Untergrenze durchbrochen: «Nationalbank hat kurz nicht aufgepasst»
Aktualisiert

Untergrenze durchbrochen«Nationalbank hat kurz nicht aufgepasst»

Über die Ostertage ist der Euro gleich zwei Mal unter die wichtige Grenze von 1.20 Franken gefallen. Experten fordern eine Sicherheitsmarge.

von
Sandro Spaeth

Während sieben Monaten ist alles gut gegangen. Der Euro notierte täglich über dem von der Schweizerischen Nationalbank «verordneten» Mindestkurs von 1.20 Franken. Über die Ostertage wurden die Schweizer Notenbanker aber gleich zweimal auf dem falschen Fuss erwischt. Waren die Schweizer Notenbanker in den Ferien?

Im Februar hatte SNB-Interimsboss Thomas Jordan bei einem Referat noch betont: «Die Verteidigung des Mindestkurses von 1.20 gilt jederzeit, vom Augenblick der Eröffnung der Börsen am Montag in Sydney bis hin zum Börsenschluss in New York am Freitag.» Über Ostern sah es aber anders aus. Am Gründonnerstag kurz vor Mittag tauchte der Euro erstmals seit der historischen Intervention vom 6. September 2011 für kurze Zeit auf 1.1996 Franken. Die SNB setzte aber rasch zum Gegenschlag an und brachte den Kurs über die Marke von 1.20 zurück.

Echte Attacke gegen Franken?

In der Nacht auf Ostermontag erwischte es die Mannen um Thomas Jordan erneut. Laut dem Analyse-Tool von Bloomberg tauchte der Euro kurz nach der Markteröffnung in Asien für rund eine Minute auf 1.1996 Franken. «Die Nationalbank hat kurzzeitig nicht aufgepasst», sagt Sarasin-Ökonom Alessandro Bee. Angreifer könnten in einem wenig liquiden Markt viel bewegen.

Hat man bei der SNB Ostern auf die leichte Schulter genommen? «In den vergangenen Tagen kamen im Markt Gerüchte auf, dass sich bei der SNB vor dem Osterwochenende alle frühzeitig verabschieden würden», sagte John Taylor, Gründer des Währungs-Hedge-Fund FX Concepts, im Interview mit der «Finanz und Wirtschaft».

«Die Taucher sind kein gutes Zeichen», sagt das ehemalige SNB-Direktoriumsmitglied Niklaus Blattner im Gespräch mit 20 Minuten Online. Das Unterschreiten zeige, dass der Markt die 1.20 Franken nicht als sakrosankt einschätze. «Die SNB hat ihr Versprechen, keinen Abschluss unter 1.20 zu tolerieren, nicht zu hundert Prozent eingehalten», schreibt die ZKB in ihrer Daily-Market-Opinion. Die Taucher unter die magische Marke von 1.20 bezeichnen Experten aber als «technisches Problem» und sprechen von Fehlabschlüssen. «Einige Marktteilnehmer haben den Euro unter der Limite der SNB angeboten und Käufer gefunden. Das ist nicht verboten», so Küffer.

Taucher dauerte nur wenige Sekunden

Das Unterschreiten der Kursuntergrenze gibt aber auch Anlass zu Spekulationen: So zitiert Cash-Guru Alfred Herbert Fachleute, die in kürzester Zeit eine echte Attacke gegen die Schweizerische Nationalbank erwarten. Der Euro sei erneut angeknackst und der Franken schreie international nach einer weiteren Aufwertung.

Die SNB gibt sich von den Tauchern unbeeindruckt und setzt am Dienstag zur Erklärung an. «Es liegt mir daran, den Verlauf dieser Entwicklung zu erläutern und die bisherige Politik der Nationalbank zu bekräftigen», so Jordan in einem Communiqué. Der Euro-Franken-Wechselkurs sei innerhalb von wenigen Sekunden von 1.2020 auf 1.2000 gesunken.

Wie man die Aufregung vermeiden könnte

Trotz den in den Handelssystemen gestellten Offerten der SNB, bei 1.20 Euro zu kaufen, sei es zu vereinzelten Abschlüssen unterhalb von 1.20 Franken pro Euro gekommen. Der beste im Markt erhältliche Eurokurs hat laut SNB jedoch den Mindestkurs von 1.20 Franken zu keiner Zeit unterschritten. Der Mindestkurs gelte weiterhin, «und dies ohne Wenn und Aber», so Jordan. Die SNB werde ihn mit allen Mitteln durchsetzen. Zweifel an der Politik der SNB seien fehl am Platz.

Ein Händler äussert im Gespräch mit 20 Minuten Online die Hoffnung, dass die SNB die Lehren aus den Vorfällen gezogen hat und künftig schon kurz vor Erreichen der 1.20-Marke interveniert. «Dann könnte man die Aufregung bei Anlegern und Medien vermeiden.»

Für Ex-SNB-Mann Blattner hat die Glaubwürdigkeit der Notenbank trotz der Vorfälle über Ostern nicht gelitten: Er regt aber an, dass man zur Verteidigung der Kursuntergrenze eine gewisse Reserve zum Mindestkurs 1.20 haben sollte. «Das eigentliche Problem aber ist, dass man diesen Sicherheitsabstand derzeit offenbar nicht hinkriegt.»

Für mehrere Milliarden Euro gekauft

Der Franken hat am Dienstag zum Euro minim an Stärke eingebüsst. Die europäische Gemeinschaftswährung stieg von 1.2015 am Vormittag auf 1.2022 um 15 Uhr. Händler begrüssten die verbale Klarstellung des interimistischen SNB-Präsidenten Thomas Jordan. UBS-Devisenexperte Thomas Flury erklärte, offenbar sei die Franken-Versorgung von kleineren Banken am Ende der Transaktionskette vorübergehend ausgetrocknet. Es werde sich zeigen müssen, ob in ähnlichen Situationen nicht auch in der Schweiz kleinere Banken marginalisiert werden. Die SNB war am Donnerstag aktiv am Markt, sagte Jordan, ohne Details zu nennen. Reuters berichtete unter Berufung auf Händler, die SNB habe Euro für mehrere Milliarden gekauft, um den Kurs zu stützen. Jordan verwies auf die schier unerschöpflichen Mittel der Nationalbank: «Seitens der SNB betragen die Handelslimiten einige hundert Milliarden Euro pro Tag.» Und im Extremfall könnten die Limiten zudem flexibel angepasst werden. Über die Gründe, warum eine Bank bereit war, Euros für weniger als 1,20 Fr. abzugeben und so einen Verlust hinzunehmen, mochte Jordan nicht spekulieren. Devisenhändler nehmen an, dass es Hedgefonds darum ging, die Handlungsfähigkeit und die Standfestigkeit der Notenbank zu testen. (sda)

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