitiert habe ich wahrscheinlich von der Zeit in Basel. Ich musste lernen, mit dem Druck und auch der Berichterstattung umzugehen. Damit habe ich mir am Anfang schwer getan. Rückblickend war das aber alles sehr lehrreich und ich konnte meinen Trainer-Rucksack füllen. Heute kann ich dadurch mit gewissen Situationen ruhiger umgehen.

Der FC Basel kommt seit Wochen nicht aus den Schlagzeilen. Wie sehen Sie die Situation bei Ihrem alten Arbeitgeber?

Ich hatte eine gute, aber sicher nicht die einfachste Zeit in Basel. Ich denke, ich konnte viele Zweifler überzeugen und habe meine Spuren hinterlassen. Es gibt immer noch Leute dort, zu denen ich einen guten Draht habe. Eine Verbundenheit mit dem FCB ist immer noch da und natürlich leidet man in einer solchen Situation mit den ehemaligen Kollegen mit. Wahrscheinlich hat man in Basel inzwischen aber schon festgestellt, dass nicht alles so einfach ist, wie es damals vielleicht ausgesehen hat.

Wie sieht es in Deutschland mit dem Medienrummel aus?

Das hier in Berlin ist nochmals eine ganz andere Sache. Hier gibt es sieben oder acht Tageszeitungen und praktisch täglich steht ein Bericht über dich in der Zeitung.

Drei Jahre bei Union. So lange waren Sie noch nie bei einem Club. Welche Pläne haben Sie noch in ihrer Trainer-Karriere?

Keine. Da kommt bei mir wieder der Pragmatiker zum Tragen. Ich denke nicht, was in drei Jahren ist. Ich lebe in der Gegenwart. Natürlich hat man das eine oder andere im Hinterkopf, aber ich habe mir keine To-Do-Liste gemacht.

Wo sieht der Pragmatiker Urs Fischer seine kurzfristige Zukunft? In Berlin?

Wo denn sonst?

Bei einem anderen Bundesliga-Club vielleicht? Das Trainerkarussell dreht sich aktuell auf Hochtouren.

Ich fühl mich wohl hier in Berlin und sehe mich auch nächste Saison hier. Aber ich weiss nicht, wie es vielleicht in fünf Monaten aussieht. Es kann ja auch sein, dass der Verein plötzlich mit mir nicht mehr zufrieden ist.

Sehen wir Urs Fischer eines Tages als Nati-Trainer?

Im Moment gefällt mir die tägliche Arbeit. Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, eine Mannschaft nur alle zwei bis drei Monate für einige Tage zu sehen. Daher ist das zurzeit kein Thema für mich.

Von Zürich nach Berlin

Die Karriere von Urs Fischer

Als Spieler absolviert Urs Fischer für den FC Zürich und den FC St. Gallen über 500 Spiele in der höchsten Schweizer Liga. 2000 führt er den FCZ als Captain zum Cupsieg. Für die Schweiz kommt der Innenverteidiger zu vier Länderspielen. Nach seiner Spielerkarriere arbeitet er im Nachwuchs der Zürcher. 2010 wird er Cheftrainer und wird mit dem FCZ 2010/11 Vizemeister. Im März 2012 wird er entlassen. Wenige Monate später übernimmt Fischer beim FC Thun, etabliert die Berner Oberländer im Super-League-Mittelfeld. Im Sommer 2015 unterschreibt er beim FC Basel. In zwei Jahren holt er zwei Meistertitel und einen Cupsieg. Trotzdem wird sein Vertrag 2017 nicht verlängert. Vor drei Jahren unterschreibt Urs Fischer dann bei Union Berlin und steigt mit dem Traditionsclub auf Anhieb in die erste Bundesliga auf. (Iaw)

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